Überlegungen zum neuen Begriff der Naturellwissenschaft



von Günter Hiller, Dipl.-Päd.; Freiburg, Februar 2016


Vorwort

Mit der Umbenennung des Vereins (Anmerkung der Redaktion: gemeint ist der als "Psychographie-Initiative" 1999 gegründete Verein, der jetzt "Initiative zur Förderung der Naturellwissenschaft" heißt)  ist ein neuer Begriff ins Zentrum gerückt, der zu der Frage Anlass gibt: Was soll man sich eigentlich unter dem Begriff „Naturellwissenschaft“ vorstellen? Ich möchte in der folgenden Abhandlung einige Überlegungen zu diesem Begriff anstellen und erläutern, welche Implikationen er mit sich bringt. Dabei werfe ich zunächst einen kurzen Blick in die akademische Psychologie, um einen möglichen Bezug zur Naturellwissenschaft herzustellen. Ein kurzer historischer Abriss von der „Psychographie“ zur „Naturellwissenschaft“ soll einen Überblick über gewisse Entwicklungslinien geben. Ein weiteres Ziel ist es, darzulegen, wie sich der Übergang vom Friedmann- zum Winkler-Modell inhaltlich darstellt, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede es zwischen beiden Modellen gibt, und welche Akzentverschiebungen sich mit dem neuen Begriff der Naturellwissenschaft ergeben. Es wird sich auch zeigen, dass die Frage nach der Veränderbarkeit des Menschen für die Praxis der Naturellwissenschaft wesentlich ist. Zuletzt will ich einige Grundzüge der Naturellwissenschaft in einer zusammenfassenden Weise noch von weiteren Blickwinkeln aus beleuchten und vertiefen.
Generell möchte ich darauf hinweisen, dass die folgenden Überlegungen bezüglich der Naturellwissenschaft und ihrer Implikationen aus meiner persönlichen Lesart bzw. Interpretation resultieren und nicht unbedingt mit anderen Deutungen oder Sichtweisen übereinstimmen müssen. Dasselbe gilt hinsichtlich meiner Interpretation bezüglich des Friedmann- und Winkler-Modells und deren Unterschiede.
Ich möchte mich an dieser Stelle auch bei Werner Winkler bedanken. Die konstruktiven Gespräche, die ich hinsichtlich dieser Thematik mit ihm führen konnte, haben für mich einige wesentliche Klärungen gebracht, die in dieser Abhandlung Eingang gefunden haben.


Inhaltsübersicht

1.    Einleitende Begriffsbestimmungen und summarischer Überblick
2.    Ein kurzer Blick in die akademische Psychologie und der Bezug zur Naturellwissenschaft
3.    Von der „Psychographie“ zur „Naturellwissenschaft“ - ein kurzer historischer Abriss
4.    Das Friedmann-Modell - eine prozessorientierte Persönlichkeitstypologie
5.    Das Winkler-Modell - eine triadisch-prozessuale Persönlichkeitstypologie
6.    Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen dem Friedmann- und dem Winkler-Modell
7.    Die Naturellwissenschaft in der Praxis
8.    Vertiefende Zusammenfassung in Frage-Antwort-Form


1.    Einleitende Begriffsbestimmungen und summarischer Überblick

Der Begriff „Naturell“ bedeutet: angeborene Wesensart; darin sind zwei Teilbedeutungen miteinander verknüpft: 1. angeborene Verhaltensdisposition und 2. natürliche Wesensart. „Wissenschaft“ meint in diesem Zusammenhang: eine methodische Vorgehensweise, die zum Ziel hat, Wissen zu schaffen, das rational begründet, objektiv nachvollziehbar und intersubjektiv überprüfbar bzw. auch kritisierbar ist. Die Wortzusammensetzung „Naturellwissenschaft“ bezieht sich auf ein Persönlichkeitsmodell, das von Werner Winkler (in Anlehnung an Dietmar Friedmann) entwickelt wurde. Dieses Persönlichkeitsmodell wiederum ist eine Persönlichkeitstypologie, die triadisch aufgebaut ist und letztendlich 81 Typ-Unterscheidungen trifft. Kennzeichnend für dieses Modell ist, dass es nur einen Teil der Gesamtpersönlichkeit in den Blick nimmt, nämlich die angeborene Wesensart, also das Naturell. Ferner wird in diesem Modell die Hypothese aufgestellt, dass sich diese Wesensart aufgrund epigenetischer Aktivierungsprozesse in der frühen Embryonalphase entwickelt, was jedoch noch nicht bestätigt ist.

Ein Ziel der Naturellwissenschaft ist es, die angeborene Wesensart zu beschreiben. Bei der Beobachtung der Wesensarten von Personen wurde die Entdeckung gemacht, dass sich diese in Mustern oder Typgruppen einordnen lassen. Daraus resultiert die fundamentale Grundannahme, dass es typische Muster von Naturellen gibt, die sich in Bezug auf bestimmte Bereiche unterscheiden lassen und die sich in typspezifischen Bevorzugungen und Vernachlässigungen hinsichtlich gewisser Verhaltensdispositionen zeigen.


2.    Ein kurzer Blick in die akademische Psychologie und der Bezug zur Naturellwissenschaft

In der wissenschaftlich-akademischen Psychologie gibt es kein einheitliches Bild der Person, sondern im Gegenteil sehr unterschiedliche Modelle der Persönlichkeit. Dies liegt daran, dass der Mensch als Ganzes kaum fassbar ist, sondern immer nur in seinen Teilaspekten gesehen werden kann, die wiederum verstärkt in den Blick genommen und zu Persönlichkeitsmodellen bzw. -theorien ausgebaut werden (vgl. dazu Pervin 2000). Zu den wichtigsten zählen: (evolutions-)biologische, psychodynamische, behaviorale, humanistische, systemische, kognitive, emotionale, soziale, kulturelle, interaktionale sowie eigenschafts- bzw. faktorenanalytische Theorien. Zudem könnte man hier auch die Temperamentstheorien einordnen. Aus diesen Modellen wiederum resultieren ganz unterschiedliche Menschenbilder, die sich teilweise jedoch diametral widersprechen.

Auch gibt es innerhalb der Persönlichkeitspsychologie (vgl. Asendorpf 1999) kein einheitliches Klassifikations- bzw. Gliederungsschema der verschiedenen Persönlichkeitsmerkmale, das sich allgemein durchgesetzt hätte. Gleichwohl finden sich in den meisten Lehrbüchern folgende wichtige Unterscheidungen (in der Klammer sind zum Teil nur die wichtigsten Beispiele aufgeführt):

Gestaltmerkmale (Hautfarbe, Geschlecht, Körpergröße und -form, „Attraktivität“); Ausdrucksmerkmale (Gestik, Mimik, Körperhaltung, Stimme, Gang); kognitive Merkmale (Intelligenz; Kreativität); emotionale Merkmale (Empfindung, Gefühl, Stimmung); motivationale Merkmale (Bedürfnis, Trieb, Wille); praktische Merkmale (z.B. künstlerische, sportliche, handwerkliche Fertigkeiten); Bewertungsmerkmale (Werthaltungen, Einstellungen, Überzeugungen, Glaube); selbst- und ichbezogene Merkmale (Ich-Funktionen, Selbstbilder); soziologische Merkmale (Herkunft, Milieu, Bildung, Status). Und nicht zuletzt Temperamentsmerkmale (die für unseren Zusammenhang besonders wichtig sind). Hierbei werden wiederum unterschieden:

•    Persönlichkeitsstile (nur eine Auswahl): Erklärungs- bzw. Attributionsstile (personal vs. situativ); Erwartungsstile (Optimismus vs. Pessimismus); Bewältigungsstile (problemorientiert vs. lösungsorientiert); Denkstile (analytisch vs. synthetisch).
•    Persönlichkeitsfaktoren-Modelle: zum Beispiel das Big-Five-Modell (Neurotizismus, Extraversion, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, Offenheit für neue Erfahrungen).
•    Persönlichkeitstypologien (nur eine Auswahl): Hippokrates (Sanguiniker, Phlegmatiker, Choleriker, Melancholiker); Kretschmer (pyknisch, athletisch, leptosom), Spranger (theoretischer, ökonomischer, ästhetischer, religiöser, politischer, sozialer Mensch); Jung (extravertiert/introvertiert); Riemann (schizoide, depressive, zwanghafte, hysterische Persönlichkeit); Enneagramm (Neunereinteilung: Typ eins bis neun); Friedmann/Winkler (Beziehungs-, Sach-, Handlungstyp).

Alle diese Persönlichkeitsmerkmale werden in der Persönlichkeitspsychologie thematisiert und untersucht. Dabei steht natürlich auch die Frage im Raum, wie sich diese Merkmale entwickeln.

Innerhalb der Entwicklungspsychologie (vgl. Oerter/Montada 1995) besteht ein gewisser Konsens darin, dass die Person sich aus drei fundamentalen Bereichen heraus entwickelt, die in sogenannten (interaktionalen) bio-psycho-sozialen Modellen zusammengefasst sind, die innerhalb der akademischen Psychologie einen hohen Stellenwert besitzen.
•    Der Mensch ist ein biologisches Wesen, das von genetischen und epigenetischen Anlagen gesteuert wird. Diese wiederum steuern über unterschiedliche Konzentrationen bestimmter Hormone und Botenstoffe die Gehirnentwicklung und können somit zu unterschiedlichen hirnbiologischen Struktur- und Funktionsweisen führen.
•    Der Mensch ist ein soziales Wesen, das von kulturellen und gruppenspezifischen Umweltprozessen geprägt wird. Angefangen von kulturellen Besonderheiten (matriarchale, patriarchale, kollektivistische, individualistische usw.) über sozialpsychologische Einflussgrößen (hinsichtlich Herkunft, Milieu, Geschwisterkonstellation, Erziehung, Bildung, Beruf, Status usw.) bis hin zu weltanschaulichen (sozialistischen, kapitalistischen usw.) und religiösen Grundeinstellungen (jüdische, christliche, islamische, buddhistische usw.) ist hier alles vertreten, was die Person von außen her beeinflussen kann.
•    Der Mensch ist ein psychisches Wesen, das als Person selbstreflexiv zu diesen anlagebedingten und umweltbezogenen Einflussfaktoren Stellung nehmen und sich auch in bestimmten Graden und innerhalb gewisser Grenzen selbst verändern kann.
In der Entwicklungspsychologie gibt es somit drei Entwicklungsfaktoren (das Biologische, das Soziale, das Psychische), die von zwei fundamentalen Entwicklungsprozessen gesteuert werden (Lernen und Reifung), hinter denen wiederum drei Entwicklungsinstanzen stehen (Anlage, Umwelt, Person). Diese wiederum stehen in einem interaktionalen Wechselwirkungsverhältnis (beeinflussen sich also gegenseitig).

Wichtig in diesem Zusammenhang ist es, zwischen Lernen und Reifung zu unterscheiden. Lernen ist Verhaltensveränderung aufgrund von Erfahrung und Übung. Beispiel: Sprachentwicklung. Von der Anlage her besitzt jeder Mensch die Fähigkeit, sprechen zu können. Aber ein Kind lernt erst dann richtig sprechen, wenn seine Bezugspersonen (sprich die Umwelt) auch tatsächlich mit ihm sprachlich kommunizieren. Und je intensiver sie das machen, desto besser lernt das Kind die jeweilige Sprache. Anders ist es bei der Reifung. Sie ist die gengesteuerte Entfaltung biologischer Strukturen und Funktionen. Dies ist ein stark passiver Vorgang, der von inneren Anlagen her gesteuert wird. Beispiel: Geschlechtsreife. Die Menstruation lässt sich nicht erlernen, sondern diese geschieht von ganz allein. Das heißt, irgendwann im Laufe der Pubertät zeigt sie sich (aufgrund biologischer Reifungsprozesse). Die Umwelt ist hierbei kaum beteiligt; sie beeinflusst allerdings den Zeitpunkt des ersten Auftretens (Beispiel: Akzeleration; gemeint ist hier das Phänomen, dass das Einsetzen der Menstruation bei Mädchen immer früher erfolgt. Während europäische Mädchen ihre Regel vor rund hundert Jahren noch im Durchschnitt mit 16 bekamen, sind heutige Mädchen durchschnittlich rund 11 Jahre alt. Für die Gründe werden Umweltfaktoren verantwortlich gemacht).

Nun gibt es Persönlichkeitsmerkmale, deren Entwicklung sich eher Reifungsprozessen zuschreiben lassen, andere hingegen eher Lernprozessen. Weitere sind eine Verschränkung bzw. Kombination aus Reifung und Lernen. Dies gilt insbesondere für komplexere Eigenschaften wie Intelligenz, Kreativität, Aggressivität, Altruismus usw., bei denen sowohl genetische wie auch psycho-soziale Faktoren eine große Rolle spielen. Körperliche Eigenschaften wie Geschlechtsreife oder Körpergröße resultieren dagegen ganz überwiegend aus Reifungsprozessen, während praktische Merkmale wie handwerkliche oder künstlerische Fertigkeiten überwiegend gelernt werden können. Und wie steht es mit den Temperamentseigenschaften? Unterliegen sie eher Reifungs- oder Lernprozessen? 
Es gibt eine Grundtatsache, die bereits jeden Eltern, die mehrere Kinder haben, geläufig ist: Ihre Kinder sind zumeist sehr unterschiedlich. Bereits Säuglinge und Kleinkinder zeigen unterschiedliche Eigenschaften, die kaum auf Lernprozesse zurückgeführt werden können, da sie schon sehr früh sichtbar werden. Für diese Eigenschaften gibt es in der akademischen Psychologie einen Fachbegriff: das Temperament. Dieses gilt in hohem Maße als angeboren und als nahezu unveränderbar. Allerdings drückt sich die akademische Psychologie hier vorsichtiger aus und spricht statt von Unveränderbarkeit lieber von „relativ zeitstabilen“ Eigenschaften.

