Werner Winkler: Warum sind wir so verschieden? 

Der Autor.
Leseprobe
Das Buch.

Werner Winkler, geb. 1964 in Stuttgart, schreibt seit 1999. Seine Themen sind Gesundheit, Persönlichkeitsunterschiede und der Lösungsorientierte Ansatz.

Ursprüngliche Ausbildung als Werbetechniker und Kalligraf, ist er nach Zusatzausbildungen, u.a. bei Steve de Shazer, seit 1996 u.a. als Berater für Privatpersonen und Unternehmen tätig.

Kleine Warnung: Erwünschte und weniger erwünschte (Neben) Wirkungen des Modells

Jede Sichtweise, sei sie nun auf die Welt insgesamt oder auf den Menschen im Speziellen gerichtet, zeigt eine Reihe von Wirkungen bei denjenigen, die sie einnehmen.

 

Zuwachs an praktischer Selbsterkenntnis

Mit jedem Bereich, in dem man die eigene Gewichtung herausfindet, wächst die Erkenntnis über die individuelle (unbewusste) innere Struktur. Immer häufiger wird man sich dabei ertappen, dass man sich gemäß dieser Struktur verhält, ohne sich bewusst dafür entschieden zu haben.

Beispiel: Als Relationiker könnte einem der eigene Hang zum Ja-Sagen auffallen. Gleichzeitig wird jedoch die Alternative dazu, das 'Vielleicht', immer öfters zum Einsatz kommen, da man ja merkt, wie gut es tut, sich etwas Zeit auszubitten, bevor man eine Entscheidung trifft.

 

Ein anderes Lebensgefühl

Für viele, die über ein Seminar oder Buch etwas über die Hintergründe der eigenen Verschiedenheit erfahren und sich einer Gruppe zuordnen können, führt dies sofort oder im Laufe der Zeit zu einem veränderten Lebensgefühl. Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe ähnlich 'gestrickter' Menschen wird als Bestätigung des eigenen Erlebens und auch als beruhigend erlebt. Das Gefühl, 'okay' zu sein, auch wenn man anders, als z.B. die eigenen Geschwister ist, stärkt das Selbstbewusstsein und oft auch das Selbstwertgefühl. Auch dort, wo man von seinen Freunden, wohlmeinenden Autoren oder den eigenen Eltern die Botschaft mit auf den Weg bekam, sich doch möglichst in diese oder jene Richtung zu ändern, führt das Wissen darum, dass die eigene, individuelle Stärken-Struktur angeboren ist, zu mehr Sicherheit und Ruhe. Nicht mehr ein Ideal für alle ist nun das Vorbild, sondern was man anhand des Modells als Start und Richtung der eigenen Entwicklung erkennt und so bewusst verstärken kann.

Beispiel: Eine Teilnehmerin eines Seminars meinte, sie würde ab sofort sich und ihre Familie mit völlig anderen Augen sehen; und eine andere verabschiedete sich mit den Worten: "Hier habe ich gelernt, dass ich normal bin und so sein darf, wie ich mich fühle. Und dass ich nicht die Erwartungen an-derer erfüllen muss."

 

Elementare Veränderung des Umgangs mit anderen

Eine der interessantesten Auswirkungen, wenn man anfängt diese grundlegenden Unterschiede zu respektieren, ist, dass man sein Verhalten gegenüber Menschen mit anderen Bevorzugungen elementar ändert. Wo bisher als Grundsatz galt, den anderen so zu behandeln, wie man selbst gerne behandelt würde, heißt es nun: Behandle den anderen so, wie er selbst behandelt werden möchte - was oft nicht einfach ist.

Beispiel: Ganz typisch für meine eigene Bevorzugung als 'Denker' freut es mich, wenn ich beim Sprechen nicht ständig unterbrochen werde. Als mir aber klar wurde, dass dies bei den 'Machern' anders ist und diese Menschen unter Umständen, wenn man sie nicht unterbricht, 'ewig' weiter sprechen und gleichzeitig neuen Input mögen, habe ich mir angewöhnt, entgegen der allgemeinen Regel, bei längeren 'Vorträgen' von Macher-Freunden oder -Geschäftspartnern diese hin und wieder durch einen Einwurf zu unterbrechen. Dabei fiel mir auf, dass ihnen dies zu gefallen schien (wie von der Theorie vorhergesagt) und sie sogar plötzlich minutenlang still und neugierig meinen Ausführungen lauschten. Für mich und meine Bevorzugung (des Denkens) ist so auch eine längere Stille in einem Gespräch völlig normal, wohingegen die Macher diese lieber gefüllt sehen und zur Not eben selbst etwas erzählen. Oder ich verstehe, seit ich von diesen Phänomenen weiß, dass Fühler-Menschen nach einer gewissen Menge an Input einfach eine Pause brauchen, um zu verarbeiten. Früher bin ich automatisch davon ausgegangen, dass jeder Mensch eine ebenso große Menge an Eindrücken speichern und verarbeiten kann, wie ich als Denker-Mensch.

