Werner Winkler: Warum sind wir so verschieden?
Werner
Winkler, geb. 1964 in Stuttgart, schreibt seit 1999. Seine
Themen sind Gesundheit, Persönlichkeitsunterschiede und
der Lösungsorientierte Ansatz. Ursprüngliche
Ausbildung als Werbetechniker und Kalligraf, ist er nach
Zusatzausbildungen, u.a. bei Steve de Shazer, seit 1996 u.a.
als Berater für Privatpersonen und Unternehmen
tätig. Kleine
Warnung: Erwünschte und weniger erwünschte (Neben)
Wirkungen des Modells Jede
Sichtweise, sei sie nun auf die Welt insgesamt oder auf den
Menschen im Speziellen gerichtet, zeigt eine Reihe von
Wirkungen bei denjenigen, die sie einnehmen. Zuwachs
an praktischer Selbsterkenntnis Mit
jedem Bereich, in dem man die eigene Gewichtung
herausfindet, wächst die Erkenntnis über die
individuelle (unbewusste) innere Struktur. Immer
häufiger wird man sich dabei ertappen, dass man sich
gemäß dieser Struktur verhält, ohne sich
bewusst dafür entschieden zu haben. Beispiel:
Als Relationiker könnte einem der eigene Hang zum
Ja-Sagen auffallen. Gleichzeitig wird jedoch die Alternative
dazu, das 'Vielleicht', immer öfters zum Einsatz
kommen, da man ja merkt, wie gut es tut, sich etwas Zeit
auszubitten, bevor man eine Entscheidung trifft. Ein
anderes Lebensgefühl Für
viele, die über ein Seminar oder Buch etwas über
die Hintergründe der eigenen Verschiedenheit erfahren
und sich einer Gruppe zuordnen können, führt dies
sofort oder im Laufe der Zeit zu einem veränderten
Lebensgefühl. Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe
ähnlich 'gestrickter' Menschen wird als
Bestätigung des eigenen Erlebens und auch als
beruhigend erlebt. Das Gefühl, 'okay' zu sein, auch
wenn man anders, als z.B. die eigenen Geschwister ist,
stärkt das Selbstbewusstsein und oft auch das
Selbstwertgefühl. Auch dort, wo man von seinen
Freunden, wohlmeinenden Autoren oder den eigenen Eltern die
Botschaft mit auf den Weg bekam, sich doch möglichst in
diese oder jene Richtung zu ändern, führt das
Wissen darum, dass die eigene, individuelle
Stärken-Struktur angeboren ist, zu mehr Sicherheit und
Ruhe. Nicht mehr ein Ideal für alle ist nun das
Vorbild, sondern was man anhand des Modells als Start und
Richtung der eigenen Entwicklung erkennt und so bewusst
verstärken kann. Beispiel:
Eine Teilnehmerin eines Seminars meinte, sie würde ab
sofort sich und ihre Familie mit völlig anderen Augen
sehen; und eine andere verabschiedete sich mit den Worten:
"Hier habe ich gelernt, dass ich normal bin und so sein
darf, wie ich mich fühle. Und dass ich nicht die
Erwartungen an-derer erfüllen muss." Elementare
Veränderung des Umgangs mit anderen Eine
der interessantesten Auswirkungen, wenn man anfängt
diese grundlegenden Unterschiede zu respektieren, ist, dass
man sein Verhalten gegenüber Menschen mit anderen
Bevorzugungen elementar ändert. Wo bisher als Grundsatz
galt, den anderen so zu behandeln, wie man selbst gerne
behandelt würde, heißt es nun: Behandle den
anderen so, wie er selbst behandelt werden möchte - was
oft nicht einfach ist. Beispiel:
Ganz typisch für meine eigene Bevorzugung als 'Denker'
freut es mich, wenn ich beim Sprechen nicht ständig
unterbrochen werde. Als mir aber klar wurde, dass dies bei
den 'Machern' anders ist und diese Menschen unter
Umständen, wenn man sie nicht unterbricht, 'ewig'
weiter sprechen und gleichzeitig neuen Input mögen,
habe ich mir angewöhnt, entgegen der allgemeinen Regel,
bei längeren 'Vorträgen' von Macher-Freunden oder
-Geschäftspartnern diese hin und wieder durch einen
Einwurf zu unterbrechen. Dabei fiel mir auf, dass ihnen dies
zu gefallen schien (wie von der Theorie vorhergesagt) und
sie sogar plötzlich minutenlang still und neugierig
meinen Ausführungen lauschten. Für mich und meine
Bevorzugung (des Denkens) ist so auch eine längere
