Günter Hiller: Überlegungen zur Begriffsklärung Psychographie vs. Naturell



Ende Januar wird in einer außerordentlichen Mitgliederversammlung unter anderem über die Namensänderung des Vereins abgestimmt. Eine Namensänderung bedeutet in gewisser Weise immer auch eine Identitätsänderung. Deswegen muss genau bedacht werden, ob diese gerechtfertigt ist. Ich möchte im Folgenden darlegen, warum ich diese Namensänderung für gut begründet halte. Gleichwohl verstehe ich diesen Beitrag als Information und auch als Entscheidungshilfe für diejenigen, die sich etwas gründlicher und tiefgehender mit dieser Frage auseinandersetzen wollen (deswegen auch die etwas längeren bzw. ausführlichen Erläuterungen).

Da es im Kern der Debatte um Begriffe geht („Psychographie“ vs. „Naturell“ bzw. „Naturellkunde“), möchte ich zunächst auf die für unseren Zusammenhang relevante Geschichte der Begriffsverwendung kurz eingehen.

In der akademischen Psychologie steht der Begriff „Psychographie“ (wörtlich: Beschreibung der Seele) für eine umfassende Beschreibung der Person in all seinen Dimensionen (z.B. Körperbauformen; Temperament; Fähigkeiten, Fertigkeiten). Dieser Begriff geht auf Gordon W. Allport zurück, der innerhalb der Differentiellen Psychologie (= Beschreibung der intra- und interindividuellen Unterschiede einer Person) das Ziel verfolgte, durch diverse Korrelationsforschungen (= statistische Wechselbeziehung zwischen zwei oder mehrerer variabler Merkmale) ein Psychogramm einer Person zu erstellen.
 
Dietmar Friedmann hat diesen Begriff aufgegriffen und verwendet ihn im Zusammenhang einer „Landkarte der Persönlichkeit“. Letztendlich geht es auch bei ihm um eine umfassende Beschreibung der Person. Im Unterschied zur akademischen Psychologie werden bei ihm aber keine Korrelationsforschungen betrieben, sondern er entwickelt eine Persönlichkeitstypologie, die auf „drei eigengesetzlichen Lebensbereichen“ (1976) basiert, aus denen er drei Typen ableitet. Insofern hat dieser Begriff hier eine völlig andere Bedeutung als in der akademischen Psychologie (die Merkmalskombinationen hinsichtlich der Persönlichkeit sind in der Differentiellen Psychologie viel komplexer und basieren auf statistischen Methoden wie z.B. Varianzanalysen, mit denen Friedmann nie gearbeitet hat).

Werner Winkler hat ebenfalls den Begriff „Psychographie“ verwendet, und zwar zunächst ganz im Sinne von Dietmar Friedmann. Auch er spricht von „Landkarte der Psychographie“ bzw. von „Lebensbereichen und daraus ableitbaren Persönlichkeitstypen“ (2001). Allerdings hat er Friedmanns Modell erweitert durch eine andere Anordnung dieser Lebensbereiche und ihrer Ausdifferenzierung. Herausgekommen ist ein Modell, das entsprechend verschiedener Unterbereiche zu 81 Typ-Differenzierungen führt.

Im Januar 1999 wurde der Verein „Psychographie-Initiative“ ins Leben gerufen mit dem Ziel, die Psychographie einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen. Im Herbst desselben Jahres stellte Werner Winkler sein Modell vor, auch in der Hoffnung, dass Dietmar Friedmann es adaptiert. Dies war jedoch nicht der Fall, abgesehen von der Einbeziehung des Wir-Bezuges. Somit standen in der Folgezeit zwei unterschiedliche Modelle im Raum, die unter dem Oberbegriff „Psychographie“ zusammengefasst waren. Ich selbst sprach damals vom „Friedmann-Modell“ und vom „Winkler-Modell“ und habe auch in einem Vortrag auf dem 7. Psychographie-Tag (2005) die Unterschiede zwischen diesen Modellen referiert.