 

Öfters verständnisvoll lächeln können.

Anstatt über das Verhalten anderer verständnislos den Kopf zu schütteln, mich zu wundern oder gar jemand völlig misszuverstehen, weil ich ihm meine Motivmuster unterstelle und seine nicht kenne, fiel mir sehr bald, nachdem ich die hier geschilderten Unterschiede verinnerlicht hatte, eine Veränderung auf: ich lächelte ständig, wenn mir etwas 'Typisches' an jemand auffiel. Es war (und ist bis heute) so etwas wie die Freude des Entdeckers, der plötzlich ein Mikroskop oder ein Fernrohr zur Verfügung hat und damit eine völlig neue Welt entdeckt. In meinem Fall die Welten derjenigen Menschen, von denen ich bisher dachte, sie würden die Welt im Wesentlichen genau so erleben wie ich selbst - und von denen mir nun ansatzweise bewusst wurde, durch welche Augen sie die Welt sehen. Im Grunde ein echtes Wunder.

Beispiel: Als ich noch an einer Fachschule für Grafikdesigner Kalligrafie unterrichtete, kam wieder einmal eine Schülerin, die ich als Temporiker eingeordnet hatte, deutlich zu spät. Beim (hektischen) Hereinstürzen kommentierte sie: "Mein Freund hat heute Morgen die Jalousien nicht hochgezogen, deshalb wurde ich nicht rechtzeitig wach …" Ich entgegnete ihr augenzwinkernd: "Ich weiß, du bist wieder einmal das Opfer der anderen geworden - du Arme!" Da grinste die Langschläferin und meinte schuldbewusst: "Okay, ich weiß, dass ich selbst dafür verantwortlich bin - ich könnte mir ja einen eigenen Wecker stellen." Offensichtlich hatte sie mich verstanden; und das, obwohl ich nicht in 'ihrer Welt' lebte, sondern nur nachvollziehen konnte, wie es darin aussah.

 

Erweiterte Toleranz

Das Wissen um die Andersartigkeit eines Gegenübers macht allein noch keinen Unterschied. Erst durch die gleiche Würdigung aller Muster und durch den Respekt voreinander wird sich das Wissen um die Unterschiede in erweiterter Toleranz auswirken können. Sehen wir in einem anderen einen besonders reifen oder weisen Menschen, werden wir ihm damit ebenso wenig gerecht, wie wenn wir nur seine Schwachstellen beachten. Jeder Mensch, egal wie jung oder alt, wie reif oder unerfahren, steht Zeit seines Lebens in einem Lern-prozess. Keiner ist je 'fertig' und hat alle Potentiale, die er in sich trägt, vollständig erschlossen. Jedoch kann es durchaus sein, dass ein bestimmter Mensch jene Erfahrungen, bei denen wir noch am Anfang stehen, bereits weitgehend zu Ende gebracht hat und uns so als weit fortgeschritten erscheint (in Relation zu unserem Entwicklungsstand). Oder er fängt gerade erst an selbst etwas zu lernen, das wir schon vor Jahren 'abgehakt' haben. Diese Unterschiede hängen häufig mit den Unterschieden in der individuellen Gewichtung zusammen. Wissen wir dies, werden wir fast automatisch toleranter oder 'gnädiger'.

Beispiel: Einer von zwei Kollegen ist Relationiker, der andere Aktioniker. Immer wieder gibt es Missverständnisse und Auseinandersetzungen, die der Aktioniker offenbar zu genießen scheint, weil sie ihm sichere Gelegenheiten zur Beziehungspflege bieten, in denen er ganz nach Bedarf Nähe oder Abstand steuern kann. Der Relationiker weiß um dieses Phänomen und spricht immer wieder sehr früh und direkt Streitpunkte an, bevor sie eskalieren. Dadurch wird die Zusammenarbeit wesentlich entlastet, da die Reibungspunkte einen festen Raum bekommen. Toleranz bedeutet hier, ein grundlegendes Bedürfnis des Aktionikers (Auseinandersetzung und daraus entstehende Harmonie) zu bedienen, auch wenn es für den Relationiker nicht dieselbe Wichtigkeit hat und er anders mit solchen Situationen umgehen bzw. sie am liebsten ganz vermeiden würde.