Stille in einem Gespräch völlig normal, wohingegen
die Macher diese lieber gefüllt sehen und zur Not eben
selbst etwas erzählen. Oder ich verstehe, seit ich von
diesen Phänomenen weiß, dass Fühler-Menschen
nach einer gewissen Menge an Input einfach eine Pause
brauchen, um zu verarbeiten. Früher bin ich automatisch
davon ausgegangen, dass jeder Mensch eine ebenso große
Menge an Eindrücken speichern und verarbeiten kann, wie
ich als Denker-Mensch. Öfters
verständnisvoll lächeln
können. Anstatt
über das Verhalten anderer verständnislos den Kopf
zu schütteln, mich zu wundern oder gar jemand
völlig misszuverstehen, weil ich ihm meine Motivmuster
unterstelle und seine nicht kenne, fiel mir sehr bald,
nachdem ich die hier geschilderten Unterschiede
verinnerlicht hatte, eine Veränderung auf: ich
lächelte ständig, wenn mir etwas 'Typisches' an
jemand auffiel. Es war (und ist bis heute) so etwas wie die
Freude des Entdeckers, der plötzlich ein Mikroskop oder
ein Fernrohr zur Verfügung hat und damit eine
völlig neue Welt entdeckt. In meinem Fall die Welten
derjenigen Menschen, von denen ich bisher dachte, sie
würden die Welt im Wesentlichen genau so erleben wie
ich selbst - und von denen mir nun ansatzweise bewusst
wurde, durch welche Augen sie die Welt sehen. Im Grunde ein
echtes Wunder. Beispiel:
Als ich noch an einer Fachschule für Grafikdesigner
Kalligrafie unterrichtete, kam wieder einmal eine
Schülerin, die ich als Temporiker eingeordnet hatte,
deutlich zu spät. Beim (hektischen) Hereinstürzen
kommentierte sie: "Mein Freund hat heute Morgen die
Jalousien nicht hochgezogen, deshalb wurde ich nicht
rechtzeitig wach …" Ich entgegnete ihr augenzwinkernd:
"Ich weiß, du bist wieder einmal das Opfer der anderen
geworden - du Arme!" Da grinste die Langschläferin und
meinte schuldbewusst: "Okay, ich weiß, dass ich selbst
dafür verantwortlich bin - ich könnte mir ja einen
eigenen Wecker stellen." Offensichtlich hatte sie mich
verstanden; und das, obwohl ich nicht in 'ihrer Welt' lebte,
sondern nur nachvollziehen konnte, wie es darin
aussah. Erweiterte
Toleranz Das
Wissen um die Andersartigkeit eines Gegenübers macht
allein noch keinen Unterschied. Erst durch die gleiche
Würdigung aller Muster und durch den Respekt
voreinander wird sich das Wissen um die Unterschiede in
erweiterter Toleranz auswirken können. Sehen wir in
einem anderen einen besonders reifen oder weisen Menschen,
werden wir ihm damit ebenso wenig gerecht, wie wenn wir nur
seine Schwachstellen beachten. Jeder Mensch, egal wie jung
oder alt, wie reif oder unerfahren, steht Zeit seines Lebens
in einem Lern-prozess. Keiner ist je 'fertig' und hat alle
Potentiale, die er in sich trägt, vollständig
erschlossen. Jedoch kann es durchaus sein, dass ein
bestimmter Mensch jene Erfahrungen, bei denen wir noch am
Anfang stehen, bereits weitgehend zu Ende gebracht hat und
uns so als weit fortgeschritten erscheint (in Relation zu
unserem Entwicklungsstand). Oder er fängt gerade erst
an selbst etwas zu lernen, das wir schon vor Jahren
'abgehakt' haben. Diese Unterschiede hängen häufig
mit den Unterschieden in der individuellen Gewichtung
zusammen. Wissen wir dies, werden wir fast automatisch
toleranter oder 'gnädiger'. Beispiel:
Einer von zwei Kollegen ist Relationiker, der andere
Aktioniker. Immer wieder gibt es Missverständnisse und
Auseinandersetzungen, die der Aktioniker offenbar zu
genießen scheint, weil sie ihm sichere Gelegenheiten
zur Beziehungspflege bieten, in denen er ganz nach Bedarf
Nähe oder Abstand steuern kann. Der Relationiker
weiß um dieses Phänomen und spricht immer wieder
sehr früh und direkt Streitpunkte an, bevor sie
eskalieren. Dadurch wird die Zusammenarbeit wesentlich
entlastet, da die Reibungspunkte einen festen Raum bekommen.