Im Laufe der Zeit hat Werner Winkler sein Modell immer wieder sprachlich und graphisch modifiziert. Sprachlich: verschiedene Typ-Metaphern (z.B. Flava, Blua, Ruga; Schimpanse, Orang-Utan, Gorilla). Graphisch: unterschiedliche „Landschaftsdarstellungen“ (z.B. Haus-Modell; Garten-Modell). Es gab auch schon früh Versuche, eine Alternative zum Begriff „Psychographie“ zu finden (z.B. 123-Modell).

Eine meiner Meinung nach qualitativ neue Bedeutungsgebung kam durch den von Klaus Fritz eingeführten Begriff „Naturell“ (2003) ins Spiel, den dann Werner Winkler übernommen hat. Dieser Begriff hat (laut Duden) zwei Bedeutungen: 1. natürliche Veranlagung und 2. Wesensart (wobei hiermit gemeint ist, dass diese Wesensart in der natürlichen Veranlagung verankert ist). Diese, auch im allgemeinen Sprachgebrauch verwendete Bedeutung kommt meines Erachtens dem Winkler-Modell näher als dem Friedmann-Modell. Werner Winkler will mit diesem Begriff „Naturell“ zum Ausdruck bringen, dass es sich nur um einen Aspekt der Gesamtpersönlichkeit handelt, den er in den Blick nimmt, um eine Person zu beschreiben, nämlich den angeborenen Wesensanteil. (Ganz wichtig: Angeboren heißt hier nicht „ererbt“, sondern nach Werner Winklers Hypothese „embryonal erworben“.) Weitere Aspekte, die die Person bestimmen, sind erbliche, soziale und kulturelle Einflüsse, die eine Person bzw. den entsprechenden Typ weiterhin stark beeinflussen können. Im Gegensatz dazu ist Friedmanns Typbegriff (bzw. Typverständnis) viel stärker in der Gesamtpersönlichkeit verankert. Ihn scheinen die unterschiedlichen Anteile, aus denen die Gesamtpersönlichkeit resultiert, gar nicht zu interessieren. Für ihn zählt praktisch nur das Endprodukt, also der Typ selbst. Aber ich will doch auch wissen, welche meiner Persönlichkeitsanteile von meinem Naturell, meiner Erziehung, meiner Sozialisation, meiner Kultur entspringen, zumindest ansatz- oder annäherungsweise. Und genau das kommt im Winkler-Modell zum Ausdruck. Es ist darauf spezialisiert, den Naturell-Aspekt in den Blick zu nehmen. Dieses Modell maßt sich also nicht an, die Gesamtperson mit all ihren unterschiedlich prägenden Anteilen zu beurteilen, sondern eben „nur“ den angeborenen Anteil und die daraus resultierenden unterschiedlichen Gewichtungen, die die Wesensart einer Person (eben aus dem Blickwinkel dieses angeborenen Anteils) ausmachen. Damit lässt es Raum für die anderen Einflüsse, die insbesondere von der Pädagogik, der Psychologie, der Soziologie und den Kulturwissenschaften thematisiert werden. Dadurch entspricht dieses Modell auch einem wissenschaftlichen Konsens, denn es berücksichtigt die Tatsache, dass der Mensch/die Person auch von anderen Einflüssen (psychologisch ausgedrückt: bio-psycho-sozialen Einflüssen) bestimmt wird. Und es tritt auch bescheidener auf, weil es eben „nur“ den angeborenen Anteil ins Zentrum stellt und dadurch die Thematisierung der weiteren Anteile den anderen Wissenschaften überlässt.

Deswegen eignet sich meines Erachtens der Begriff „Naturell“ in einem besonderen Maße, die beiden Modelle sprachlich und inhaltlich voneinander abzugrenzen. Während zuvor beide Modelle unter einem Oberbegriff zusammengefasst waren, könnte man sie nach einer Vereins-Umbenennung auch sprachlich unterscheiden. „Psychographie“ stünde für das Friedmann-Modell und „Naturellkunde“ für das Winkler-Modell.

Im Weiteren möchte ich noch einige Anmerkungen machen zu zwei Haupteinwänden, die gegen den Begriff „Naturellkunde“ bzw. „Naturell“ vorgebracht werden.