 

Veränderung der Zuschreibung

Die Kenntnis und korrekte Zuordnung von Verschiedenhei-ten lässt nach und nach andere mögliche Ursachen in den Hintergrund treten bzw. obsolet erscheinen. Ohne diese Kenntnis suchen wir automatisch trotzdem nach Erklärungs-mustern für die ja häufig offensichtlichen Unterschiede zwischen Menschen und meinen dann, es handele sich um den Unterschied zwischen Männern und Frauen, Altersgruppen oder zwischen verschiedenen Kulturen. So wird beispielsweise die Eigenschaft 'soziale Kompetenz' häufig generell eher Frauen zugeschrieben und die Fähigkeit, sich auf ein Thema zu konzentrieren, den Männern. Aus der Sichtweise unterschiedlicher Stärkengewichtung scheint es jedoch passender, 'soziale Kompetenz' im Sinne einer angeborenen Stärke den Relationikern und die Konzentrationsfähigkeit den Temporikern zuzuordnen - unabhängig von deren Geschlecht. Es wäre also sinnvoller, von drei Arten Männern und drei Arten Frauen zu sprechen; also sechs 'Geschlechter' anstatt zwei zu unterscheiden.

Beispiel: Eine Aktioniker-Frau wirft ihrem Temporiker-Part-ner regelmäßig vor, er sei gar kein 'richtiger Mann'. Denn stets, wenn es um handwerkliche Arbeiten am Haus geht, muss sie die Sache in die Hand nehmen, damit sie so erledigt wird (perfekt, umgehend), wie sie es erwartet. Als Vorbild hält sie ihm dann den Aktioniker-Nachbarn vor, der ihre Arbeit entsprechend lobt und meint, sie könne es mit jedem Mann aufnehmen. Als beide erkennen, woher die Unterschiede zwischen ihnen resultieren, sieht sie zum ersten Mal seine angeborenen Stärken als solche und beginnt, sie als Teil des 'individuellen Gesamtpakets' zu schätzen. Nun kann sie seine Schwachstellen nicht nur aushalten, sondern wirklich nachvollziehen und sich heimlich darüber freuen, dass er ihr soviel Freiraum lässt, ihre Lust an handwerklichen Arbeiten auszuleben.

 

Gegenseitiger Respekt stärkt Freundschaften

Viele Freundschaften entzweien sich durch Missverständnisse, beispielsweise über grundlegend unterschiedliche Einschätzungen gemeinsamer Erlebnisse oder von Ereignissen im Leben des Freundes. Hier verhilft das Wissen um die 'Welt des anderen' mit seiner ihm eigenen Bevorzugung und Gewichtung der Lebenserfahrungen entweder, ihn zu respektieren oder 'so sein zu lassen', wie er nun einmal augenscheinlich ist, auch wenn ich das vielleicht weder verstehen noch nachvollziehen kann.

Beispiel: Zwei Freunde, beides junge Männer um die 20. Der eine ist Aktioniker, der andere Relationiker. Der erste sieht sein Leben vor allem als Wechsel zwischen Arbeits- und Freizeit, der andere hingegen wird demnächst seine Freundin heiraten und ist dementsprechend emotional von diesem wichtigen Schritt vereinnahmt. Beide wissen darum, was sie unterscheidet und können so einander wohlwollend die jeweiligen Erfahrungen gönnen. Der Aktioniker weiß, dass für ihn Beziehungen zurzeit nicht den gleichen Stellenwert haben wie für seinen Freund. Er möchte zuerst einen gewissen Status erreichen, vielleicht sogar ein eigenes Haus kaufen und dann an die Familiengründung denken. Enge Beziehungen pflegt er eher mit seinen Freunden und die jungen Frauen seines Alters 'nerven' ihn mehr, als sie ihn normalerweise anziehen. Die wenigen Ausnahmen sind für ihn eher 'Kumpels', als ernsthafte Kandidatinnen. Der Relationiker weiß um seinen 'Vorsprung' hinsichtlich der 'Verbundenheit'. Für ihn waren Liebesbeziehungen schon immer ein wichtiger Teil seines Lebens und mit seiner Ehe möchte er hier konstanter werden, um sich dann mehr auf seine Weiterbildung konzentrieren zu können. Für ihn ist die Heirat in gewissem Sinn ein Schlusspunkt, während sie für seinen Aktioniker-Freund der Beginn eines mühsamen Prozesses sein wird, sich emotional auf eine Partnerin einzulassen - und nicht nur rein äußerlich zusammen zu leben.