Toleranz bedeutet hier, ein grundlegendes Bedürfnis des
Aktionikers (Auseinandersetzung und daraus entstehende
Harmonie) zu bedienen, auch wenn es für den
Relationiker nicht dieselbe Wichtigkeit hat und er anders
mit solchen Situationen umgehen bzw. sie am liebsten ganz
vermeiden würde. Veränderung
der Zuschreibung Die
Kenntnis und korrekte Zuordnung von Verschiedenhei-ten
lässt nach und nach andere mögliche Ursachen in
den Hintergrund treten bzw. obsolet erscheinen. Ohne diese
Kenntnis suchen wir automatisch trotzdem nach
Erklärungs-mustern für die ja häufig
offensichtlichen Unterschiede zwischen Menschen und meinen
dann, es handele sich um den Unterschied zwischen
Männern und Frauen, Altersgruppen oder zwischen
verschiedenen Kulturen. So wird beispielsweise die
Eigenschaft 'soziale Kompetenz' häufig generell eher
Frauen zugeschrieben und die Fähigkeit, sich auf ein
Thema zu konzentrieren, den Männern. Aus der Sichtweise
unterschiedlicher Stärkengewichtung scheint es jedoch
passender, 'soziale Kompetenz' im Sinne einer angeborenen
Stärke den Relationikern und die
Konzentrationsfähigkeit den Temporikern zuzuordnen -
unabhängig von deren Geschlecht. Es wäre also
sinnvoller, von drei Arten Männern und drei Arten
Frauen zu sprechen; also sechs 'Geschlechter' anstatt zwei
zu unterscheiden. Beispiel:
Eine Aktioniker-Frau wirft ihrem Temporiker-Part-ner
regelmäßig vor, er sei gar kein 'richtiger Mann'.
Denn stets, wenn es um handwerkliche Arbeiten am Haus geht,
muss sie die Sache in die Hand nehmen, damit sie so erledigt
wird (perfekt, umgehend), wie sie es erwartet. Als Vorbild
hält sie ihm dann den Aktioniker-Nachbarn vor, der ihre
Arbeit entsprechend lobt und meint, sie könne es mit
jedem Mann aufnehmen. Als beide erkennen, woher die
Unterschiede zwischen ihnen resultieren, sieht sie zum
ersten Mal seine angeborenen Stärken als solche und
beginnt, sie als Teil des 'individuellen Gesamtpakets' zu
schätzen. Nun kann sie seine Schwachstellen nicht nur
aushalten, sondern wirklich nachvollziehen und sich heimlich
darüber freuen, dass er ihr soviel Freiraum lässt,
ihre Lust an handwerklichen Arbeiten auszuleben. Gegenseitiger
Respekt stärkt Freundschaften Viele
Freundschaften entzweien sich durch Missverständnisse,
beispielsweise über grundlegend unterschiedliche
Einschätzungen gemeinsamer Erlebnisse oder von
Ereignissen im Leben des Freundes. Hier verhilft das Wissen
um die 'Welt des anderen' mit seiner ihm eigenen Bevorzugung
und Gewichtung der Lebenserfahrungen entweder, ihn zu
respektieren oder 'so sein zu lassen', wie er nun einmal
augenscheinlich ist, auch wenn ich das vielleicht weder
verstehen noch nachvollziehen kann. Beispiel:
Zwei Freunde, beides junge Männer um die 20. Der eine
ist Aktioniker, der andere Relationiker. Der erste sieht
sein Leben vor allem als Wechsel zwischen Arbeits- und
Freizeit, der andere hingegen wird demnächst seine
Freundin heiraten und ist dementsprechend emotional von
diesem wichtigen Schritt vereinnahmt. Beide wissen darum,
was sie unterscheidet und können so einander
wohlwollend die jeweiligen Erfahrungen gönnen. Der
Aktioniker weiß, dass für ihn Beziehungen zurzeit
nicht den gleichen Stellenwert haben wie für seinen
Freund. Er möchte zuerst einen gewissen Status
erreichen, vielleicht sogar ein eigenes Haus kaufen und dann
an die Familiengründung denken. Enge Beziehungen pflegt
er eher mit seinen Freunden und die jungen Frauen seines
Alters 'nerven' ihn mehr, als sie ihn normalerweise
anziehen. Die wenigen Ausnahmen sind für ihn eher
'Kumpels', als ernsthafte Kandidatinnen. Der Relationiker
weiß um seinen 'Vorsprung' hinsichtlich der
'Verbundenheit'. Für ihn waren Liebesbeziehungen schon
immer ein wichtiger Teil seines Lebens und mit seiner Ehe
möchte er hier konstanter werden, um sich dann mehr auf
seine Weiterbildung konzentrieren zu können. Für
ihn ist die Heirat in gewissem Sinn ein Schlusspunkt,
während sie für seinen Aktioniker-Freund der
Beginn eines mühsamen Prozesses sein wird, sich
emotional auf eine Partnerin einzulassen - und nicht nur
rein äußerlich zusammen zu leben. Veränderter
Umgang mit Kindern Auch
auf Kinder lässt sich alles übertragen, was hier
über Verschiedenheiten gesagt wird. Diese entstehen ja
höchstwahrscheinlich nicht während der frühen
Kindheit oder Jugend, sondern noch bevor die werdende Mutter
etwas von ihrem Zustand weiß (wie vorhin beschrieben).