Ein nicht unwesentliches Problem zeigt sich hinsichtlich der Verwendung des Begriffs „Temperament“. Er hat (mindestens) drei unterschiedliche Bedeutungen: In der Umgangssprache versteht man darunter die lebhafte Wesensart im Sinne eines überschwänglichen Verhaltens oder eines schwungvollen Auftretens. Ganz anders in der akademischen Psychologie. Hier gibt es ein engeres und ein weiteres Verständnis: Im engeren Sinne wird dieser Begriff zur Bezeichnung von (überwiegend) ererbten bzw. angeborenen Merkmalsbereichen verwendet, wobei hier vor allem die sogenannten Formaleigenschaften gemeint sind. In einem weiteren Sinne meint dieser Begriff aber auch die Art und Weise, wie sich jemand verhält. Es geht dabei eher um den Stil des Verhaltens bzw. um die Verhaltensqualität. Diese unterschiedliche Bedeutungsgebung wirkt sich sehr ungünstig auf die interdisziplinäre Verständigung aus. Wenn Entwicklungspsychologen von „Temperament“ sprechen, können sie etwas sehr Unterschiedliches meinen, was allein schon dadurch zum Ausdruck kommt, dass es innerhalb der Temperamentsforschung keinen Konsens über die genaue Begriffsverwendung gibt.

Innerhalb der modernen Temperamentsforschung (vgl. dazu Petermann u.a. 2004) gibt es unterschiedliche Modelle, das Konzept „Temperament“ zu bestimmen und zu untersuchen. Deswegen kann man auch von keiner einheitlichen Temperamentsforschung sprechen; vielmehr differenziert sie sich in verschiedene Richtungen mit unterschiedlichen Forschungsschwerpunkten aus. Wegweisend wird allerdings die (ab Mitte der 1950er Jahre durchgeführte) Langzeitstudie der amerikanischen Temperamentsforscher Alexander Thomas und Stella Chess angesehen. Sie unterscheiden neun Temperamentsdimensionen, die sie aus Beobachtungsdaten ableiten: das Aktivitätsniveau (Wie stark ist bei Kindern die Grundaktivität ausgebildet?); biologische Rhythmen (Wie zeigt sich z.B. der kindliche Schlaf- und Wachrhythmus?); Annäherungs- und Rückzugsverhalten (Wie reagieren Kinder auf neue Reize?); Anpassungsfähigkeit (Wie schnell oder gut können sich Kinder neuen Situationen anpassen?); sensorische Reaktionsschwelle (Wie stark muss ein Reiz sein, damit er für ein Kind überhaupt wahrnehmbar wird?); Reaktionsintensität (Wie stark reagieren Kinder ganz allgemein auf bestimmte Reize?); Stimmungslage (Wie zeigen sich Kinder in ihrer Grundstimmung?); Ablenkbarkeit (Wie schnell und stark lassen sich Kinder ablenken?) und Aufmerksamkeitsspanne (Wie lange können sich Kinder konzentrieren und beharrlich an einer Sache dranbleiben?).
Da sich diese sogenannten Formaleigenschaften teils schon bei Säuglingen bzw. sehr jungen Kindern zeigen, gelten sie in einigen Teilen der Temperamentsforschung als angeboren. Dabei handelt es sich um Merkmale, die bei der Geburt bereits vorhanden sind, die jedoch nicht rein genetisch bedingt sein müssen, sondern entweder epigenetisch erworben oder durch ganz bestimmte vorgeburtliche Umwelteinflüsse erworben sein können.

Aus der qualitativen Daten- und Faktorenanalyse der Studie von Thomas und Chess ergaben sich drei verschiedene Temperamentskonstellationen: das „pflegeleichte“ bzw. „einfache Kind“ (40 Prozent ihrer untersuchten Stichprobe), das eher positiv gestimmt, anpassungsfähig und in der Reizverarbeitung ausgeglichen ist; das „schwierige Kind“ (10 Prozent), das eher negativ gestimmt, häufiger unruhig und emotional instabil ist und eine geringe Anpassungsfähigkeit zeigt und das „langsam auftauende Kind“ (15 Prozent), das sich nur zögerlich auf neue Reize einlässt und sich gegenüber diesen teils auch abweisend zeigt. Hinzu kam eine „unauffällige Temperamentsgruppe“ (35 Prozent), die sich in die Dreier-Gruppierung nicht eindeutig zuordnen ließ.
Kritisch gesehen werden in dieser Aufzählung allerdings die stark wertenden und problematischen Bezeichnungen wie „pflegeleicht“ oder „schwierig“. Aber unabhängig von dieser Kritik ist der Befund beachtenswert, dass sich bereits Säuglinge bzw. Kleinstkinder hinsichtlich ihrer Formaleigenschaften überhaupt einordnen bzw. „typisieren“ lassen.

An dieser Stelle treffen Naturellwissenschaft und zumindest ein Teil der Temperamentsforschung zusammen. Denn auch die Naturellwissenschaft geht davon aus, dass das Naturell genauso wie das Temperament angeboren ist und dass, so die bisherige Hypothese, anlagebedingte, also epigenetische Aktivierungsprozesse im Hintergrund der Entwicklung stehen. Während ein großer Teil der Temperamentsforschung eher die Formaleigenschaften untersucht, stehen in der Naturellwissenschaft die inhaltlichen Eigenschaften bzw. spätere Wesenseigenschaften im Fokus der Betrachtung.
Den Zusammenhang zwischen den beiden Eigenschaftsweisen könnte man sich folgendermaßen vorstellen: Ausgangspunkt sind epigenetische Aktivierungsprozesse, aus denen die Formaleigenschaften resultieren. Die Temperamentsforschung versucht, diese operationalisierbar (= beobachtbar und messbar) zu machen. Dabei konzentriert sie sich zu einem großen Teil auf rein formale Reiz-Reaktionsbestimmungen. So wird beispielsweise einem Kleinkind ein Gegenstand dargereicht (= Reiz) und dann gemessen bzw. beobachtet, wie schnell es danach greift und wie lange und intensiv es sich damit beschäftigt (= Reaktionen). Diese zunächst noch formalen Reaktionstendenzen verdichten sich im Laufe der Zeit zu inhaltlichen Wesenseigenschaften, die die Naturellwissenschaft in den Blick nimmt, und sie auch phänomenologisch beschreibt.

Eine weitere Parallele zwischen Naturellwissenschaft und gewissen Teilen der Temperamentsforschung ist darin zu sehen, dass auch sie Typologien aufstellt, weil durch vielfältige Beobachtungen erkannt wurde, dass sich Menschen nach ihrer jeweiligen Wesensart hinsichtlich bestimmter Kriterien unterscheiden und das heißt auch typisieren lassen. Das Besondere an der Naturellwissenschaft ist, dass sie dabei nicht die Gesamtperson mit all ihren bio-psycho-sozialen Anteilen in den Blick nimmt, sondern nur jene Wesensmerkmale, von denen sie annimmt, dass sie aus angeborenen Verhaltensdispositionen resultieren.
Die Temperamentsforschung ihrerseits kann auf eine lange und alte Tradition zurückblicken, haben sich doch schon in der Antike Temperamentslehren ausgebildet, die allerdings heutigen wissenschaftlichen Maßstäben nicht mehr gerecht werden. So ist die wohl bekannteste Temperamentslehre, die auf Hippokrates zurückgeht und die aus Körpersäften (Blut, Schleim, schwarze und gelbe Gallenflüssigkeit) Wesenseigenschaften ableitet (Sanguiniker, Phlegmatiker, Choleriker, Melancholiker), wissenschaftlich unhaltbar. Was sich jedoch bis heute in dieser Forschungstradition gehalten hat, sind zwei Grundgedanken, die bereits in der Antike ihren Ursprung hatten: Zum einen die Vermutung, dass biologische Parameter auf die Wesensart einwirken; sie gar zu einem hohen Maße bestimmen und zum anderen die Tendenz, diese Wesensarten typisieren zu können. Aber eine derartige Typisierung stößt in der akademischen Psychologie auf weitgehende Ablehnung, da man meint, eine komplexe Persönlichkeit nicht auf einige wenige typische Grundmerkmale reduzieren zu können. Falls jedoch einmal biologische Marker gefunden werden, die in Zusammenhang stünden mit spezifischen Persönlichkeitsmerkmalen, so könnte sich daraus ein ernst zu nehmender Forschungszweig ergeben. Und eine Naturellwissenschaft in Verbund mit der akademischen Temperamentsforschung sowie der modernen Genetik und Epigenetik könnte darauf hinarbeiten, solche Marker zu finden (wobei die Naturellwissenschaft nicht die ganze Persönlichkeit, sondern nur einen Teilaspekt beschreibt und untersucht).


3.    Von der „Psychographie“ zur „Naturellwissenschaft“ – ein kurzer historischer Abriss

Anfang des 20. Jahrhunderts begründete der Psychologe William Stern die systematisch-wissenschaftliche Differentielle Psychologie (= Beschreibung der intra- und interindividuellen Unterschiede einer Person). In diesem Zusammenhang stellte er vier methodische Zugänge zu dieser Disziplin dar: die Variations-, Korrelations- und Komparationsforschung sowie die Psychographie (wörtlich: Beschreibung der Seele). Damit sollte eine einzelne Person in Bezug auf viele Merkmale beschrieben werden. Aus den einzelnen Beschreibungen lassen sich dann, je nach untersuchten Merkmalen, Persönlichkeitsprofile bzw. Psychogramme erstellen. Diese können vielfältige Dimensionen beinhalten: von den Körperbauformen über das Temperament bis hin zu Fähigkeiten und Fertigkeiten (vgl. dazu Amelang/Bartussek 1997; Dorsch 2009).

Anfang der 1990er Jahre hat Dietmar Friedmann, zu dieser Zeit als Dozent an einem psychologischen Ausbildungsinstitut tätig, populärwissenschaftliche Bücher veröffentlicht (Friedmann 1990ff), in denen er den Begriff „Psychographie“ verwendet, und zwar im Zusammenhang einer „Landkarte der Persönlichkeit“ (ohne den von Stern verwendeten Begriff gekannt zu haben, benutzt er die Wortbestandteile aus „Psychologie“ und „Geographie“ und zieht sie zum Begriff „Psychographie“ zusammen). Auch ihm geht es um eine Beschreibung der Person. Im Unterschied zur akademischen Psychologie werden bei ihm aber keine umfassenden Merkmalsbeschreibungen oder Leistungstests betrieben, sondern er entwickelt eine Persönlichkeitstypologie, die auf „drei eigengesetzlichen Lebensbereichen“ basiert, aus denen er drei Typen ableitet. In der Differentiellen Psychologie dagegen werden Persönlichkeitstypen nicht aus der Psychographie abgeleitet, sondern aus der Komparationsforschung, indem zwei oder mehrere Personen in Bezug auf viele Merkmale untersucht und dann miteinander verglichen werden. Bei entsprechenden Übereinstimmungen lassen sich Personen nach Typen klassifizieren (vgl. dazu Asendorpf 1999).

Im Januar 1999 haben Werner Winkler, ein Schüler von Friedmann, und Friedmann selbst, den Verein „Psychographie-Initiative e.V.“ ins Leben gerufen mit dem Ziel, seine Psychographie einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen. Im Herbst desselben Jahres stellte Winkler sein eigenes Modell vor, auch in der Hoffnung, dass Friedmann es adaptiert. Dies war jedoch nicht der Fall, abgesehen von der Einbeziehung des Wir-Bezuges.
In den darauffolgenden Jahren hat auch Winkler sein Modell in mehreren Büchern publiziert (Winkler 1999ff). Auch er spricht von „Landkarte der Psychographie“ bzw. von „Lebensbereichen und daraus ableitbaren Persönlichkeitstypen“. Allerdings hat er Friedmanns Modell erweitert durch eine andere Anordnung dieser Lebensbereiche und ihrer Ausdifferenzierung.
Somit standen in der Folgezeit zwei unterschiedliche Modelle im Raum, die unter dem Oberbegriff „Psychographie“ zusammengefasst waren. Ich selbst sprach damals vom „Friedmann-Modell“ und vom „Winkler-Modell“ und habe in einem Vortrag auf dem 3. Psychographie-Tag im Jahr 2001 (in einer gemeinsamen Veranstaltung mit Ritva Abao) die Unterschiede zwischen diesen Modellen referiert.

Auf dem 5. Psychographie-Tag, der 2003 in Stuttgart stattfand, hat Klaus Fritz, ein Co-Autor von Friedmann, einen Vortrag gehalten, in dem er den Begriff „Naturell“ ins Spiel brachte. Diesen Begriff hat Winkler in seinen neueren Publikationen aufgenommen, weil er ihn für geeigneter hielt, das zum Ausdruck zu bringen, worum es ihm in seinem Modell ging. Sein Anliegen besteht darin, nicht die Gesamtperson in den Blick zu nehmen, sondern nur den angeborenen Wesensanteil und die daraus resultierenden unterschiedlichen Gewichtungen, die die Wesensart einer Person (eben aus dem Blickwinkel dieses angeborenen Anteils) ausmachen. Damit lässt sein Modell Raum für die anderen Einflüsse, die insbesondere von der Pädagogik, der Psychologie, der Soziologie und den Kulturwissenschaften thematisiert werden. Dadurch entspricht dieses Modell auch einem wissenschaftlichen Konsens, denn es berücksichtigt die Tatsache, dass der Mensch/die Person auch von anderen Einflüssen bestimmt wird. Und es tritt auch bescheidener auf, weil es eben „nur“ den angeborenen Anteil ins Zentrum stellt und dadurch die Thematisierung der weiteren Anteile den anderen Wissenschaften überlässt.

In den weiteren Jahren hat Winkler Versuche unternommen, sein Modell gegenüber dem von Friedmann sprachlich abzugrenzen. Es tauchten Benennungen auf wie „Psychographie81“ oder „123-Modell“.
Ende des Jahres 2015 kam es innerhalb des Psychographie-Vereins zu einer Diskussion darüber, den Verein, aufgrund eines Antrags von Winkler, umzubenennen. Anfangs stand der Begriff „Naturellkunde“ (in Anlehnung an Erdkunde, Naturkunde, Heilkunde) im Raum, der jedoch von nicht wenigen Mitgliedern stark kritisiert wurde. In Anlehnung an eine englische Übersetzung „science of inner nature“ brachte Winkler den Begriff „Naturellwissenschaft“ ins Spiel, auf den sich die Mehrheit der abstimmenden Mitglieder auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung Ende Januar 2016 geeinigt haben. Seither heißt der Verein „Initiative zur Förderung der Naturellwissenschaft e.V.“ Damit ist auch eine sprachlich eindeutigere Zuordnung der Modelle möglich geworden.