 

Veränderter Umgang mit Kindern

Auch auf Kinder lässt sich alles übertragen, was hier über Verschiedenheiten gesagt wird. Diese entstehen ja höchstwahrscheinlich nicht während der frühen Kindheit oder Jugend, sondern noch bevor die werdende Mutter etwas von ihrem Zustand weiß (wie vorhin beschrieben). Daher erscheint es folgerichtig und sinnvoll, die Konsequenzen daraus auch für Kinder ernst zu nehmen, sobald man deren Bevorzugungen erkannt hat. Auch die Ermutigung dazu, die strukturell vernachlässigten Stärken zu nutzen, könnte die normalen Erziehungsbemühungen gut ergänzen: also sowohl die Stärken anerkennen, die sich als Bevorzugungen zeigen und gleichzeitig darauf achten, jedem Kind ausreichend Gelegenheit zu bieten, seine 'vernachlässigten Stärken' ins Spiel zu bringen - idealerweise, wenn es selbst sich in diese Richtung bewegt.

Hier zeigt sich auch, weshalb es eine große Veränderung bewirkt, wenn Eltern um ihre eigenen Bevorzugungen wissen und verstehen, dass sie diese ihren Kindern weder automatisch vererben, noch sie durch ihr Vorbild allein übertragen. Jedes Kind hat ja sein individuelles Bevorzugungsmuster (eines von 81, wie beschrieben) -und die Chance, dass einer der Eltern oder Geschwister genau das gleiche hat, ist entsprechend gering. In Folge dessen beobachten Eltern, die um diese Phänomene wissen, ihre Kinder noch einmal viel genauer und verstehen sie so auch besser in ihrer Eigenart.

Beispiel: Eine Mutter wunderte sich immer wieder, wie sehr sich ihre drei Kinder voneinander unterscheiden. Die Eigenschaften des Jungen ließen sich zwar auf die Ähnlichkeit mit seinem Vater zurückführen und die kleinere Tochter hatte offenbar viel von ihrer Mutter geerbt - aber die größere Toch-ter war wie 'von einem anderen Stern'. Auch Opas und Omas kamen als Ursache nicht in Frage, so dass das Rätsel ungelöst blieb und die Mutter sich Gedanken gemacht hätte, wüsste sie nicht sicher, dass der Vater auch wirklich der Vater und durch die Hausgeburt eine Verwechslung in der Klinik ausgeschlossen war. Diese Tochter verstand sich zudem weder mit den Geschwistern besonders gut, noch mit einem der Eltern. Dagegen hatte sie eine 'beste Freundin', mit der sie seit der Kindergartenzeit fast unzertrennlich war.

Aufklärung brachte erst die Erkenntnis über die unterschiedlichen Bevorzugungsmuster: der Vater, beide Großväter und der Sohn zeigten sich als Aktioniker, die Mutter, beide Großmütter und die kleine Tochter als Relationiker. Die größere Tochter schien also als einzige zur Gruppe der Temporiker zu gehören, ebenso deren Freundin. Plötzlich erkannten die Eltern weitere Temporiker im Bekanntenkreis, zu denen ihre 'ungewöhnliche Tochter' immer wieder gezielt den Kontakt gesucht und gehalten hatte. Wo es bis dato eher hieß "sie schlägt etwas aus der Art", konnten nun viele ihrer Besonderheiten als natürliche Anlage verstanden und sehr leicht akzeptiert werden. Die 'Exotin' selbst wollte übrigens nicht Sachtyp, sondern Sachtüte genannt werden …

 