Daher erscheint es folgerichtig und sinnvoll, die
Konsequenzen daraus auch für Kinder ernst zu nehmen,
sobald man deren Bevorzugungen erkannt hat. Auch die
Ermutigung dazu, die strukturell vernachlässigten
Stärken zu nutzen, könnte die normalen
Erziehungsbemühungen gut ergänzen: also sowohl die
Stärken anerkennen, die sich als Bevorzugungen zeigen
und gleichzeitig darauf achten, jedem Kind ausreichend
Gelegenheit zu bieten, seine 'vernachlässigten
Stärken' ins Spiel zu bringen - idealerweise, wenn es
selbst sich in diese Richtung bewegt. Hier
zeigt sich auch, weshalb es eine große
Veränderung bewirkt, wenn Eltern um ihre eigenen
Bevorzugungen wissen und verstehen, dass sie diese ihren
Kindern weder automatisch vererben, noch sie durch ihr
Vorbild allein übertragen. Jedes Kind hat ja sein
individuelles Bevorzugungsmuster (eines von 81, wie
beschrieben) -und die Chance, dass einer der Eltern oder
Geschwister genau das gleiche hat, ist entsprechend gering.
In Folge dessen beobachten Eltern, die um diese
Phänomene wissen, ihre Kinder noch einmal viel genauer
und verstehen sie so auch besser in ihrer Eigenart.
Beispiel:
Eine Mutter wunderte sich immer wieder, wie sehr sich ihre
drei Kinder voneinander unterscheiden. Die Eigenschaften des
Jungen ließen sich zwar auf die Ähnlichkeit mit
seinem Vater zurückführen und die kleinere Tochter
hatte offenbar viel von ihrer Mutter geerbt - aber die
größere Toch-ter war wie 'von einem anderen
Stern'. Auch Opas und Omas kamen als Ursache nicht in Frage,
so dass das Rätsel ungelöst blieb und die Mutter
sich Gedanken gemacht hätte, wüsste sie nicht
sicher, dass der Vater auch wirklich der Vater und durch die
Hausgeburt eine Verwechslung in der Klinik ausgeschlossen
war. Diese Tochter verstand sich zudem weder mit den
Geschwistern besonders gut, noch mit einem der Eltern.
Dagegen hatte sie eine 'beste Freundin', mit der sie seit
der Kindergartenzeit fast unzertrennlich war. Aufklärung
brachte erst die Erkenntnis über die unterschiedlichen
Bevorzugungsmuster: der Vater, beide Großväter
und der Sohn zeigten sich als Aktioniker, die Mutter, beide
Großmütter und die kleine Tochter als
Relationiker. Die größere Tochter schien also als
einzige zur Gruppe der Temporiker zu gehören, ebenso
deren Freundin. Plötzlich erkannten die Eltern weitere
Temporiker im Bekanntenkreis, zu denen ihre
'ungewöhnliche Tochter' immer wieder gezielt den
Kontakt gesucht und gehalten hatte. Wo es bis dato eher
hieß "sie schlägt etwas aus der Art", konnten nun
viele ihrer Besonderheiten als natürliche Anlage
verstanden und sehr leicht akzeptiert werden. Die 'Exotin'
selbst wollte übrigens nicht Sachtyp, sondern
Sachtüte genannt werden … Angepasste
Lösungsmuster Durch
das Wissen um die unterschiedlichen Muster können auch
Geschichten über gelungene Problemlösungen mit
einem entsprechenden 'Etikett' versehen und in die passende
Schublade eingeordnet werden. Der Erfahrungsschatz, z.B.