4.    Das Friedmann-Modell - eine prozessorientierte Persönlichkeitstypologie

Im Unterschied zu klassischen Typologien, die meist rein deskriptiv bzw. phänomenologisch konzipiert sind, ist Friedmanns Typologie prozessorientiert, d.h., sie beschreibt innere dynamische Zusammenhänge sowie Entwicklungsaspekte. Innerhalb seines Modells können vier zentrale Aspekte unterschieden werden (vgl. dazu Friedmann 1990ff):

1. Die drei eigengesetzlichen Lebensbereiche (struktureller Aspekt)
Friedmann geht davon aus, dass die Wirklichkeit aus drei Bereichen besteht - Beziehung, Erkennen, Handeln -, die eigengesetzlich strukturiert sind, d.h., jeder Bereich hat seine eigenen „Gesetzmäßigkeiten“, die der Einzelne kennen und einhalten sollte, um sich angemessen darin bewegen zu können. Man sollte z.B. wissen, welche Ziele im jeweiligen Bereich gelten und welche Fähigkeiten man braucht, um diese Ziele zu erreichen. Auch hat jeder Bereich seine eigene Zeitdimension.
•    Der Bereich Beziehung zielt auf die Erfüllung des Bedürfnisses zu lieben und geliebt zu werden bzw. Partnerschaft (Ehe) oder Freundschaft zu (er)leben und sich darin anerkannt und wohl zu fühlen. Dazu bedarf es emotionaler Fähigkeiten wie z.B. emotionale Intelligenz, Offenheit, Vertrauen, Spontanität (Lebendigkeit). Beziehung ist stets gegenwartsorientiert, d.h., Gefühls- (Beziehungs-)erleben gibt es nur im Hier und Jetzt.
•    Der Bereich Erkennen zielt auf Verstehen, Begreifen; es geht um Erkenntnisgewinn und Wahrheit. Hier benötigt man in erster Linie kognitive Fähigkeiten wie z.B. rationale Intelligenz, d.h. logisches, deduktives, induktives, analoges Denken, aber auch Konzentration, Interesse usw. Man sollte fähig sein, Sachverhalte zu analysieren, zu differenzieren, zu strukturieren. Erkennen ist stets vergangenheitsorientiert, weil das Zuerkennende bereits da ist; es muss „nur“ entdeckt, erschlossen oder auch konstruiert werden.
•    Der Bereich Handeln zielt auf ein Produkt; es geht darum, etwas zu tun, zu machen, herzustellen, zu produzieren: ein Haus, ein Kunstwerk, eine Dienstleistung, eine Nachricht usw. Hierzu braucht man zunächst motivationale Fähigkeiten wie z.B. Willenskraft, Tatkraft, Entschlossenheit, Durchsetzungsvermögen, aber auch praktische Fähigkeiten (Fertigkeiten) wie z.B. handwerkliches Können und Geschicklichkeit. Handeln ist stets zukunftsorientiert: Ich (er)schaffe etwas, was noch nicht da ist.
Verhält sich der Einzelne bereichsunangemessen, ergeben sich häufig Probleme, so z.B. wenn ein Verhalten, das in einem Bereich seine Gültigkeit hat, auf einen anderen Bereich übertragen wird.

2. Die drei eigenständigen Ichs (struktureller Aspekt)
Friedmann geht weiter von einer Entsprechung der äußeren und inneren Wirklichkeit aus, d.h., den drei eigengesetzlichen Lebensbereichen entsprechen drei eigenständige Ichs. Die menschliche Psyche hat sich auf diese Lebensbereiche hin spezialisiert und ein Beziehungs-, Erkenntnis- und Handlungs-Ich ausgebildet mit den entsprechenden Fähigkeiten, die sie benötigt, um sich in den jeweiligen Lebensbereichen zurechtzufinden.
Die entscheidende Grundannahme Friedmanns ist nun die, dass zwar alle Menschen über diese drei Ichs verfügen, allerdings in unterschiedlicher Ausprägung. Anders formuliert: Die Menschen haben sich auf einen dieser Bereiche spezialisiert. Und genau damit ist sein Typenkonzept begründet. Entsprechend den Ausprägungen der Ichs postuliert Friedmann einen Beziehungstyp, einen Sachtyp (folgerichtig müsste er eigentlich Erkenntnistyp heißen) und einen Handlungstyp und charakterisiert sie folgendermaßen:
•    Der Beziehungstyp erscheint als lebendig, zuwendend; auch liebenswürdig-gewinnend, aber auch: kontrolliert (im Gefühl), dynamisch (im Auftreten).
•    Der Sachtyp erscheint als ruhig, zurückhaltend; auch nachdenklich-abwägend bzw. sachlich-nüchtern.
•    Der Handlungstyp erscheint als energisch, tatkräftig; auch direkt-entschlussfreudig (im Extrem: kämpferisch-maßgebend).
Friedmanns typologisches Konzept impliziert also, dass es typische Grundmuster des Verhaltens und Erlebens gibt, die sich um diese drei Lebensbereiche bzw. um die drei Ichs hin organisieren. Friedmann beschreibt diese Typenmuster in seinen Büchern und interpretiert sie in der Sprache der Transaktionsanalyse (Ich-Zustände, Skripts, Antreiber, Spiele usw.). Ferner zeigt er Parallelen zu tiefenpsychologischen Typenlehren auf (z.B. Fritz Riemann), zu konstitutionstypologischen Konzepten der Homöopathie (z.B. Catherine R. Coulter) sowie zum Enneagramm (z.B. Helen Palmer).

3. Die persönlichkeitstypischen Codes (dynamischer Aspekt)
Für Friedmann stehen die drei Lebensbereiche (bzw. Ichs) nicht unverbunden nebeneinander, sondern sind prozesshaft miteinander verbunden, und zwar in einer bestimmten Reihenfolge. Daraus ergeben sich sogenannte persönlichkeits- (bzw. struktur)typische Codes, also charakteristische Abfolgen der drei Bereiche.
Die prozesshafte Abfolge zwischen diesen Bereichen lässt sich wie folgt darstellen (Ausgangsfrage ist: Wie gelangt der Einzelne sozusagen in eine Beziehung, ins Erkennen, ins Handeln?):
•    Ausgangspunkt der Beziehung ist das Erkennen (Wahrnehmung eines anderen), das über das Handeln (entscheiden, Tun) zur Beziehung (zum Beziehungserleben) führt.
•    Ausgangspunkt des Erkennens ist ein Handeln (besser: eine Handlung, ein Ereignis), das über die Beziehung (besser: eine gefühlsmäßige Reaktion) zum Erkennen (fragen, denken, Problem lösen) führt.
•    Ausgangspunkt des Handelns ist ein Beziehungserleben (genauer: ein Gefühl, ein Bedürfnis), das über das Denken (bewerten, planen) zum Handeln (realisieren) führt.
Die Beachtung dieser Reihenfolge ist für ein Gelingen im jeweiligen Bereich entscheidend, überspringt man einen Bereich bzw. lässt einen aus, kann dies zu Problemen führen:
•    Geht man vom Fühlen zum Handeln und vernachlässigt das genaue Reflektieren, so kann dies z.B. zu unüberlegten Entscheidungen und damit eventuell zu Enttäuschungen führen.
•    Ein Wechsel vom Denken ins Fühlen unter Vernachlässigung des Handelns führt z.B. zu abhängigem Beziehungsverhalten (oder überhaupt zu keiner Beziehung), wobei negative Gefühle häufig die Folge sind.
•    Geht man vom Handeln ins Denken und übergeht dabei die Gefühle, so kann dies z.B. zu unerbittlichen Urteilen führen bzw. zu einem Denken ohne jedes Mitgefühl.

4. Der Persönlichkeits-, Entwicklungs- und Zielbereich (Entwicklungsaspekt)
Entwicklung der Persönlichkeit bedeutet für Friedmann wegzukommen von der eindimensionalen Ausgangspersönlichkeit hin zu einer entwickelten, d.h. mehrdimensionalen Persönlichkeit, die alle drei Bereiche gleichermaßen integriert hat.
Diese Entwicklung geschieht nun ebenfalls prozessorientiert. Um die Abfolge dieses Prozesses beschreiben zu können, unterscheidet Friedmann zwischen einem Persönlichkeits-, Entwicklungs- und Zielbereich:
Der Persönlichkeitsbereich umfasst die Ausgangspersönlichkeit, die durch Mangelerfahrung in der Kindheit (Mangel des Beziehungstyps an emotional-liebevoller, des Sachtyps an sinnenhaft-geistiger und des Handlungstyps an energetisch-erlaubender Zuwendung) und durch entsprechende Kompensationsversuche entstanden ist. Bereits Kinder haben sich somit auf einen bestimmten Bereich spezialisiert, der dementsprechend energetisch stark besetzt ist und der die Persönlichkeit entscheidend prägt.
Im Entwicklungsbereich besteht ein Defizit. Deshalb ist dieser Bereich energetisch auch am schwächsten besetzt. Um dieses Defizit auszugleichen, bedarf es der sogenannten Schlüsselfähigkeiten (für Friedmann eine der wichtigsten Entdeckungen). Mittels dieser Fähigkeiten hat man sozusagen den Schlüssel für die eigene Persönlichkeitsentwicklung in der Hand. Somit besteht die Entwicklungsaufgabe darin, diese Schlüsselfähigkeiten zu aktivieren und zu fördern.
Entscheidend ist, dass diese Fähigkeiten typspezifisch unterschiedlich sind (es sind quasi jeweils die Grundfähigkeiten des anderen Typs):
•    Die Schlüsselfähigkeiten des Beziehungstyps liegen in den Erkenntnisfähigkeiten (im Erkenntnis-Ich):
geduldig zuhören, sich informieren, Situationen alternativ durchdenken, sich gelassen zeigen usw.
•    Die Schlüsselfähigkeiten des Sachtyps liegen in den Handlungsfähigkeiten (im Handlungs-Ich):
kraftvoll und entschlossen handeln, Verantwortung übernehmen, fürsorglich mit anderen umgehen, sich geradlinig und zielorientiert verhalten usw.
•    Die Schlüsselfähigkeiten des Handlungstyps liegen in den Beziehungsfähigkeiten (im Beziehungs-Ich):
Gefühle zulassen, sich in andere einfühlen, sich spontan zeigen können, Spaß haben usw.
Im Zielbereich ist der Einzelne besonders anfällig, sich fremdbestimmt zu verhalten. Auch diese Fremdbestimmung ist wiederum typspezifisch:
•    Der Beziehungstyp neigt in seinem Zielbereich Handeln dazu, das zu tun, was andere von ihm erwarten oder sich zu profilieren und mit anderen zu konkurrieren.
•    Der Sachtyp verhält sich in seinem Zielbereich Beziehung indifferent und abwartend.
•    Der Handlungstyp verhält sich in seinem Zielbereich Erkennen autoritätsgläubig und angepasst.
Ziel ist es, sich in den jeweiligen Bereichen selbstbestimmt verhalten zu können, und dazu benötigt man wiederum seine Schlüsselfähigkeiten.


5.    Das Winkler-Modell - eine triadisch-prozessuale Persönlichkeitstypologie

Die folgende Zusammenfassung bezieht sich auf das „klassische“ Winkler-Modell, so wie es sich in den Jahren zwischen 1999 und 2010 präsentiert hat und in den entsprechenden Veröffentlichungen zum Ausdruck kommt (vgl. dazu Winkler 1999 – 2010).
Winklers Modell ist von seinem Grundaufbau her ebenfalls eine prozessorientierte Persönlichkeitstypologie, insofern es bestimmte Struktur- und Prozessmerkmale aus dem Friedmann-Modell übernimmt. Allerdings modifiziert und erweitert Winkler diese Strukturen und Prozesse in ganz eigenständiger Weise und verbindet sie mit einem konsequent triadischen Denken (das sich bei Friedmann nur in Ansätzen finden lässt). Zudem verwendet Winkler teils auch andere Benennungen, die er auch selbst immer wieder verändert. Innerhalb seines Modells können ebenfalls (wie bei Friedmann) vier zentrale Aspekte unterschieden werden:

1. Psychographische Landkarte (struktureller Aspekt)
Winkler konstruiert in seinem Modell eine sogenannte „psychographische Landkarte“, die er im Laufe der Jahre immer wieder graphisch modifiziert hat. Sein struktureller Aufbau hingegen bleibt durchgängig erhalten. Winklers Grundannahme besteht darin, dass sich das Erleben des Menschen hinsichtlich bestimmter Lebensbereiche gliedern lässt, die er als triadisch erkennt und ausdifferenziert. Gerade dieses triadische Denken ist kennzeichnend für sein Modell und zieht sich durch seine gesamte Konzeption.
Winkler unterscheidet zunächst einmal die drei grundlegenden Lebensbereiche Beziehung, Zeit, Tätigkeit.
•    Beziehung steht auch für Verbundenheit; Bezug zu anderen Personen, für ein Gegenüber.
•    Zeit steht auch für Dasein, Existenz, Seinsweise.
•    Tätigkeit steht auch für Aktivität, Tatkraft, Schaffen.
Von diesen Grundbereichen leitet er jeweils drei Unterbereiche mit bestimmten Fähigkeitsdimensionen ab, sodass sich zwölf Bereiche ergeben:
•    Im Beziehungs-Bereich unterscheidet er die Du-Bezogenheit (als Fähigkeit, sich auf Beziehungen und ein Gegenüber einzulassen und sich von diesem empathisch berühren zu lassen); die Ich-Bezogenheit (als Fähigkeit, sich der Beziehung zu sich selbst bewusst zu sein, über sich reflektieren und sich auch hinterfragen zu können); die Wir-Bezogenheit (als Fähigkeit, sich auf größere Gruppen einzulassen und sich mit ihnen identifizieren zu können).
•    Im Zeit-Bereich unterscheidet er die Gegenwartsorientierung (als Fähigkeit, im Hier und Jetzt zu sein und seine Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment richten zu können); die Vergangenheitsorientierung (als Fähigkeit, Vergangenes exakt zu speichern und sich detailliert an Einzelheiten erinnern zu können); die Zukunftsorientierung (als Fähigkeit, Zukünftiges zu antizipieren und in die situative Betrachtung einbeziehen zu können).
•    Im Tätigkeits-Bereich unterscheidet er das Fühlen bzw. Wahrnehmen (als Fähigkeit, Reize aufnehmen und die Umwelt auch „sensibel“ wahrnehmen zu können); das Denken (als Fähigkeit, Reize verarbeiten zu können, und dies auch in einer sehr gründlichen und tiefgehenden Weise); das Machen (als Fähigkeit, Reize aussenden und handelnd auf die Umwelt einwirken zu können).