Angepasste Lösungsmuster

Durch das Wissen um die unterschiedlichen Muster können auch Geschichten über gelungene Problemlösungen mit einem entsprechenden 'Etikett' versehen und in die passende Schublade eingeordnet werden. Der Erfahrungsschatz, z.B. eines Beratungslehrers oder Seelsorgers, wird so neu sortiert und auch sicherer verfügbar. Denn darin heißt es nun nicht mehr "Erfolgsgeschichte von Frau A." sondern "Erfolgsgeschichte eines Temporikers" und kann so für andere Hilfesuchende als Mustervorlage verwendet werden. Ratschläge und Tipps werden sinnvoller und passgenauer. Da ich selbst schon seit 1996 Beratungen durchführe, kann ich diesen Effekt als eine der wertvollsten Folgen des 123-Modells bestätigen und es allen Beratern empfehlen. Des Öfteren höre ich von Klienten, dass sie sich besonders gut verstanden fühlen und die Tipps ausgesprochen passend wären. Mein Geheimnis ist aber schlicht, dass ich wie oben beschrieben die gelingenden Muster aus einem Gespräch oder aus einer Problemlösung, die ich mit einer Gruppe Menschen gemacht habe, auf alle anderen dieser Gruppe übertrage und immer weiter optimiere. Früher wäre ich eher nach meiner Intuition oder meinen eigenen Erfahrungen gegangen, die natürlich nur für sehr wenige andere Menschen passend sind.

 

Wertschätzung

Was im Grunde selbstverständlich sein sollte, nämlich die Wertschätzung des anderen, gelingt auf dem Hintergrund des Wissens um die Art der Verschiedenheit von Menschen offenbar deutlich leichter. Da mir ja bald bewusst wird, dass ich mit meinem speziellen Strukturmuster von den 81 möglichen nur selten auf jemanden treffe, der mir tatsächlich gleicht, nehme ich von vorneherein eine offenere, aufmerksamere und neugierigere Haltung ein, als wenn ich davon ausgehe, dass alle Menschen (oder alle Männer bzw. Frauen) im Wesentlichen ähnlich gestrickt sind. So entdecke ich viel einfacher die fest angelegten Stärken, ebenso wie die seltener genutzten. Beides als das zu schätzen, was sie für diesen Menschen selbst - und eben nicht aus meiner eigenen Sicht - sind, macht für mich einen Großteil der Wertschätzung aus. Und in dem Moment, in dem ich etwas als natürlicherweise vorgegeben ansehe, entfällt auch der Gedanke, der andere sei vielleicht an dieser Stelle 'zurückgeblieben' oder würde, aus welchen Gründen auch immer, eine bestimmte Seite an sich übertreiben.

Beispiel: Eine Lehrerin hatte sich angewöhnt, in neuen Klassen zunächst auf jene Schüler zu achten, die ihr 'lagen' und bevorzugt mit ihnen den Unterricht zu gestalten. So fühlte sie sich auf der sicheren Seite und konnte dann nach und nach mit den anderen, aus ihrer Sicht schwierigeren, Kindern Kontakt aufnehmen. Sie wollte sich und der Klasse Stress ersparen und die 'andersartigen' mit der Zeit für ihren Stil gewinnen. Als sie in einer Fortbildung über die verschiedenen Gewichtungen hörte und sich selbst als Aktioniker einordnete, änderte sie erst ihre Wahrnehmung und dann ihre Strategie. Zwar fielen ihr weiterhin die 'angenehmen' (Aktioniker-) Schüler auf und sie konnte sich in Stress-Situationen auf deren Mitarbeit verlassen - aber mehr und mehr gelang es ihr nun, die Schüler in ihrer Verschiedenheit zu respektieren und die unterschiedlichen Stärken für die Unterrichtsge-staltung zu nutzen. Sie merkte bald, dass es so auch ihr selbst mehr Spaß machte und sie weniger Angst vor unberechenbaren Situationen hatte. Die Schüler registrierten ihrerseits, dass ihre Lehrerin häufiger locker und lustig war und Stärken wahrnahm, die ihr bisher offenbar entgangen waren. Und selbst die 'Außenseiter' in der Klasse konnte sie nun durch wenige gezielte Sätze und Gesten zur Mitarbeit motivieren. Und im Umgang mit ihren Kollegen lernte sie, deren strukturtypischen Eigenheiten zu akzeptieren und nicht jedem ihren eigenen Weg verordnen zu wollen. Sie lernte jetzt bewusst während Hospitationen in Klassen ihrer Relationiker- und Temporiker-Kollegen, wie diese mit den Schülern umgingen und machte es mit gutem Erfolg einfach nach, selbst wenn es ihr eher fremd vorkam, z.B. mit Relationiker-Schülern über sehr private Dinge zu sprechen oder Temporiker-Schülern die Gelegenheit zu geben, einen Teil des Unterrichts zu übernehmen, was teilweise zu erstaunlichen Ergebnissen führte und ihre Wertschätzung dieser Gruppe deutlich erhöhte. Ihre Selbsteinschätzung veränderte sich zwar in der Zeit nach der Weiterbildung, da ihr ihre Lücken und Stärken klarer wurden - aber sie respektierte, dass diese einfach ein Teil ihrer natürlichen Struktur und damit 'okay' sind.