Es scheint mir auch so zu sein, dass „Naturellkunde“ nicht so wissenschaftlich klingt wie „Psychographie“. Insofern ist dieser Begriff „Naturellkunde“ tatsächlich gewöhnungsbedürftig, zumindest für diejenigen, die auf diese „Wissenschaftlichkeit“ Wert legen. Andererseits bringt er jedoch genauer zum Ausdruck, worum es im Winkler-Modell geht und ist deswegen meines Erachtens zutreffender. Außerdem finde ich es anerkennenswert, angesichts der vielen teils auch (pseudo-)wissenschaftlichen Begriffe, die häufig aus griechischen und/oder lateinischen Wortzusammensetzungen bestehen, einen rein deutsch-sprachigen Begriff für das Winkler-Modell zu verwenden, zumal er vom Wortsinn her verständlicher ist.

Ein weiterer Einwand betrifft die Sorge, dass durch den „Naturellbegriff“ die Entwicklungsaspekte (die sowohl für das Friedmann- wie auch für das Winkler-Modell konstitutiv sind) nicht mehr so recht zur Geltung kommen würden. Vordergründig trifft dies zu. Denn „Naturell“ impliziert die Assoziation „angeboren“ und „angeboren“ impliziert die Assoziation: „Dann bin ich einfach so, da kann man nichts mehr machen; da lässt sich nichts mehr verändern!“ Auch ich bin der Auffassung, dass es Wesensanteile gibt, die praktisch nicht mehr veränderbar sind. Aber das heißt noch längst nicht, dass ich mich nicht verändern kann. Von meinem Wesen her bin ich auf eine bestimmte Art und Weise geprägt (eben durch ererbte, angeborene, soziale und kulturelle Einflüsse), aber mein Verhalten kann ich dennoch verändern, und zwar dadurch, dass ich anders handle und/oder eine andere Einstellung entwickle, die sich in meinem Verhalten entsprechend auswirkt. Und genau diese Erkenntnis gilt es Klienten zu vermitteln nach dem Motto: „Es gibt Wesensanteile in Ihnen, die sich nicht mehr verändern lassen, aber gleichwohl haben Sie die Freiheit, sich anders zu verhalten, auch wenn es Ihnen von Ihrem Wesen/Naturell her schwerfällt. Dass Sie so sind, wie Sie sind, bedeutet aber auch, dass Sie so sein dürfen, wie Sie sind und sich für Ihre Wesensart/Ihr Naturell nicht zu schämen brauchen. Gleichwohl haben Sie die Freiheit, wenn Sie etwas unbedingt verändern wollen, dies auch zu tun, indem Sie ein entsprechendes Verhalten zeigen oder es sich durch Lernprozesse aneignen.“

Ob ein Therapeut/Berater mit dem Friedmann- oder Winkler-Modell arbeitet, ob er dieses Modell „Psychographie“ oder „Naturellkunde“ nennt, spielt meines Erachtens hinsichtlich der Frage nach der Veränderbarkeit nicht die entscheidende Rolle. Viel entscheidender sind folgende Fragen: Was ist veränderbar und was nicht? Will ich überhaupt etwas verändern oder nicht? Und: Wie kann ich etwas verändern, wenn ich es will? Diese Fragen beziehen sich in praktischer Hinsicht auf motivationale Aspekte sowie auf therapeutische Interventionen und sind in Bezug auf die Namensnennung meines Erachtens nicht relevant. [Fortsetzung im nächsten Abschnitt]
Abschließend möchte ich meine Gedanken nochmals zusammenfassen und in Thesenform darlegen, um das Gesagte griffiger zu machen.

Der Begriff „Psychographie“ meint in der akademischen Psychologie etwas völlig anderes als im Verständnis von Dietmar Friedmann und Werner Winkler. Im ersteren Fall steht er für eine statistische Korrelationsforschung, im zweiten Fall für eine Persönlichkeitstypologie. Insofern ist dieser Begriff ohne inhaltliche Erläuterung unverständlich oder auch missverständlich.