2. Bevorzugung und Vernachlässigung als unterschiedliche Gewichtung (struktureller Aspekt)
Winkler geht nun weiter davon aus, dass jeder Mensch diese Bereiche unterschiedlich nutzt, weil sie bei jedem Menschen unterschiedlich stark ausgeprägt sind. Sein Zentralbegriff in diesem Zusammenhang ist Gewichtung. Nach Winkler lassen sich diese Gewichtungen in typspezifischen Bevorzugungen und Vernachlässigungen einordnen und hinsichtlich der jeweiligen Bereiche zu zwölf Typfamilien zusammenfassen:
•    Der Beziehungstyp bevorzugt den Beziehungsbereich und vernachlässigt den Zeitbereich, was z.B. dazu führen kann, dass er Dinge, ohne gründlicher nachzudenken, zu schnell oder hastig erledigt, was zu chaotischen Verhältnissen führen kann. Der Sachtyp sonnt sich häufig in seinem Zeitbereich und vernachlässigt den Tätigkeitsbereich mit der Folge, dass er z.B. überhaupt nicht in die Pötte kommt und viele Dinge unerledigt lässt. Der Handlungstyp bevorzugt den Tätigkeitsbereich und vernachlässigt den Beziehungsbereich, was z.B. dazu führt, dass er vor lauter verbissenem Schaffen die Freude an der Sache verliert.
•    Der Du-Bezogene bevorzugt den Du- und vernachlässigt den Ich-Bereich mit der Folge, dass er sich z.B. zu stark für andere aufopfert und seine eigenen Bedürfnisse vergisst. Der Ich-Bezogene bevorzugt den Ich- und vernachlässigt den Wir-Bereich, was dazu führen kann, dass er z.B. seinen egoistischen Interessen nachgeht, ohne das Wohl seiner Mitmenschen mit zu berücksichtigen. Der Wir-Bezogene bevorzugt den Wir- und vernachlässigt den Du-Bereich mit der Folge, dass er z.B. zwar oftmals das Gruppenziel im Auge hat, dabei aber den Einzelnen aus dem Blick verliert.
•    Der Gegenwartsorientierte bevorzugt den Gegenwarts- und vernachlässigt den Vergangenheitsbereich mit der Folge, dass er z.B. chaotisch im Hier und Jetzt nach Lösungen sucht, anstatt sich auf seine vergangenen Erfolge zu besinnen und diese anzuwenden. Der Vergangenheitsorientierte bevorzugt den Vergangenheits- und vernachlässigt den Zukunftsbereich, was z.B. dazu führen kann, dass er sich ständig im Grübeln verliert und keine zielführenden Pläne mehr ausführt. Der Zukunftsorientierte bevorzugt den Zukunfts- und vernachlässigt den Gegenwartsbereich mit der Folge, dass er z.B. gedanklich stets am Planen ist, dabei aber den gegenwärtigen Moment verpasst.
•    Der Fühler bevorzugt das Fühlen/Wahrnehmen und vernachlässigt das Denken mit der Folge, dass er sich z.B. von den aufgenommen (und noch unverarbeiteten) Reizen überwältigt erlebt. Der Denker bevorzugt das Denken und vernachlässigt das Machen, was z.B. dazu führen kann, dass er zwar alles bis ins kleinste Detail durchdenkt, dabei aber die praktische Umsetzung völlig außer Acht lässt. Der Macher bevorzugt das Machen und vernachlässigt das Fühlen mit der Folge, dass er z.B. vor lauter Arbeit körperliche Warnsignale einer Erschöpfung ignoriert, was zu gesundheitlichen Problemen führen kann.
Da jeder Mensch nach Winkler gleichzeitig einen Lebensbereich aus jedem dieser vier Dreiergruppen bevorzugt oder auch vernachlässigt, können insgesamt 81 Kombinationen aus Grund- und Untertyp unterschieden werden.

3. Prozessorientierte Abfolge (dynamischer Aspekt)
Diese Gewichtungen sind nach Winkler nicht statischer Natur, sondern stehen in einer dynamischen Verbindung zueinander, die sich in einer bestimmten Prozessabfolge zeigt: Aus dem bevorzugten Bereich folgt der vernachlässigte und darauf der Ergebnisbereich.
•    Der bevorzugte Bereich beinhaltet zwar eine typspezifische Stärke, kann jedoch auch überwertig gelebt und somit übertrieben werden.
•    Der vernachlässigte Bereich ist die typspezifische Schwachstelle, stellt aber gleichzeitig auch eine starke Ressource dar, falls diese genutzt wird.
•    Der Ergebnisbereich nimmt die Stelle eines sogenannten Kontrolleurs ein, der überprüft, ob die Ressource zur Anwendung gekommen ist bzw. positive Ergebnisse zeitigt.
Dazu ein Beispiel: Ein Sachtyp-Denker bereitet sich auf seine schriftliche Diplomarbeit vor. Er befindet sich in der Vorbereitungsphase, liest und liest, und dringt immer tiefer in das Themengebiet ein (dies ist sein Bevorzugungsbereich, seine Stärke). Gleichzeitig rückt der Abgabetermin immer näher. Er vermeidet jedoch das Schreiben, weil er meint, sich noch gründlicher in das Stoffgebiet einarbeiten zu müssen (im Vernachlässigen des Schreibens zeigt sich seine Schwäche; gleichzeitig ist das aber seine Ressource, die zur Anwendung kommen muss). Er ringt sich nun durch, mit dem Schreiben zu beginnen (das Stimmigkeitsgefühl, das sich beim Schreiben einstellt, ist nun quasi der Kontrolleur für die Nutzung der Ressource „Machen“, oder anders formuliert: Das gute oder auch schlechte Gefühl, das sich während des Schreibens einstellt, prüft, ob der Text gelungen ist oder nicht).
In der Beachtung dieser Prozesshaftigkeit kommt der dynamische Aspekt im Winkler-Modell zum Ausdruck, weil dadurch Lösungsmöglichkeiten in den Blick kommen, die aber je nach Konstellation für den einen oder andern Typ völlig unterschiedlich sind.

4. Triadische Denkfiguren (Entwicklungsaspekt)
Im Winkler-Modell kommt eine konsequente triadische Denkweise zum Ausdruck, die sich vom dualistischen Denken, das stets Gegensatzpaare zueinander in Beziehung setzt, grundsätzlich unterscheidet. Der unbestreitbare Vorteil dieses Denkens liegt darin, dass es Gegensätze überwindet und nach Alternativen sucht. Klassisches Beispiel ist die Dialektik des Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Sie führt in einem Dreischritt von der These über die Antithese zur Synthese. Dadurch können Entwicklungen und prozessuale Abläufe besser beschrieben werden. Winkler selbst konstruiert zahlreiche Triaden, die darauf abzielen, dem Einzelnen Entwicklungsoptionen zur Verfügung zu stellen. Denn in jeder Triade sind Möglichkeiten enthalten, die in Verhaltensweisen umgesetzt und somit gezielt für eine Persönlichkeitsentwicklung oder ganz allgemein für Verhaltensänderungen genutzt werden können.
Dazu ein Beispiel zur Denkfigur „mehr, weniger, anders“. Eine Mutter steckt in der Ambivalenz zwischen „weniger“ und „mehr“. Soll sie ihrem Kind „mehr“ Verbote auferlegen oder „weniger“? Beides war bisher nicht zielführend; sie weiß nicht, wie sie sich verhalten soll. Die Lösung: Sie soll nicht „mehr“ oder „weniger“ tun (dies wäre dualistisch gedacht), sondern sich „anders“ dem Kind gegenüber verhalten (etwas „Drittes“, „Triadisches“ bringt also die Lösung, die man allerdings im Einzelfall noch konkretisieren müsste).
In diesem Beispiel, das sich auch auf andere Situationen übertragen ließe, zeigt sich sehr schön, dass sich Lösungen meist jenseits von dualistischen Gegensatzpaaren finden lassen, wenn man im triadischen Denken etwas geschult ist. Oftmals sind es auch „Lösungen zweiter Ordnung“, die sich aus einer triadischen Denkfigur ergeben.


6.    Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen dem Friedmann- und dem Winkler-Modell

Die Gemeinsamkeit zwischen beiden Modellen besteht darin, dass es sich um prozessorientierte Persönlichkeitstypologien handelt, die den Einzelnen nicht nur statisch beschreiben, sondern auch innere Dynamiken und Entwicklungsmöglichkeiten aufzeigen. Dadurch unterscheiden sie sich von Persönlichkeitsmodellen, die rein deskriptiv und phänomenologisch ausgerichtet sind.
Eine weitere Gemeinsamkeit gibt es hinsichtlich ihrer Beratungstätigkeit. Beide, Friedmann und Winkler, propagieren ein typspezifisches bzw. typgerechtes Vorgehen, das im Grundsatz lösungsorientiert ausgerichtet ist, und unterscheiden sich dadurch von einer störungsspezifischen bzw. problemorientierten Vorgehensweise, wie sie in der klinischen Praxis noch häufig zur Anwendung kommt.
Beide Modelle beinhalten vier zentrale Aspekte: zwei statische, einen dynamischen und einen Entwicklungsaspekt. Beide gehen von jeweils drei zentralen Grund- oder Lebensbereichen aus, die sie in einer psychographischen Landkarte darstellen (statischer Aspekt). Beide postulieren, dass sich Menschen auf diese jeweiligen Lebensbereiche hin spezialisiert haben und sie folglich unterschiedlich gewichten (statischer Aspekt). Beide gehen darin konform, dass diese Lebensbereiche nicht einfach beliebig nebeneinanderstehen, sondern prozesshaft miteinander verbunden sind, und zwar in einer ganz bestimmten Reihenfolge, die es zu beachten gilt (dynamischer Aspekt). Und beide stimmen darin überein, dass sich aus dieser prozesshaften Abfolge Entwicklungs- und Veränderungsoptionen ableiten lassen, die zu Persönlichkeitsveränderungen führen können (Entwicklungsaspekt).

Der Unterschied zwischen beiden Modelle ergibt sich aus einem unterschiedlichen Strukturaufbau. Im frühen Friedmann-Modell, das meines Erachtens sein Kern-Modell darstellt, ist der Grundtyp (also der Beziehungs-, Sach- und Handlungstyp) ein fester Strukturtyp, d.h., die Strukturbestandteile sind nicht kombinierbar, sondern fest im Grundtyp verankert. So ist beim Beziehungstyp das Fühlen, der Du-Bezug und die Gegenwartsorientierung fest miteinander verbunden und nicht trennbar. Beim Sachtyp ist das Denken, der Ich-Bezug und die Vergangenheitsorientierung miteinander verknüpft. Und beim Handlungstyp ist das Handeln, der Wir-Bezug und die Zukunftsorientierung miteinander vereint. Ganz anders im Winkler-Modell: Hier lässt sich der Grundtyp ausdifferenzieren, d.h., die Strukturbestandteile der Unterbereiche sind nicht an den Grundtyp geknüpft; folglich sind sie frei kombinierbar. Deswegen kommt es auch in diesem Modell zu einer Ausdifferenzierung in 81 mögliche Untertypen.
Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass Friedmann Mischtypen vehement ablehnt. Für ihn sind seine Untertypen keine Mischtypen, sondern Ausprägungen der Strukturtypen (z.B. ich-bezogener und ich-vergessener Beziehungstyp). Winkler dagegen lässt den Sprachgebrauch von Mischungen (Gewichtungen) zu.
Hinsichtlich der Prozessabfolge gibt es in beiden Modellen unterschiedliche Benennungen: Friedmann spricht von Persönlichkeits-, Entwicklungs- und Zielbereich; Winkler von Bevorzugungsbereich (Stärke), Vernachlässigungsbereich (Ressource) und vom Ergebnisbereich (Kontrolleur). Bezüglich des letzteren Bereichs gibt es auch inhaltliche Abweichungen. Im Zielbereich verhält sich der Einzelne nach Friedmann fremdbestimmt. Der Ergebnisbereich hat für Winkler dagegen eine Kontroll- bzw. Prüffunktion hinsichtlich der Nutzung der Ressource.
Innerhalb der Prozessabfolge selbst gibt es auch Unterschiede: Im Friedmann-Modell ist die Prozessabfolge fest an den Strukturtyp geknüpft, sodass der Prozess in einer ganz bestimmten strukturtypischen Abfolge verläuft. Beim Beziehungstyp: fühlen → denken → handeln; beim Sachtyp: denken → handeln → fühlen; und beim Handlungstyp: handeln → fühlen → denken. Im Winkler-Modell ist die Prozessabfolge, zumindest hinsichtlich weiterer Entwicklungsoptionen, vom Strukturtyp entkoppelt, sodass vielfältige Prozessabfolgen beschreibbar sind. Beispiele: reaktiv → inaktiv → aktiv; Start → Weg → Ziel; Betroffenheit → Mitleid → Gerechtigkeit.
Auch hinsichtlich der Beratungstätigkeit gibt es Unterschiede: Friedmann arbeitet mit typspezifischen Antreiben, Ängsten, Glaubenssätzen, Identitäten usw. und wendet auch seine Methoden in einer typspezifischen Reihenfolge an: Beim Beziehungstyp: NLP → lösungsorientiert → systemisch. Beim Sachtyp: lösungsorientiert → systemisch → NLP. Und beim Handlungstyp: systemisch → NLP → lösungsorientiert. Winkler dagegen arbeitet die jeweiligen typspezifischen Bevorzugungs- und Vernachlässigungsmuster heraus und zeigt auf, wo die jeweiligen Ressourcen liegen. Zudem propagiert er den gezielten Einsatz von diversen Lösungswerkzeugen bzw. Universalschlüssel nach dem Motto: Jeder Schlüssel öffnet eine Vielzahl von Schlössern.
Beide Modelle gehen auch von einem unterschiedlichen erkenntnistheoretischen Hintergrund aus: Friedmann ist stark im (psycho-)ontologischen Denken verhaftet und meint, dass sowohl die Lebensbereiche, als auch die von ihm beschriebenen Typen, „Realitäten“ sind, die man objektiv erkennen könne. Winkler dagegen denkt (sprach-)konstruktivistisch. Für ihn sind die Lebensbereiche und die Typen „Modelle“ im Sinne einer Landkarte, die nicht unbedingt die Landschaft objektiv-realitätsgerecht abbildet. Diese Denkweise ist wohl auch der Grund dafür, dass sich Winkler nicht scheut, immer wieder nach neuen kreativen Typ-Bennungen zu suchen oder ganz unterschiedliche Metaphern für seine Typisierungen verwendet.