(...)

Eher unangenehme Nebenwirkungen

Wie jede Denkweise oder jedes Modell gibt es auch hier Nebenwirkungen, die weniger erwünscht sind. So berichten viele von einer Art 'Schock' durch die Erkenntnis, dass die eigenen Stärken oder die anderer (z.B. der eigenen Kinder) nicht durch eine besondere Leistung oder die gute Erziehung erworben wurden, sondern natürlich vorgegeben sind. Das gleiche gilt für Defizite, die man an sich oder an anderen wahrnimmt. Dass sie nicht einfach per Knopfdruck ausgeglichen werden können, sondern sozusagen die andere Seite der Medaille darstellen, ist für viele schwer zu verdauen.

Manche Leser oder Seminarteilnehmer mögen es nicht, dass durch dieses Modell ein Teil ihrer Geheimnisse enthüllt wird und sie von anderen durchschaut werden können, gerade was die eigenen Schwachstellen betrifft. Auch kann die Faszination, die dieses Thema immer wieder hervorruft, dazu verleiten, Menschen vor allem aus dieser Perspektive zu sehen und andere Aspekte, die mindestens genauso wichtig sind, auszublenden. Meist verliert sich dieser Effekt aber mit der Zeit, wenn es 'normal' geworden ist, jemand auch auf diese Weise zu sehen.

 

Wechselwirkungen

Durch die Hinzunahme dieses Modells der Unterscheidung verändern sich auch andere Sichtweisen oder Modelle, die man bisher verwendet hat - jedoch nicht immer (wie im folgenden Beispiel) zum Vorteil derjenigen, mit denen man es zu tun hat. So konnte beispielsweise eine Kinderfußball-Trainerin ihre Arbeit optimieren. Bisher achtete sie selbstverständlich auf die für alle geltenden physiologischen Grundbedürfnisse. Und sie bemühte sich sehr darum, jedem einzelnen von ihnen individuell gerecht zu werden. Nachdem sie jedoch Warum Kinder so verschieden sind gelesen hatte, führte sie für sich eine dritte Ebene ein: Sie notierte sich von jedem Kind, bei dem es ihr auffiel, dessen Bevorzugungsmuster und versuchte nun, auch darauf Rücksicht zu nehmen. Die neuen Trainingsprogramme für die Kinder umfassten seitdem a) allgemeingültige, b) individuelle und c) musterbezogene Elemente - wobei sie a) und c) aus vorgefertigten, nach und nach optimierten Textbausteinen einkopierte.

Ebenfalls eine Wechselwirkung wäre es, wenn jemand seine Aufmerksamkeit schon immer eher auf die Schwächen seiner Mitmenschen, ihre Defizite und Unvollkommenheiten gerichtet hätte und nun mit diesem Modell ein Werkzeug in die Hand bekommt, um das mit noch mehr Perfektion zu tun. Zum Glück wurde das aber bisher nur selten beobachtet.

 

zurück zur Startseite

Dieses Buch ist eine völlig überarbeitete Sonderausgabe des 2005 beim mvg-Verlag erschienenen Titels und nur beim Herausgeber, dem NeuroCafe Stuttgart oder direkt beim Autor erhältich.


Es kostet 15 Euro inkl. Versand (in Deutschland).

Mehr zum Autor:

Homepage des Autors

 Mehr zum Inhalt:

Inhaltsverzeichnis
Leseprobe
Die Landkarten (hier in Farbe!)

 

Preise für Sammelbesteller:

10er-Pack: 125,-- Euro
20er-Pack: 225,-- Euro
50er-Pack: 500,-- Euro
jeweils zzgl. Versandkosten

Kontakt: wewinkler@t-online.de Impressum: Werner Winkler, Kurze Str. 6, D-71332 Waiblingen (bei Stuttgart), Tel. 07151-9034012 USt.-ID: DE 1934498918