Innerhalb des Vereins „Psychographie-Initiative“ gibt es, wenn man sich rein auf den Begriff „Psychographie“ bezieht, zwei Modelle: das Friedmann-Modell und das Winkler-Modell mit inhaltlich unterschiedlichen Akzentuierungen.

Das Winker-Modell erscheint mir innovativer hinsichtlich seiner sprachlichen und graphischen Modifizierungen. Es ist gekennzeichnet durch einen Metapher-Reichtum, der immer wieder neue Verstehensoptionen schafft. Dadurch findet manch einer, der sich erstmals mit dieser Thematik auseinandersetzt, einen besseren Zugang.

Der Begriff „Naturell“ enthält eine qualitativ neue Bedeutung, die sich auf das Verständnis der Modelle auswirkt. Das Friedmann-Modell akzentuiert mehr die Gesamtpersönlichkeit und interessiert sich weniger für die Anteile, aus denen diese Gesamtpersönlichkeit zusammengesetzt ist. Dadurch kommt aus dem Blick, dass es verschiedene Einflussgrößen gibt, die in die Persönlichkeit einfließen. Das Winkler-Modell beschränkt sich auf einen Einflussbereich: das angeborene Naturell. Dadurch lässt es Raum für die anderen Einflüsse (ererbte, soziale, kulturelle), die von anderen Wissenschaften thematisiert werden.

Hinsichtlich der praktischen Arbeit ergibt sich meines Erachtens auch eine Akzentverschiebung. Im Begriff „Naturell“ steckt die (auch im allgemeinen Sprachgebrauch verankerte) Assoziation „angeborene Wesensart“. Dabei wird deutlich, dass es um denjenigen Anteil einer Person geht, der ihm quasi in die Wiege gelegt ist und der meines Erachtens kaum zu verändern ist. In dieser auf den ersten Blick kritisch zu sehenden „Unveränderbarkeit des Wesenskerns“ steckt meines Erachtens ein enorm wichtiger Aspekt, den ich im Friedmann-Modell so deutlich nicht erkennen kann, nämlich die Erlaubnis, auch so sein zu dürfen, wie man ist. Dadurch wird einer Person nicht nur signalisiert: „Du darfst so sein, wie du bist!“, sondern auch: „Ich nehme dich so an, wie du bist!“ Damit ist eine starke Wertschätzung der Person verbunden im Sinne von: „Ich akzeptiere und respektiere deine Wesensart!“ Geht es nun um die Frage der Veränderung, so stellt diese Akzeptanz überhaupt erst die Voraussetzung für eine Veränderung dar: Bevor ich mich verändere, muss ich mich zuvor so annehmen können, wie ich bin. Von diesem Standpunkt aus kann ich selbstbewusst sagen: „Ich bin, wie ich bin, aber ich kann mich auch anders verhalten, wenn ich es will!“ Und hier setzt nun die praktische Veränderungsarbeit an, sofern der Klient diese Veränderung auch wirklich will. 

Mein persönliches Fazit: Ich plädiere für die Umbenennung des Vereins, weil dadurch besser zum Ausdruck kommt, worum es im Winkler-Modell geht: den angeborenen Aspekt (mithin die angeborene Wesensart) der Person zu thematisieren und die entsprechend unterschiedlichen Gewichtungen herauszuarbeiten. Gleichwohl nehme ich die Einwände, die gegen die Umbenennung sprechen, ernst und respektiere sie. Dennoch meine ich, wir sollten die Umbenennung „wagen“. Denn sie bringt einen neuen Aspekt zum Ausdruck, der im Begriff „Psychographie“ so nicht erkennbar ist: dass wir ein „Naturell“ in uns tragen, das uns tief prägt und zu dem wir uns auch bekennen sollten. Und der Begriff „Verein zur Förderung der Naturellkunde“ bringt zum Ausdruck, dass es einen Verein gibt, der uns überhaupt erst zu Kunde bringt, über welches Naturell wir verfügen, und der uns über unsere Gewichtungen hinsichtlich unserer Stärken und Schwächen aufklärt.

Günter Hiller (Sachtyp-Denker, gegenwartsorientiert, du-bezogen)

Dieser Artikel wurde im Dezember 2015 im Forum auf www.psychographen.de veröffentlicht.





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