Durch das Aufkommen des Naturellbegriffs ist ein weiterer Unterschied zum Vorschein gekommen, der zuvor in seiner Konsequenz nicht so deutlich gesehen wurde. Es geht um die Frage, wie der jeweilige Typ entsteht. Friedmann ging ursprünglich davon aus, dass sich der Typ in der (frühen) Kindheit ausbildet, und zwar durch Mangelerfahrungen (Mangel des Beziehungstyps an emotional-liebevoller, des Sachtyps an sinnenhaft-geistiger und des Handlungstyps an energetisch-erlaubender Zuwendung) sowie durch entsprechende Kompensationsbestrebungen. Ich erinnere mich noch an Ausbildungsabende bei Friedmann, wo manche Teilnehmer dem widersprochen haben und davon berichteten, dass sie in ihrer Kindheit keinen Mangel in diesen Bereichen erfahren hätten. Teilweise war eher das Gegenteil der Fall (Übermaß des Beziehungstyps an emotional-liebevoller, des Sachtyps an sinnenhaft-geistiger und des Handlungstyps an energetisch-erlaubender Zuwendung). Letztendlich, so mein Eindruck, wurde die Frage nach der Typ-Entstehung im Friedmann-Modell nie befriedigend geklärt. Auf alle Fälle schwankten die Hypothesen zwischen einem Zuwenig (Mangel) und einem Zuviel (Überfluss) an entsprechenden frühkindlichen Erfahrungen. Natürlich stand auch die Frage im Raum, ob die Typunterschiede nicht auch angeboren sein könnten. Leider kann ich mich nicht mehr daran erinnern, inwiefern sich Friedmann zu dieser Frage geäußert hat. Jedoch hat er, meiner Meinung nach, die Mangel-Erfahrungshypothese favorisiert.
Winkler dagegen sprach schon früh die Vermutung aus, dass die Typunterschiede angeboren sein könnten. Im Jahr 2003 äußerte er erstmals die Hypothese, dass durch epigenetische Prozesse bei der Einnistung des Embryos in die Gebärmutterschleimhaut die Typunterschiede begründet sein könnten. Der Naturellbegriff unterstreicht diese Hypothese in der Hinsicht, dass biologische Merkmale, vermutlich bestimmte epigenetische Prozesse, für die Entwicklung der unterschiedlichen Wesensarten verantwortlich sein könnten.

Die Frage der Typentstehung steht in Zusammenhang mit einer weiteren Frage: Wen hat das jeweilige Modell eigentlich im Blick? Die Gesamtperson oder nur ein Teil von ihr? Friedmanns Typbegriff bzw. Typverständnis scheint mir viel stärker in der Gesamtpersönlichkeit verankert. Ihn scheinen die unterschiedlichen Anteile, aus denen die Gesamtpersönlichkeit resultiert, gar nicht zu interessieren. Für ihn zählt praktisch nur das Endprodukt, also der Typ selbst. Anders im Winkler-Modell: Es ist darauf spezialisiert, den Naturellaspekt in den Blick zu nehmen und beschreibt folglich auch „nur“ den angeborenen Anteil und die daraus resultierenden unterschiedlichen Gewichtungen, die die Wesensart einer Person (eben aus dem Blickwinkel dieses angeborenen Anteils) ausmachen. Damit lässt es auch Raum für weitere Einflüsse, insbesondere psycho-sozialer Art, die auf die Person einwirken und sie beeinflussen.

Dieser Unterschied (Gesamtperson oder Wesensanteil) ist nun zentral für eine weitere Frage und führt zu unterschiedlichen Konsequenzen: Was am Menschen ist überhaupt veränderbar? Ist die Gesamtperson veränderbar? Oder gibt es auch Anteile an einer Person, die nicht oder kaum veränderbar sind? Wenn dies so sein sollte, dann hätte dies zur Konsequenz, dass nicht die Gesamtperson veränderbar ist, sondern nur bestimmte Anteile in ihr.
Da das Friedmann-Modell die Gesamtperson (in Form von Grundtypen) beschreibt, entsteht der Eindruck, dass auch die Gesamtperson veränderbar ist. Das Friedmann-Modell scheint also zu unterstellen, die gesamte Person verändern zu können. Aber genau das ist die Frage, ob dies überhaupt möglich ist.
Das Winkler-Modell hingegen beschreibt von seinem Anspruch her „nur“ den Wesensanteil. Wenn man allerdings davon ausgeht, dass der Wesensanteil angeboren ist und wenn man weiterhin annimmt, dass ein angeborener Anteil nicht oder kaum veränderbar ist, dann hätte dies zur Konsequenz, dass auch die Wesensart nicht oder kaum veränderbar ist. Wie steht es dann aber mit den Entwicklungs- bzw. Veränderungsoptionen, die dieses Modell anbietet? Besteht hier nicht ein fundamentaler Widerspruch?

Bevor ich darauf eingehe, möchte ich zuvor die überaus wichtige Frage klären: Wie veränderbar ist der Mensch?
Über diese Frage gibt es innerhalb der akademischen Psychologie einen heillosen Streit. Es stehen sich zwei Lager unversöhnlich gegenüber: Die Veränderungsoptimisten, zu denen vor allem die Psychotherapeuten und psychologischen Berater zählen, denn sie leben (im wahrsten Sinne des Wortes) von der Grundannahme, Menschen verändern zu können; und die Veränderungspessimisten, die vor allem unter den Hirnforschern zu finden sind (einer ihrer stärksten Verfechter ist Gerhard Roth). Ihre Argumente zielen auf bestimmte biologische Strukturen und Funktionen, die das Verhalten steuern, und die ihrer Ansicht nach nur schwerlich oder gar nicht zu verändern sind.
Was die ganze Grundsatzauseinandersetzung entschärfen könnte, wäre die Einführung von Unterscheidungen. Die Frage „Wie veränderbar ist der Mensch?“ hat den gesamten Menschen im Blick und verkennt, dass es den Menschen nicht gibt, sondern immer nur den Menschen, der aus unterschiedlichen Anteilen zusammengesetzt ist. Insofern sollte die Frage lauten: „Welche Persönlichkeitsanteile bzw. -merkmale am Menschen sind veränderbar und welche nicht?“ Und da leuchtet es auch schon dem Laien ein, dass Gestaltmerkmale wie beispielsweise die Hautfarbe oder die Körpergröße sich nur schwerlich bzw. gar nicht verändern lassen, während praktische Merkmale stark veränderbar sind (Schwimmen, Fahrrad fahren, die Bedienung einer Computertastatur - dies alles ist erlern- und damit veränderbar).
Nimmt man hingegen die kognitiven Merkmale in den Blick, wird es schon schwieriger: Inwieweit ist ein so komplexes Merkmal wie die Intelligenz oder die Kreativität veränderbar? Verhaltensbiologen (Genetiker) und Lerntheoretiker kreuzen sich hierbei die Klingen und bekämpfen sich mit unterschiedlichen Schlachtrufen. Die einen sagen: „Die Intelligenz ist angeboren und damit nicht veränderbar“. Die anderen kontern: „Die Intelligenzleistungen sind in hohem Maße anerzogen und somit grundsätzlich veränderbar“. Wieder andere meinen (und die scheinen in der Mehrzahl), die Wahrheit liege irgendwo in der Mitte, und argumentieren: „Die Intelligenz ist zu einem bestimmten Prozentanteil angeboren und zu einem bestimmten Prozentanteil anerzogen und insofern auch bedingt veränderbar.“ Und nun fallen Zahlen mit unterschiedlichen Verhältnisbestimmungen für die eine oder andere Seite: 30 : 70; 40 : 60 oder salomonisch 50 : 50. Übrigens: Die ganz „Schlauen“ sagen, die Verhältnisbestimmung liege bei 100 : 100 und argumentieren: Die Intelligenz sei zu 100 Prozent vom Erbe und zu 100 Prozent von der Umwelt abhängig. Dahinter steht die Überzeugung, dass sich Erbe und Umwelt überhaupt nicht trennen ließen, sondern untrennbar miteinander verwoben sind, sodass prozentuale Angaben in diesem Zusammenhang völlig unsinnig seien.
Sieht man sich die emotionalen oder motivationalen Merkmale an sowie die Bewertungsmerkmale oder die selbst- und ichbezogenen Merkmale, so sieht es nicht viel anders aus: Häufig läuft es auf eine Teils-Teils-Argumentation hinaus.

Wie stellt sich das Ganze im Bereich der Temperamentsmerkmale dar? Dieser gilt ja von Hause aus als Domäne der Verhaltensbiologen, die es mit ererbten und angeborenen Anteilen zu tun haben. Hinsichtlich der Formaleigenschaften sind die meisten Temperamentsforscher davon überzeugt, dass diese ganz überwiegend angeboren und somit auch kaum veränderbar oder wie sie sich ausdrücken, „relativ zeitstabil“ sind. Findet sich bei einem Kleinkind beispielsweise die Tendenz, auf neue Reize eher abweisend zu reagieren, seine Aufmerksamkeit nur auf wenige Reize zu lenken, sich aber ausdauernd mit einer Sache beschäftigen zu können, zu viele und starke Reize als störend zu empfinden, dann zeigen sich diese Verhaltenstendenzen auch bis weit ins hohe Erwachsenenalter hinein. Die Tatsache, dass ein Mensch diese Verhaltenstendenzen zum Teil bereits als Kleinstkind zeigt, weist darauf hin, dass sie eben nicht gelernt, sondern aufgrund von Reifungsprozessen entstanden sind. Das Kind kommt quasi mit diesem formalen Verhaltensrepertoire auf die Welt, das sich im Laufe der Zeit zu inhaltlichen Wesenszügen verdichtet.
Grundsätzlich erscheinen diese Wesenszüge, wie auch die Formaleigenschaften, als weitgehend unveränderbar oder vorsichtiger formuliert: als relativ zeitstabil (und zwar über die gesamte Lebensspanne hinweg). Dies hätte dann zur Konsequenz, dass sie sich therapeutisch nicht oder kaum verändern ließen. Falls diese Konsequenz stimmt, hätte dies nicht fatale Folgen für die praktische Arbeit?


7.    Die Naturellwissenschaft in der Praxis

Vordergründig scheint es zu stimmen: „Unveränderbare“ Wesenszüge vertragen sich nicht gut mit dem Anspruch, mit diesem Modell auch therapeutisch oder beraterisch arbeiten und Veränderungen erzielen zu wollen. Für Therapeuten und psychologische Berater ist es aber existenziell, einen gewissen Veränderungsoptimismus zu verbreiten, denn damit verdienen sie letztendlich ihren Lebensunterhalt. Auch Klienten kommen mit der Erwartung in die Therapie oder Beratung, dass einem dort geholfen wird. Und auch sie erhoffen sich maßgebliche Veränderungen hinsichtlich ihrer Probleme und Schwierigkeiten. Wie also könnte der Widerspruch aufgelöst werden, dass das Winkler-Modell einerseits „unveränderliche“ Wesenszüge beschreibt, anderseits aber Veränderung- und Entwicklungsoptionen anbietet?
Diesem Widerspruch kann meines Erachtens nur begegnet werden durch Einführung von grundlegenden Unterscheidungen: 1. die Unterscheidung zwischen Sein und Verhalten; 2. die Unterscheidung zwischen Gesamtperson und Naturell sowie 3. die Unterscheidung zwischen Beschreibung („So bin ich!“) und Entwicklung/Veränderung („So will ich werden!“).