eines Beratungslehrers oder Seelsorgers, wird so neu
sortiert und auch sicherer verfügbar. Denn darin
heißt es nun nicht mehr "Erfolgsgeschichte von Frau
A." sondern "Erfolgsgeschichte eines Temporikers" und kann
so für andere Hilfesuchende als Mustervorlage verwendet
werden. Ratschläge und Tipps werden sinnvoller und
passgenauer. Da ich selbst schon seit 1996 Beratungen
durchführe, kann ich diesen Effekt als eine der
wertvollsten Folgen des 123-Modells bestätigen und es
allen Beratern empfehlen. Des Öfteren höre ich von
Klienten, dass sie sich besonders gut verstanden fühlen
und die Tipps ausgesprochen passend wären. Mein
Geheimnis ist aber schlicht, dass ich wie oben beschrieben
die gelingenden Muster aus einem Gespräch oder aus
einer Problemlösung, die ich mit einer Gruppe Menschen
gemacht habe, auf alle anderen dieser Gruppe übertrage
und immer weiter optimiere. Früher wäre ich eher
nach meiner Intuition oder meinen eigenen Erfahrungen
gegangen, die natürlich nur für sehr wenige andere
Menschen passend sind. Wertschätzung Was
im Grunde selbstverständlich sein sollte, nämlich
die Wertschätzung des anderen, gelingt auf dem
Hintergrund des Wissens um die Art der Verschiedenheit von
Menschen offenbar deutlich leichter. Da mir ja bald bewusst
wird, dass ich mit meinem speziellen Strukturmuster von den
81 möglichen nur selten auf jemanden treffe, der mir
tatsächlich gleicht, nehme ich von vorneherein eine
offenere, aufmerksamere und neugierigere Haltung ein, als
wenn ich davon ausgehe, dass alle Menschen (oder alle
Männer bzw. Frauen) im Wesentlichen ähnlich
gestrickt sind. So entdecke ich viel einfacher die fest
angelegten Stärken, ebenso wie die seltener genutzten.
Beides als das zu schätzen, was sie für diesen
Menschen selbst - und eben nicht aus meiner eigenen Sicht -
sind, macht für mich einen Großteil der
Wertschätzung aus. Und in dem Moment, in dem ich etwas
als natürlicherweise vorgegeben ansehe, entfällt
auch der Gedanke, der andere sei vielleicht an dieser Stelle
'zurückgeblieben' oder würde, aus welchen
Gründen auch immer, eine bestimmte Seite an sich
übertreiben. Beispiel:
Eine Lehrerin hatte sich angewöhnt, in neuen Klassen
zunächst auf jene Schüler zu achten, die ihr
'lagen' und bevorzugt mit ihnen den Unterricht zu gestalten.
So fühlte sie sich auf der sicheren Seite und konnte
dann nach und nach mit den anderen, aus ihrer Sicht
schwierigeren, Kindern Kontakt aufnehmen. Sie wollte sich
und der Klasse Stress ersparen und die 'andersartigen' mit
der Zeit für ihren Stil gewinnen. Als sie in einer
Fortbildung über die verschiedenen Gewichtungen
hörte und sich selbst als Aktioniker einordnete,
änderte sie erst ihre Wahrnehmung und dann ihre
Strategie. Zwar fielen ihr weiterhin die 'angenehmen'
(Aktioniker-) Schüler auf und sie konnte sich in
Stress-Situationen auf deren Mitarbeit verlassen - aber mehr
und mehr gelang es ihr nun, die Schüler in ihrer
Verschiedenheit zu respektieren und die unterschiedlichen
Stärken für die Unterrichtsge-staltung zu nutzen.