1. Die Unterscheidung zwischen Sein und Verhalten
Diese grundlegende Unterscheidung zwischen zwischen Sein (= Wesen, Person) und Verhalten (= Handeln; Leistung) bzw. zwischen „So bin ich“ und „So kann ich mich zeigen“ (auch im Sinne von: Welchen Anteil von mir möchte ich wie stark zeigen? Welchem Impuls möchte ich nachgehen oder widerstehen?), kommt in weiten Teilen der Psychologie zum Tragen und taucht auch in vielen philosophischen und theologischen Texten auf.
Eine fundamentale Eigenschaft des Menschen besteht in seiner Anpassungsfähigkeit. Es gibt kein Lebewesen auf der Erde, das sich besser an veränderte Umwelten anpassen kann als der Mensch. Voraussetzung für diese Anpassungsfähigkeit ist die Tatsache, dass der Einzelne je nach Umweltgegebenheiten ein völlig unterschiedliches Verhalten zeigen kann, dass er neue Fähigkeiten und Fertigkeiten lernen und sich aneignen kann, und zwar auch dann (und dies ist jetzt ganz entscheidend), wenn er dies eigentlich gar nicht will, wenn ihm das gegen den Strich geht, wenn es seinem tiefsten Inneren widerspricht. Insofern ist jeder Mensch grundsätzlich in der Lage, soweit ihm das von seinen Anlagen und Talenten, von seiner Konstitution, von seinen gelernten Fähigkeiten und Fertigkeiten möglich ist, die unterschiedlichsten Verhaltensweisen zu zeigen, und dies ganz unabhängig davon, ob er dieses Verhalten von seinem Wesen her zeigen will oder nicht.
Wenn ein Mensch von seinem Naturell her ruhig, zurückhaltend und schüchtern ist, so heißt dies nicht, dass er nicht auch ein alternatives Verhalten zeigen könnte. Unter bestimmten Umständen, wenn er dies unbedingt will oder wenn man ihn dazu zwingt, kann er sich auch unbeherrscht, aufdringlich und dominant zeigen; aber das ist er nicht, er spielt dann nur eine Rolle; er ist dann auch nicht authentisch, sondern zeigt nur ein aufgesetztes Verhalten.
Und wenn es im Winkler-Modell heißt, das Naturell sei „unveränderbar“, so bezieht sich diese Zuschreibung nur auf die Wesensart, nicht aber auf das Verhalten. Von seinem Wesen her „unveränderbar“ zu sein, bedeutet, dass der Mensch in seinem Innersten, in seinem Wesenskern ganz bestimmte Merkmale besitzt, die tief in ihm eingeprägt sind und die sein Sosein ausmachen. Und diese Kernmerkmale sind im Grunde auch gar nicht erlernt, sondern der Mensch bringt sie bereits mit, sie sind ihm quasi in die Wiege gelegt. Und deswegen muss ich sie, zumindest im eigentlichen Sinne auch gar nicht lernen, weil sie reifungsbiologisch bereits in mir angelegt sind. Sie kommen im Laufe meiner Entwicklung ganz von alleine zum Vorschein.
Das Winkler-Modell beschreibt also einerseits die angeborene Wesensart, die Sosein-Eigenschaften, die innersten Kernmerkmale eines Menschen; andererseits bietet dieses Modell auch Optionen zur Verhaltensveränderung an. Dies ist nun insofern kein Widerspruch, als dass Winkler eben nie von einer Wesensveränderung spricht, die er anstrebt, sondern stets von Verhaltensveränderung oder von Entwicklungsoptionen, die er anbietet. Insofern ist er natürlich auch der Auffassung, dass Menschen veränderbar sind, aber eben nur hinsichtlich ihrer Verhaltensweisen, nicht aber hinsichtlich ihres angeborenen Wesensanteils, also des Naturells.

Ich möchte an dieser Stelle noch auf eine ethische Implikation der Unterscheidung zwischen Sein und Verhalten eingehen, deren Konsequenz nicht unwesentlich ist. Innerhalb der Psychologie bzw. auch Philosophie gibt es hierzu zwei Einstellungen:
1.    Die Gleichsetzung von Sein und Verhalten: Ich bin, was ich tue („Wenn ich stehle, bin ich ein Dieb.“).
2.    Die Unterscheidung von Sein und Verhalten: Ich bin nicht mein Verhalten („Wenn ich stehle, dann bin ich nicht unbedingt ein Dieb, sondern zeige situativ nur ein ‚diebischesʻ Verhalten.“).
Was sind die ethischen Konsequenzen aus diesen Einstellungen? Im ersteren Fall werde ich aufgrund meines Verhaltens auch als Person verurteilt und entsprechend etikettiert („Einmal ein Dieb, immer ein Dieb!“). Im zweiten Fall wird meine Tat verurteilt, aber nicht meine Person („Du hast zwar gestohlen und das ist tadelnswert, d.h., dein Verhalten missbilligen wir, aber dich als Person verurteilen wir nicht.“). In diesem Fall kommt zum Ausdruck, dass mein Personsein (auch meine Identität) der Kritik enthoben wird und ich eine verhaltensunabhängige (auch leistungsunabhängige) Wertschätzung erfahre. Dadurch bleibt die Würde der Person gewahrt. Dies ist eine zutiefst humane Position, die ich teile. Auf dieser Unterscheidung basieren im Übrigen auch viele humanistische Therapieverfahren, z.B. die Klientzentrierte Psychotherapie von Carl Rogers, der die unbedingte Wertschätzung der Person als ein konstitutives Merkmal jeder Therapie ansieht. Und in Analogie dazu sehe ich das Naturell als ein unbedingt zu wertschätzendes Gut an. Von anderen ausgesprochen bedeutet dies: „Du bist okay, so wie du bist!“ Diesen Selbstwert kann ich mir jedoch auch eigenständig zusprechen: „Ich akzeptiere mich so, wie ich bin!“

2. Die Unterscheidung zwischen Gesamtperson und Naturell
Auch die Unterscheidung zwischen Gesamtperson und Naturell ist sehr wichtig. Ich als Gesamtperson bin das Resultat aus biologischen (= ererbten und angeborenen), sozial-kulturellen (= erzieherischen und kultur- bzw. gruppenspezifischen) sowie personalen Einflüssen (= ich kann auch reflexiv zu diesen ersteren Einflüssen Stellung nehmen und teilweise selbstverändernd darauf reagieren). Mein angeborenes Naturell ist also nur eine Teilkomponente meiner Gesamtperson, die aus epigenetischen Aktivierungsprozessen resultiert. Die sozial-kulturellen und personalen Aspekte dagegen sind das Ergebnis von Lernprozessen. Dabei ist völlig unstrittig, dass ich als Gesamtperson massiv beeinflusst werde durch Erziehungsstile (z.B. autoritär vs. permissiv), kulturelle Besonderheiten (z.B. Kollektiv- vs. Individualkultur), personale Einstellungen (z.B. konservativ vs. liberal) und sicherlich noch von vielem mehr. All diese Entwicklungsfaktoren fließen also in meine Gesamtperson ein und beeinflussen mich.
Die Entwicklung nun kann ich mit beeinflussen: durch Lernen und Üben; die Reifung dagegen nicht: Sie geschieht; sie zeigt sich. Deswegen ist auch mein Naturell, mein angeborenes Wesen so gut wie nicht veränderbar. Andere Anteile hingegen, die in meine Gesamtperson einfließen, kann ich weitgehend beeinflussen bzw. verändern. Die Beeinflussungsoptionen in dieser Hinsicht sind meines Erachtens sehr groß. Ich kann in vielfältiger Weise auf meine Umwelt einwirken und sie verändern oder mitgestalten. So kann ich mich beispielsweise aus Situationen herausziehen, die mir nicht guttun oder sie kämpferisch verändern. Mir ist es auch möglich, in gewissem Maße auf meine „Biologie“ einzuwirken, indem ich beispielsweise durch bestimmte Ernährung oder durch Sport ein in mir genetisch angelegtes Diabetes-II-Risiko verringere. Meines Erachtens bietet sich hier für Therapeuten und Berater ein großer Reichtum an Veränderungsoptionen, die man Klienten anbieten kann.

3. Die Unterscheidung zwischen Beschreibung und Entwicklung
Es ist ebenso angeraten, zwischen Beschreibung (Sosein) und Entwicklung (Werden) zu unterscheiden. Sowohl das Friedmann- als auch das Winkler-Modell sind in erster Linie (oder in einem ersten Schritt) Typ-Beschreibungen. Hierbei erfahre ich zunächst, wer ich bin. Das heißt, mir werden grundlegende Kerneigenschaften (oder typische Eigenschaften) genannt, die mein Wesen (mein Typ) ausmachen. Insofern ist der Begriff „Psychographie“ (= Beschreibung der Seele/Person) mit dem Begriff „Naturellwissenschaft (= ich bekomme Wissen von meiner angeborenen Wesensart) in formaler Hinsicht deckungsgleich, und zwar allein in Bezug auf die Beschreibung als solche. Was den Inhalt der Beschreibung betrifft, ergibt sich meines Erachtens folgender Unterschied: Das Friedmann-Modell beschreibt eher die Gesamtpersönlichkeit, das Winkler-Modell greift einen Aspekt der Gesamtpersönlichkeit heraus und beschreibt das angeborene Naturell.
In beiden Modellen steckt (in einem zweiten Schritt) aber auch ein Entwicklungsaspekt, der über die bloße Beschreibung hinausgeht und der auch gar nichts mit dem jeweiligen Modell-Namen zu tun hat. Es ist an dieser Stelle wichtig, sich klarzumachen, dass weder aus dem Begriff „Psychographie“ noch aus dem der „Naturellwissenschaft“ eine Therapie- oder Beratungsmethode zwangsläufig folgt. Beide Modelle sind von der psychologischen Grundeinteilung her zunächst einmal reine „Typbeschreibungen“, allerdings keine statischen, sondern dynamische, und das heißt eben, dass sie auch Entwicklungsaspekte anbieten (die man für sich selbst annehmen bzw. umsetzen kann oder auch nicht). Friedmann spricht von „Schlüsselfähigkeiten“, Winkler von „Ressourcen“.
Wenn es nun um den Themenkreis „Therapie/Beratung“ geht, so sind diese „Schlüsselfähigkeiten“ bzw. „Ressourcen“ von fundamentaler Bedeutung. Denn Klienten kommen ja zumeist in die Therapie/Beratung, weil sie etwas verändern oder sich weiterentwickeln wollen.

Dazu ein Beispiel:
Nennen wir ihn Max: Sachtyp-Denker, du-bezogen, gegenwartsorientiert. Max wird von seinem Chef immer mal wieder gefragt, ob er auf einer bestimmten betrieblichen Fortbildungsveranstaltung einen Vortrag halten wolle (vorausgesetzt ist hier, dass er dies nicht tun muss). Von seinem Sachtyp-Naturell her (ruhig, zurückhaltend; teils schüchtern, zögerlich; teils auch unter Redeängsten leidend) hätte er eigentlich immer „Nein“ sagen sollen (obwohl das „Neinsagen“ auch nicht unbedingt zu seinem Naturell gehört; aber die Kraft zu diesem Neinsagen wäre aus seiner Schüchternheit bzw. Angst entsprungen). Dieses „Nein“ hätte im Grunde auch seinem Naturell des Sein-lassens oder des In-Ruhe-gelassen-werden-Wollens entsprochen. Dennoch hat er immer zugesagt. Warum? Vordergründig oder auch typologisch gesehen, aus dem Verantwortungsgefühl des Du-Bezogenen heraus. Hintergründig resultierte diese Zusage aber auch aus Entwicklungskomponenten, die ihn geprägt haben. Zum Beispiel aus der Erziehung: „Bekämpfe deine Ängste! Nimm Herausforderungen an!“, so einige der Erziehungsmaxime, mit denen er groß geworden ist. Insofern hat er also die Vortrags-Herausforderung stets angenommen. Gleichzeitig war ihm immer klar, dass er von seinen Naturell-Eigenschaften her (seinem Sosein) keinen guten Vortrag hinbekommt. Was also tun? Die Modelle geben Antwort: Er muss in seine typspezifischen „Schlüsselfähigkeiten“ bzw. „Ressourcen“ gehen. Und dies sind für ihn Handlungstyp-Eigenschaften (selbstsicheres Auftreten; klare Strukturierung; betont-kräftiges Sprechen usw.). Und diese Eigenschaften galt es zu trainieren bzw. einzuüben, was er auch tat (so hat er z.B. seine Vorträge mehrmals Probe gesprochen, um dadurch mehr Redesicherheit zu gewinnen, aber auch, um ein stimmiges Gefühl bezüglich des Inhaltes zu bekommen). So weit, so gut.
Wie stellt sich das Ganze nun unter dem Aspekt des Winkler-Modells dar?
In einem ersten Schritt geht es um die Beschreibung seines Naturells. Ihm wird gesagt, wer er ist. Er wird über sein Naturell informiert, sodass er sagen kann: „Ja, so bin ich!“ Dieser angeborene Wesensanteil ist in ihm angelegt. Und diesen Anteil gilt es unbedingt wertzuschätzen und anzunehmen sowie auch zu bekennen: „Ja, ich bin ruhig, zurückhaltend, schüchtern und zögerlich!“ Das sind seine „vermeintlichen“ Schwächen und dazu kann er stehen. Und an diesen sogenannten Schwächen (denen ja als die „andere Seite der Medaille“ entsprechend typische Stärken gegenüberstehen) gibt es für ihn auch gar nichts zu verändern oder zu entwickeln. Sondern nur anzunehmen. Gerade weil das Winkler-Modell „nur“ das Naturell in den Blick nimmt, kommt dadurch für jeden Einzelnen auch die Erlaubnis zum Ausdruck: „Ich darf so sein, wie ich bin!“ Aber: „Wenn ich will, kann ich mich auch anders zeigen/verhalten!“ Damit ist der zweite Schritt angesprochen.
In diesem zweiten Schritt geht es um Veränderung bzw. Entwicklung (sofern ich diese Veränderung oder Entwicklung auch will). Das Winkler-Modell sagt mir, welche „Ressourcen“ ich besitze. Ich werde über meine typspezifischen Entwicklungspotenziale informiert, die mir helfen könnten, mich zu verändern.
Bezogen auf das Beispiel: Bei Max kann es nicht darum gehen, seine Naturell-Eigenschaften wie seine Schüchternheit oder seine Redeangst wegzutherapieren. Das geht gar nicht. Er muss etwas anderes an deren Stelle setzen (bzw. verstärkt zum Ausdruck bringen; zulassen, üben), Mut zum Beispiel. Denn das sagt auch die Hirnforschung: Angst lässt sich nicht löschen, sondern Angst kann nur gehemmt werden. Diese Hemmung aber muss man aktiv herstellen durch ein anderes (nämlich mutiges) Verhalten. Und das sagt die lösungsorientierte Therapie: Frage stets auch: „Was ist das Gute des Schlechten?“ Das Gute an der Angst ist, dass sie Max in eine positive Spannung bringt, damit er den Vortrag gut bewältigen kann. Also braucht er auch diese (Rede-)Angst. Und die Schüchternheit braucht er, um während des Vortrags nicht „überheblich“ rüberzukommen. Insofern geht es niemals darum, die Naturell-Eigenschaften wegzutherapieren (oder wie man auch missverständlich meinen könnte „wegzutrainieren“), sondern man muss andere an deren Stelle setzen bzw. konkret: ein anderes Verhalten zeigen, um bestimmte Ziele zu erreichen. Das also ist die Kern-Lösung: „Ich muss ein anderes Verhalten zeigen!“ Aber gleichzeitig gilt: „Ich darf so sein, wie ich bin!“

Meines Erachtens sind diese drei Unterscheidungen fundamental wichtig für ein richtiges Verständnis darüber, was der Begriff „Naturellwissenschaft“ für die Praxis bedeutet. Auch zeigen diese Unterschiede gewisse Akzentverschiebungen, die in einer Naturellwissenschaft deutlicher hervortreten als im Friedmann-Modell.
Dadurch, dass das Winkler-Modell „nur“ den Wesensaspekt herausstellt, aber nicht die Gesamtperson, rückt überhaupt erst die Tatsache in den Fokus, dass der Mensch aus verschieden Anteilen besteht. Natürlich verhält es sich so, dass der Mensch als „Gesamtperson“ in die Therapie/Beratung kommt, aber entscheidend ist, dass bestimmte Anteile an der Gesamtperson praktisch nicht verändert werden können (das sind neben der Wesensart beispielsweise auch bestimmte Gestalt- und Ausdrucksmerkmale). Dies anzuerkennen dämpft auch einen überzogenen Veränderungsoptimismus. Man darf nicht meinen, einen Menschen grundlegend verändern zu können.

Und genau darauf sollte man auch Klienten hinweisen: dass sie Wesenszüge in sich tragen, die praktisch nicht veränderbar sind, und dass es wichtig ist, sich auch selbstsicher zu seinem Wesen bekennen zu können. Wenn Klienten mit ihrem Wesen hadern und meinen, diese als Schwächen auslegen zu müssen oder sich gar in ihrem Personsein durch abschätzige Bemerkungen stark entwerten, dann ist es wichtig, dass ein Therapeut/Berater auch den Satz ausspricht: „Sie dürfen so sein, wie Sie sind!“ Mit dieser Erlaubnis, „so sein zu dürfen, wie man ist“, wird dem Klienten eine Wertschätzung zugesprochen, die er vielleicht so noch nie gehört hat. Und dadurch kann er vielleicht ein Angenommensein spüren, das ihm überhaupt erst vermittelt, dass er in seinem tiefsten Wesen in Ordnung ist. Natürlich darf dabei nicht übersehen werden, dass es Wesenszüge gibt, aus denen Verhaltensweisen resultieren, die anderen schaden oder die selbstschädigend sind. Und genau deshalb ist es ja auch so wichtig, zwischen Sein und Verhalten zu unterscheiden. Nicht das Wesen ist „böse“ oder „schlecht“, sondern die Verhaltensweisen, die vielleicht daraus entspringen. Aber das Entscheidende in diesem Zusammenhang ist, dass die Annahme der Person/des Wesens die entscheidende Voraussetzung für eine Veränderung darstellt. Denn erst, wenn ich mich in meinem Wesen annehmen (lieben) kann, kann ich auch andere annehmen (lieben). Aus der Selbstliebe folgt die Fremdliebe. Nicht umsonst heißt es in alten Weisheitsschriften: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! Diese Forderung kann ich nur erfüllen, wenn ich mich zuvor selbst liebe. Und selbst lieben tue ich mich dann, wenn ich mich in meinem Wesen so annehmen kann, wie ich bin.
Man sollte also Klienten klarmachen, dass sie zwar ihr Wesen nicht ändern können, wohl aber bestimmte Verhaltensweisen, sofern sie das wollen oder sofern sie das in bestimmten Situationen für erforderlich halten. Und in dieser Hinsicht können dann auch Therapeuten/Berater die Klienten in ihren Veränderungsbemühungen mit entsprechenden Interventionen unterstützen. 

Man kann durchaus die Annahme vertreten, dass mit der Verwendung des Naturellbegriffs ein gewisser Veränderungsskeptizismus einhergeht, zumal der Begriff Naturell von seiner Wortbedeutung und seiner Konnotation eine gewisse „Wesens-Unveränderbarkeit“ mit einschließt. Dieser Skeptizismus resultiert aus einem Aspekt des Naturells, das ich noch gar nicht thematisiert habe: seine Wirkungstiefe. Wie stark wirkt sich das Naturell eigentlich auf die Gesamtperson aus? Wenn man davon ausgeht, dass das Naturell in einer Entwicklungsreihe mit anderen Faktoren steht, dann wäre das Naturell auch nur ein Entwicklungsfaktor neben einem anderen, der, so könnte man annehmen, in einer gleichen Stärke auf die Gesamtperson einwirkt. Wenn man jedoch das Naturell als quer stehend zu anderen Faktoren betrachtet, dann hätte das Naturell eine viel stärkere Wirkmächtigkeit. Das Naturell wäre dann so etwas wie ein Filter, durch den alle anderen Faktoren quasi „durchgefiltert“ werden. Wenn also bestimmte Umwelteinflüsse auf die Person einwirken, sei es beispielsweise erzieherischer Art, dann entscheidet quasi das Naturell in welcher Art und Weise und auch in welcher Wirkungstiefe so ein Erziehungseinfluss auf die Gesamtperson sich auswirkt. Und nicht nur Eltern oder Erzieher wissen, dass dieselben Erziehungsmaßnahmen, wenn sie auf unterschiedliche Naturelle treffen, zu völlig unterschiedlichen Reaktionen und Rückwirkungen führen können. Was den einen umhaut, macht den anderen stark. Was der eine als tiefe Kränkung erfährt, das lässt den andern kalt. Dies kann als Hinweis gewertet werden, dass identische Umwelteinflüsse durch das Naturell gefiltert werden und deswegen auch zu unterschiedlichen Reaktionsweisen führen. Wenn es sich so verhält, dann wäre auch verständlich, warum Umwelteinflüsse gar nicht so verändernd auf die Gesamtperson einwirken können. Weil diese Umwelteinflüsse einfach nicht gegen die Veränderungsresistenz des Naturells ankommen, das seinerseits wiederum eine starke Wirkkraft auf die Gesamtperson ausübt. Und geht man zudem davon aus, dass das Naturell von Reifungsprozessen gesteuert wird, dann wird auch wiederum verständlich, warum man sein Naturell so gut wie nicht verändern kann. Man kann aus einer Rose eben keine Nelke machen; und aus dem Sachtyp-Naturell kein Beziehungstyp-Naturell.


8.    Vertiefende Zusammenfassung in Frage-Antwort-Form

Ich möchte im Folgenden die wichtigsten Inhalte in Frage-Antwort-Form nochmals vertiefend zusammenfassen und dabei auch weitere, teils neue Gedanken und Argumente mit einfließen lassen.

Worin bestehen die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Temperamentsforschung und Naturellwissenschaft?
Temperamentsforschung und Naturellwissenschaft haben dieselbe Eigenschaftsdimension einer Person im Blick: die Verhaltensstile, d.h. die Art und Weise des Verhaltens. Es geht hierbei nicht in erster Linie um Fähigkeiten (Was kann ich wie gut?), auch nicht um die Motivation (Warum verhalte ich mich so?), sondern um das Temperament, um das Wie des Verhaltens (Wie verhalte ich mich?). Dieses Wie-Verhalten zeigt sich bereits bei Säuglingen bzw. Kleinkindern und lässt sich unterscheiden. Die Temperamentsforschung spricht in diesem Zusammenhang von Formaleigenschaften, die man beobachten und in gewisser Weise auch messen kann. Man gibt beispielsweise einem Kleinkind ein neues Spielzeug und misst mit einer Stoppuhr, wie lange es sich damit befasst, und beobachtet, wie gezielt es sich damit auseinandersetzt. Das, was sich hier in unterschiedlicher Weise bei verschiedenen Kleinkindern zeigt, ist eine reine Formaleigenschaft, aber noch kein Naturell, keine Wesensart. Das Naturell, das Wesen umfasst mehr und ist auch im eigentlichen Sinne nicht messbar. Die Formaleigenschaften fließen jedoch ins Naturell ein und beeinflussen es in starker Weise; darin besteht ihr Zusammenhang. Der Unterschied allerdings ist: Formaleigenschaften lassen sich messen, Wesenseigenschaften im Grunde nicht.

Einen weiteren Unterschied zeigt sich in der Methodik: Die Temperamentsforschung orientiert sind am naturwissenschaftlichen Paradigma und versucht die Formaleigenschaften empirisch zu fassen, indem sie sie operationalisiert (= beobachtbar und messbar macht) und sie mittels statistischer Methoden mit anderen Variablen (z.B. späteren Persönlichkeitseigenschaften) korreliert (= in Zusammenhang bringt). In der Naturellwissenschaft dagegen kommen in erster Linie die Methoden der Geisteswissenschaft zur Anwendung. Sie arbeitet phänomenologisch, hermeneutisch und im Zusammenhang mit dem Winkler-Modell auch dialektisch. Die Phänomenologie versucht die Erscheinungen in ihrem Wesensgehalt zu erfassen, und zwar durch möglichst vorurteilsfreie und genaue Beschreibung des Phänomens. Der Hermeneutik geht es unter anderem um das Erfassen und Verstehen von Wesenszügen durch den (auch intuitiven) Nachvollzug von Sinn und Bedeutung. Und in der Dialektik geht es um die Aufdeckung und die Aufhebung von Widersprüchen und Gegensätzen im Dreischritt von These, Antithese und Synthese.

Was ist eigentlich das „Naturell“ und wie kann ich es erkennen?
Das Naturell ist das gesamte innere Sosein eines Menschen, das sich größtenteils auch intuitiv erfassen lässt. Die Naturellbestimmung erfolgt durch eine Zuschreibung von anderen Menschen, die hierbei noch andere Aspekte einfließen lassen. Dies können durchaus äußere, rein formal beobachtbare Merkmale sein. Aber das allein genügt nicht. Etwas Ganzes wird nicht ausschließlich durch die Summe (bzw. Analyse) seiner Teile erfasst, sondern etwas Ganzes ist auch häufig „mehr“ als die Summe seiner Teile. Diese „Mehr“ ist meines Erachtens rein kognitiv nicht fassbar, sondern erschließt sich vielmehr durch einen intuitiven Zugang. Aus der Intuitionsforschung weiß man, dass ein Mensch Informationen (auch blitzschnell) verarbeiten kann, die diesem Menschen jedoch niemals bewusst werden können, weil sie in Gehirnbereichen verarbeitet werden, zu denen man keinen bewussten Zugang erhält, z.B. zum emotionalen Gedächtnis der Amygdala. Das bedeutet, dass vielfältige Informationen aus dem bewusst nicht zugänglichen emotionalen Erfahrungsgedächtnis parallel verarbeitet werden und sich zu einem Gesamteindruck verdichten. Dieser Eindruck wird intuitiv „gespürt“ und drängt den Menschen dazu, sofern er auf diese Intuition hört, sich beispielsweise so oder so zu entscheiden. In Analogie dazu hat man es bei der Wesenserfassung eines Menschen auch mit einer solchen Intuition zu tun. Wenn man von einer Person sagt, sie sei von ihrem Wesen her „ruhig und zurückhaltend“, dann wäre es eine Karikatur, wenn man mit Stoppuhr und Beobachtungsbögen dasteht, diese Formaleigenschaft „ruhig“ misst und meint, damit das Wesen dieses Menschen erfasst zu haben. Denn das, was dieses „Ruhigsein“ ausmacht, ist nicht das, was ich feststelle, wenn ich beobachte, dass dieser Mensch beispielsweise „sich 30 Minuten lang in einem Zimmer mit anderen Personen aufhält und kein Wort spricht“, sondern es ist das, was dieser Mensch „ausstrahlt“, was mit der „Präsenz dieses Ruhigseins“ zum Ausdruck kommt: ein tieferes „inneres in sich ruhen“, eine souveräne „Gelassenheit“, ein grundlegendes „sein lassen können“. All diese und noch weitere Nuancen des Ruhigseins lassen sich nicht messen, sondern nur intuitiv erspüren.
Damit kommt in der Naturellerfassung aber auch ein stark subjektives Moment ins Spiel. Denn nicht jeder erkennt solche Nuancen, und nicht jeder kommt zu derselben Einschätzung, und zwar deshalb nicht, weil das Naturell ganz offensichtlich auch zu unterschiedlichen „Wirkungen“ führen kann. Während der eine im „Ruhigsein“ ein „kraftvolles In-sich-Ruhen-Können“ erkennt, sieht ein anderer lediglich ein „gelangweiltes Ödesein“, und ein Dritter erblickt darin nur eine „behäbige Trägheit“, die ihn total nervt.
 
Wir haben es also beim Konzept des Naturells mit einem sehr komplexen Konstrukt zu tun, das sich nicht so einfach fassen lässt. Es erscheint (hermeneutisch gesprochen) als ein „interaktionelles Phänomen“, das sich überhaupt erst „zwischen Menschen“ zeigt. Das Naturell tritt (aus hermeneutischer Sicht) in einem Akt der Erzeugung von Sinn und Bedeutung in Erscheinung, wobei die einzelnen Bedeutungszuschreibungen auch stark auseinanderdriften können, weil sie gefiltert werden durch individuelle und das heißt auch unterschiedliche psychosoziale Erfahrungen und Prägungen, die unbewusst in das Urteil einfließen und zu unterschiedlichen intuitiven Eindrücken führen. Dies macht es dann auch verständlich, warum Menschen zu unterschiedlichen Urteilen über den Naturell-Eindruck gelangen, weil eben ihre eigene (teils unbewusste) Rückwirkung, die aus der Beobachtung des Naturells resultiert, in die Gesamtbeurteilung mit einfließt.
Man muss sich also (vorläufig, solange noch keine objektiven Marker gefunden sind) von der Vorstellung verabschieden, einen Menschen und insbesondere sein Naturell, „objektiv“ erkennen zu können. Um dennoch zu gewissen intersubjektiven Übereinstimmungen hinsichtlich einer Naturellanalyse zu gelangen, empfiehlt sich eine phänomenologische Vorgehensweise, die versucht, durch möglichst vorurteilsfreie Beschreibungen zu einem Erfassen der Wesensart zu gelangen. Hilfreich ist in diesem Zusammenhang sicherlich auch das konsensuelle Vorgehen, das Werner Winkler bei seinen Naturellanalysen schon längst berücksichtigt. Das heißt, im gegenseitigen Austausch bezüglich einer Typisierung soll im gemeinsamen Gespräch ein Konsens hinsichtlich der Stimmigkeit des vermuteten Naturells gefunden werden.  