Sie merkte bald, dass es so auch ihr selbst mehr Spaß
machte und sie weniger Angst vor unberechenbaren Situationen
hatte. Die Schüler registrierten ihrerseits, dass ihre
Lehrerin häufiger locker und lustig war und
Stärken wahrnahm, die ihr bisher offenbar entgangen
waren. Und selbst die 'Außenseiter' in der Klasse
konnte sie nun durch wenige gezielte Sätze und Gesten
zur Mitarbeit motivieren. Und im Umgang mit ihren Kollegen
lernte sie, deren strukturtypischen Eigenheiten zu
akzeptieren und nicht jedem ihren eigenen Weg verordnen zu
wollen. Sie lernte jetzt bewusst während Hospitationen
in Klassen ihrer Relationiker- und Temporiker-Kollegen, wie
diese mit den Schülern umgingen und machte es mit gutem
Erfolg einfach nach, selbst wenn es ihr eher fremd vorkam,
z.B. mit Relationiker-Schülern über sehr private
Dinge zu sprechen oder Temporiker-Schülern die
Gelegenheit zu geben, einen Teil des Unterrichts zu
übernehmen, was teilweise zu erstaunlichen Ergebnissen
führte und ihre Wertschätzung dieser Gruppe
deutlich erhöhte. Ihre Selbsteinschätzung
veränderte sich zwar in der Zeit nach der
Weiterbildung, da ihr ihre Lücken und Stärken
klarer wurden - aber sie respektierte, dass diese einfach
ein Teil ihrer natürlichen Struktur und damit 'okay'
sind. (...) Eher
unangenehme Nebenwirkungen Wie
jede Denkweise oder jedes Modell gibt es auch hier
Nebenwirkungen, die weniger erwünscht sind. So
berichten viele von einer Art 'Schock' durch die Erkenntnis,
dass die eigenen Stärken oder die anderer (z.B. der
eigenen Kinder) nicht durch eine besondere Leistung oder die
gute Erziehung erworben wurden, sondern natürlich
vorgegeben sind. Das gleiche gilt für Defizite, die man
an sich oder an anderen wahrnimmt. Dass sie nicht einfach
per Knopfdruck ausgeglichen werden können, sondern
sozusagen die andere Seite der Medaille darstellen, ist
für viele schwer zu verdauen. Manche
Leser oder Seminarteilnehmer mögen es nicht, dass durch
dieses Modell ein Teil ihrer Geheimnisse enthüllt wird
und sie von anderen durchschaut werden können, gerade
was die eigenen Schwachstellen betrifft. Auch kann die
Faszination, die dieses Thema immer wieder hervorruft, dazu
verleiten, Menschen vor allem aus dieser Perspektive zu
sehen und andere Aspekte, die mindestens genauso wichtig
sind, auszublenden. Meist verliert sich dieser Effekt aber
mit der Zeit, wenn es 'normal' geworden ist, jemand auch auf
diese Weise zu sehen. Wechselwirkungen Durch
die Hinzunahme dieses Modells der Unterscheidung
verändern sich auch andere Sichtweisen oder Modelle,
die man bisher verwendet hat - jedoch nicht immer (wie im
folgenden Beispiel) zum Vorteil derjenigen, mit denen man es
zu tun hat. So konnte beispielsweise eine
Kinderfußball-Trainerin ihre Arbeit optimieren. Bisher
achtete sie selbstverständlich auf die für alle
geltenden physiologischen Grundbedürfnisse. Und sie
bemühte sich sehr darum, jedem einzelnen von ihnen
individuell gerecht zu werden. Nachdem sie jedoch Warum
Kinder so verschieden sind gelesen hatte, führte sie
für sich eine dritte Ebene ein: Sie notierte sich von
jedem Kind, bei dem es ihr auffiel, dessen
Bevorzugungsmuster und versuchte nun, auch darauf
Rücksicht zu nehmen. Die neuen Trainingsprogramme
für die Kinder umfassten seitdem a)
allgemeingültige, b) individuelle und c) musterbezogene
Elemente - wobei sie a) und c) aus vorgefertigten, nach und
nach optimierten Textbausteinen einkopierte. Ebenfalls
eine Wechselwirkung wäre es, wenn jemand seine
Aufmerksamkeit schon immer eher auf die Schwächen
seiner Mitmenschen, ihre Defizite und Unvollkommenheiten
gerichtet hätte und nun mit diesem Modell ein Werkzeug
in die Hand bekommt, um das mit noch mehr Perfektion zu tun.
Zum Glück wurde das aber bisher nur selten
beobachtet. Dieses Buch
ist eine völlig überarbeitete Sonderausgabe des
2005 beim mvg-Verlag erschienenen Titels und nur beim
Herausgeber, dem NeuroCafe
Stuttgart oder direkt beim
Autor
erhältich. Es kostet 15
Euro inkl. Versand (in Deutschland). Mehr zum
Autor: Mehr
zum Inhalt: Inhaltsverzeichnis Preise für
Sammelbesteller: 10er-Pack: 125,-- Euro

Leseprobe
Die
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