Welchen Stellenwert hat das Temperament bzw. das Naturell innerhalb der Gesamtperson?
Die Gesamtperson besteht aus psychologischer Perspektive aus vielfältigen Personenmerkmalen, die von der akademischen Psychologie in folgende Kategorien eingeteilt werden: Gestalt-, Ausdrucks-, kognitive, emotionale, motivationale, praktische, Bewertungs-, ich- und selbstbezogene sowie sozialpsychologische Merkmale. Diese stehen den Temperamentsmerkmalen gegenüber. Diese Aufzählung soll zunächst einmal deutlich machen, dass das Naturell nur ein Aspekt der Gesamtperson ausmacht. Insbesondere kognitive und motivationale, aber auch noch weitere Merkmale werden innerhalb der akademischen Psychologie zumeist unter völligem Absehen vom Temperament untersucht. Es gibt Experten innerhalb der Psychologie, die sich beispielsweise ihr ganzes Forscherleben mit Intelligenz befassen, ohne sich auch nur ansatzweise mit Fragen des Temperaments auseinanderzusetzen. Gleichwohl, und dies ist das Erstaunliche, greift das Temperament in alle anderen Merkmale mit ein und beeinflusst es, obwohl dies kaum thematisiert wird. Man könnte es auch so formulieren: Die Was- und Warum-Eigenschaften werden quasi von den Wie-Eigenschaften überlagert.
Dazu ein Beispiel: Zwei hochintelligente und in etwa gleichstarke Schachspieler bestreiten eine Partie Schach. Ihre Was-Merkmale „Intelligenz und Kreativität“ kommen naturgemäß in starkem Maße zur Anwendung, aber auch ihre Warum-Merkmale „Antrieb und Wille“ spielen eine große Rolle. Aber all diese Merkmale blieben „blutleer“, wenn es das Temperament nicht gäbe. Durch die Wie-Merkmale kommt das Entscheidende ins Spiel: Nicht ihre Intelligenz und Kreativität an sich, auch nicht ihr Antrieb oder Wille an sich, sind für den Ausgang des Spiels entscheidend, sondern wie sie ihre Intelligenz und Kreativität, ihren Antrieb oder ihren Wille einsetzen, wie sie versuchen, ihren Gegner zu verunsichern und letztendlich schachmatt zu setzen. In diesem „Wie“ zeigt sich ihre Stärke oder Schwäche, ihr Vermögen oder Unvermögen, die Partie für sich zu entscheiden (bei vorausgesetzt gleich starker Intelligenz, Kreativität und Willensstärke). Es gibt Geschichten über berühmte Schachpartien, bei der Berichterstatter davon erzählen, dass allein schon das Wie des Auftretens des einen (seine Naturell-Präsenz) den anderen „geschlagen“ hat, bevor überhaupt das Spiel richtig begann.
Insofern ist es das Temperament bzw. das Naturell, dass die Gesamtperson massiv beeinflusst. Und dies ist auch kein Wunder. Das Naturell wird mir in die Wiege gelegt und zeigt sich. Ich muss es nicht lernen, es ist einfach da. Sichtbar wird es zunächst anhand der Formaleigenschaften, die sich im Laufe der Entwicklung zu inhaltlichen Wesenszügen verdichten, die natürlich von weiteren Faktoren beeinflusst werden. Aber das Naturell an sich bleibt der rote Faden meiner Persönlichkeit, das all meine anderen Merkmale gleichsam „überzieht“.

Warum ist das Naturell kaum bzw. so gut wie nicht veränderbar?
Die Antwort habe ich im letzten Abschnitt bereits angedeutet. Da sich die Formaleigenschaften schon bei Kleinstkindern zeigen, gelten sie als angeboren und unterliegen dementsprechend bestimmten Ausreifungsprozessen. Als Reifung kann alles gelten, was nicht gelernt wird. Wenn ein Kleinkind beispielsweise zurückhaltend und unaufgeregt auf neue Reize reagiert, dann ist dieses Verhalten nicht erlernt, sondern bereits als Verhaltensdisposition in ihm angelegt. Und wenn sich daraus eine ruhige, zurückhaltende, besonnene Wesensart entwickelt, dann muss derjenige diese Ruhe, Zurückhaltung und Besonnenheit auch nicht erlernen, sie entwickelt sich aus den bereits vorgegebenen Formaleigenschaften von ganz allein. Freilich, und dies soll überhaupt nicht bestritten werden, können diese späteren Eigenschaften durch soziale oder kulturelle Faktoren auf die eine oder andere Weise modifiziert werden, sodass sie sich vielleicht stärker oder schwächer zeigen. Aber im Grunde sind sie schon im jeweiligen Naturell angelegt. Und dieses Naturell, dies ist auch die Auffassung vieler Temperamentsforscher, bleibt relativ zeitstabil. Und was sich als relativ zeitstabil zeigt, ist eben von der Logik her auch mehr oder weniger „unveränderbar“.

Wie kann es nun erklärt werden, dass die Natur den Menschen so „gestaltet“, dass sie ihm gewisse grundlegende und ganz offensichtlich „unveränderbare“ Wesensmerkmale in die Wiege legt? Dies müsste doch einen gravierenden evolutionsbiologischen Vorteil haben. Welcher könnte dies sein? Ein Mensch muss ganz offensichtlich für andere Menschen in hohem Maße berechenbar und verlässlich sein. Er darf sich heute nicht so und morgen ganz anders zeigen. Eine Gemeinschaft muss sich darauf verlassen können, dass ein Mensch, dem man ja auch wichtige Aufgaben anvertraut, sich nicht von Grund auf verwandelt. Es wäre evolutionsbiologisch fatal, wenn sich der Mensch in seinem Kern verändern würde. Die Folge wäre: Beliebigkeit, Unsicherheit, Unberechenbarkeit. Darauf kann man kein geordnetes Staatswesen aufbauen, schon gar nicht eine auf sexuelle Fortpflanzung basierende Zweierbeziehung. Ein gewisses Maß an Stabilität ist also überhaupt erst die Voraussetzung für ein funktionierendes Zusammenleben zwischen Menschen. Natürlich darf die Stabilität nicht in Starrheit ausarten, sonst wären überhaupt keine Veränderungen mehr möglich. Eine gewisse Verhaltensflexibilität muss gewahrt bleiben wie auch ein hohes Maß an Verhaltensstabilität. Und diese Stabilität wird offensichtlich gewährleistet durch angeborene Verhaltensdispositionen, die Reifungsprozessen unterliegen, und die zu ganz spezifischen Ausformungen von Naturellen führen. Die Natur muss also sicherstellen, dass sich der einzelne Mensch nicht auf eine beliebige und damit unberechenbare Weise verändert. Und dies kann sie am besten dadurch tun, indem sie die jeweilige Wesensanlage in genetische und/oder epigenetische Programme einbaut, die sich auch durch Lernprozesse nicht so leicht oder gar nicht verändern lässt.

Was ist mit einer Naturellwissenschaft gewonnen?
Eine andere und tiefere Sicht auf den Menschen. Durch den Begriff „Naturell“ kommt eine qualitativ neue Bedeutung in das Winkler-Modell hinein, die zuvor, zumindest für mich, so nicht erkennbar war. Allein schon der Begriff „Naturell“ impliziert völlig andere Assoziationen als der Begriff „Typ“. Das Naturell betrifft mein ureigenes Wesen, mein inneres Sosein. Ich bin nicht einfach nur ein „Typ“, sondern ein Mensch, dem bestimmte Wesenszüge zu eigen sind, die ihn tief prägen und die sein inneres Sein ausmachen. Diese Sein kommt in einer Naturellanalyse zum Vorschein. Dadurch erkenne ich, wer ich in meinem tiefsten Inneren bin. Allerdings müssten, dies wäre meine Anregung, in der Naturellwissenschaft bzw. im Winkler-Modell die Kern-Wesenszüge phänomenologisch noch deutlicher herausgearbeitet werden. Es müsste noch viel genauer gezeigt werden, worin diese Wesenszüge in ihren tieferen Auswirkungen bestehen und was damit zum Ausdruck kommt.
•    Was steckt hinter dem „Ruhigsein“ eines Sachtyp-Naturells? Woher rührt die Neigung zum inneren „Sich-Zurücknehmen“ und zur äußeren „Zurückhaltung“? Was bedeutet für dieses Naturell „etwas ruhen lassen können“? Kommt dadurch nicht auch der tiefe Wunsch eines grundlegenden „Sein-lassens“ dem Leben gegenüber zum Ausdruck? Ein „Es ist gut so, wie es ist“? Oder ein „Es kommt, wie es kommt“?
•    Was verbirgt sich hinter der „liebenswürdig-gewinnenden“ Art eines Beziehungstyp-Naturells? Warum die starke Tendenz, sich immer wieder anderen Menschen und Dingen zuzuwenden? Steckt dahinter vielleicht eine Grundsehnsucht nach Vereinigung, nach dem Drang, sich die Welt „einverleiben“ zu wollen? Und sich dadurch überhaupt erst zu vergewissern, „lebendig“ zu sein?
•    Und worin liegen die tieferen Gründe für die „zupackend-tätige“ Art des Handlungstyp-Naturells? Woher rührt das unbändige Verlangen nach Gestaltung der Welt? Der Drang, ständig in „alles und jenes“ eingreifen zu wollen oder gar zu müssen? Zeigt sich hier nicht ein Grundverlangen nach Veränderung, nach Umgestaltung des Seienden, um sich somit vielleicht überhaupt erst ein „Daseins-Recht“ zu sichern?
Diese wenigen Fragen und Hinweise sind nur der tastende Versuch, um in tiefere Schichten bzw. Dimensionen der Naturellbeschreibung einzudringen. Was es bräuchte, sind Phänomenologen, denen es gelingt, die Tiefenschichten des Naturells besser ausloten zu können, hineinzuleuchten in die Hintergründe und Urgründe der jeweiligen Wesenszüge und sie sprachlich deutlicher zum Vorschein zu bringen. Zudem sollten sie so zur Darstellung gebracht werden, dass sie für andere „spürbar“ werden, um dadurch besser zu verstehen, was das Wesen des Einzelnen ausmacht.

Wie könnte (nach all dem Gesagten) eine Naturellwissenschaft zusammenfassend beschrieben werden?
Die Naturellwissenschaft beschäftigt sich mit der angeborenen Wesensart eines Menschen. Sie beschreibt das Sosein einer Person hinsichtlich bestimmter Erlebensbereiche. Sie geht davon aus, dass diese Wesensart sich größtenteils aus epigenetischen Aktivierungsprozessen heraus entwickelt, dass aber auch andere Einflussfaktoren auf das Naturell modifizierend einwirken könnten. Grundsätzlich jedoch gilt das Naturell als angeboren. Es zeigt sich zuerst in sogenannten Formaleigenschaften, die bereits bei Kleinstkindern zu beobachten sind und die sich im Laufe der Lebensspanne zu inhaltlichen Wesenseigenschaften verdichten, die als relativ zeitstabil bzw. als kaum veränderbar gelten. Die Naturellwissenschaft konzentriert sich auf die Beschreibung dieser inhaltlichen Wesenseigenschaften und versucht sie, in eine typologische Form zu bringen.

Kennzeichnend ist, dass diese Wesenseigenschaften zwar in äußeren beobachtbaren Merkmalen sichtbar werden, dass aber das tiefere Erfassen der jeweiligen Wesensart (aus hermeneutischer Sicht) auch auf intuitiven Eindrücken beruht. Diese werden gefiltert durch den individuellen Erfahrungshorizont des Einzelnen, sodass es zu unterschiedlichen (Rück-)Wirkungen darüber kommt, wie diese Naturelle in ihrem jeweiligen Wesenskern für diese Person erscheinen.

Die Naturellwissenschaft präsentiert sich in der aktuellen Entwicklung in Form einer triadisch-prozessualen Persönlichkeitstypologie, die Werner Winkler (in Anlehnung an Dietmar Friedmann) entwickelt hat. Sie enthält vier zentrale Aspekte:
1.    In einer Naturell-Landkarte werden drei grundlegende Erlebensbereiche thematisiert, die triadisch ausdifferenziert werden und die unterschiedliche Fähigkeitsdimensionen beinhalten.
2.    Innerhalb der jeweiligen Bereiche sind unterschiedliche Bevorzugungen und Vernachlässigungen feststellbar, die der Einzelne unterschiedlich gewichtet. Daraus ergeben sich naturellspezifische Stärken und Schwächen.
3.    Diese Gewichtungen stehen in einer dynamischen Verbindung zueinander, die sich in einer bestimmten prozessualen Abfolge zeigt: Aus dem bevorzugten Bereich folgt der vernachlässigte und darauf der Ergebnisbereich.
4.    Aus diesen Bereichen werden vielfältige triadische Denkfiguren abgeleitet, die Entwicklungs- und Veränderungsoptionen enthalten und in Psychotherapien bzw. psychologischen Beratungen zur Anwendung kommen können.

Hinsichtlich dieser praktischen Therapie- bzw. Beratungsarbeit vertritt die Naturellwissenschaft einen gewissen Veränderungsskeptizismus, der, will man mit diesem Modell arbeiten, eine fundamentale Unterscheidung notwendig macht: die zwischen Sein (Wesen) und Verhalten (Handeln). Es wird die These vertreten, dass der Einzelne in seinem Sosein, also in seiner tiefen Wesensart, kaum bzw. nicht veränderbar ist. Gleichwohl hat eine Person jedoch die Möglichkeit, sich in ihrem Verhalten so oder so zeigen zu können. Das heißt, dass sie in bestimmten Situationen, auch entgegen ihrer Wesensart Verhaltensweisen zeigen und auch so handeln kann, wie sie es für die jeweilige Situation für erforderlich hält.

In diesem Zusammenhang hält es eine Naturellwissenschaft für wichtig, einer Person zu vermitteln, dass sie von ihrem Wesen her „in Ordnung“ ist bzw. ihr auch die Erlaubnis auszusprechen: „Sie dürfen so sein, wie Sie sind!“ Damit kommt eine Anerkennung und Wertschätzung zum Ausdruck, die zeigt, dass eine Person auch verhaltens- und leistungsunabhängig bewertet und gesehen wird. Dies entspricht nicht nur humanistischen Grundsätzen, sondern dadurch bleibt auch die Würde des Menschen gewahrt.



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