Das Leitdreieck
Modul 036 (Die Modul-Nummern dienen nur der einfacheren Kommunikation. Sie zeigen keine Empfehlung der Reihenfolge an.)


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Modul 036: Das Leitdreieck
Entstehung und Vorgeschichte

Das Leitdreieck entstand 1998 als Ableitung der von Dietmar Friedmann entwickelten Standard-Vorgehensweise für einen Einstieg in Beratungsgespräche. Er lehrte bzw. praktizierte die Abfolge "Was ist Ihr Thema?" >> "Was ist Ihr Ziel?" >> "Was haben Sie schon herausgefunden, das Sie Ihrem Ziel näher bringt?" und erreichte damit erstaunlich rasch Fortschritte mit seinen Klienten.

Mir fiel jedoch bald auf, dass es für Klienten mit gelbem (Beziehungstyp-)Naturell häufig sehr schwer war, gleich zu Beginn eines Gesprächs ein einzelnes Thema oder ein konkretes Problem zu nennen. Stattdessen schien es zu dieser Klientengruppe eher zu passen, zunächst etwas über ihre aktuelle Situation zu berichten. Hintergrund hierbei könnte sein, dass "Gelbe" erst einmal in Kontakt zum Gesprächspartner kommen möchten und sehen, ob dieser ihre Lage versteht und sie ihm vertrauen können. Zudem scheinen sich viele Beziehungstypen, die eine Beratung aufsuchen, noch gar nicht klar darüber, was genau eigentlich das lösbare Problem ist; sie leiden eher an der "Gesamtsituation" und ihrer emotionalen Reaktion darauf. Das macht es für Berater, die unbedingt ein "Thema" oder ein "Problem" benötigen, um ins Gespräch einzusteigen, fast unmöglich, hier anzuknüpfen.

Irgendwann wurde mir klar, dass die Abfolge Thema > Ziel > Kompetenzen nur für die Gruppe der "blauen" Klienten passend ist und überlegte, ob sich diese Dreierabfolge nicht zu einer "Triade" gewissermaßen "biegen" ließ. Die ersten Versuche mit meinen Gesprächspartnern (während der Ausbildung gab es viele Übungsgespräche) zeigten zumindest für die Handlungstyp-Naturelle, dass ihnen ein Start ins Gespräch gut gelang, wenn ich zuerst fragte: "Was ist dein Ziel für dieses Gespräch?" und darauf dann ein Gespräch darüber anregte, welche Kompetenzen sie selbst oder andere Menschen (Vorbilder) bereits gesammelt hatten, die in Richtung eines solchen Ziels nützlich sein könnten. Im Ergebnis zeigte sich häufig, dass sich daraus ein klar definiertes Thema oder Problem ergab - wodurch der Kreis sich schloss.

Zunächst war mir unklar, wie ein Gesprächsbeginn für Beziehungstyp-Naturelle aussehen könnte - denn mit "Kompetenzen" zu beginnen erschien mir nicht sehr geeignet. Jedoch fiel mir auf, dass Mitstudenten, die ich als "Gelbe" einordnete, sich häufig "einfach so" unterhielten und nach einer gewissen Zeit "die Katze aus dem Sack" ließen und ihr Problem auf den Tisch legten. Offenbar mochten Menschen mit gelbem Naturell es, zunächst einfach ihre "Situation" zu schildern, im Sinne eines "Ist-Zustandes" sozusagen. Das funktionierte in der praktischen Erprobung sehr gut, so dass ich auch hier den Kreis geschlossen sah und lange mit den beiden Begriffen "Ist-Situation" und "Kompetenzen" als "gelbe Ecke" des Dreiecks arbeitete. Erst Jahre später fiel mir ein Begriff ein, der die beiden unter einen Hut brachte: Bestandsaufnahme.

Drei Startpunkte, drei Wege

Also lässt sich festhalten: "Gelbe" beginnen Problemlösungsgespräche (sei es nun privat, in der Beratung, im Coaching, in der Supervision oder in einer Therapie) gerne damit, dass sie eine Art Bestandsaufnahme machen. Dies kann durchaus etwas länger in Anspruch nehmen und erfordert vom Gesprächspartner vor allem freundliche Empathie und das Einlassen auf die Welt des anderen, inklusive der emotionalen Begleitmusik. Dass hier unter Umständen lange kein "lösbares Problem" auftaucht und die Situation womöglich verzweifelt klingt oder es nicht nachvollziehbar ist, woran konkret der Klient leidet, gehört dazu. Ist aber einmal das konkrete Problemthema auf dem Tisch und steht der "Gelbe" dazu, dass ein Problem existiert - dann ist es häufig nicht mehr schwer, auch ein Ziel zu definieren und die entsprechenden Ressourcen dazu heraus zu arbeiten. Ich hatte schon viele Gespräche dieser Art, in denen der erste Schritt den weitaus größten Teil des Gesprächs einnahm und der Rest im Eiltempo (vom Klienten) erledigt wurde.

Für Sachtyp-Naturelle passte das von Dietmar Friedmann angewandte Muster gut, wobei ich den Eindruck gewann, es sei besser, sehr rasch zur Zielfrage zu wechseln und nicht lange an der Problemerörterung festzuhalten. Auch das Sprechen über "Nicht-Ziele" - also über das, was der Klient nicht will, nicht mehr will, vermeiden möchte - schien und scheint mir immer wieder sinnvoll; ebenso das Einbeziehen "fremder" Kompetenzen in die Sammlung dessen, was für die Zielerreichung nützlich sein könnte. Unter "fremden Kompetenzen" verstehe ich sowohl das Fachwissen des Beraters als auch die Erfahrungen von Menschen, die bereits an ähnlichen Zielen gearbeitet haben bzw. im lösungsorientierten Sinn alle Werkzeuge, die sich im Nachhinein als unterstützend und lösungserleichternd herausstellen. Die Kompetenzen des Klienten können so gesehen auch einfach darin bestehen, dass alles, was er bisher versucht hat und was im Rahmen seiner eigenen Möglichkeiten lag, nicht zum Ziel geführt hat. Dieses Eingeständnis kann die Tür dafür öffnen, Rat und Expertise von außen anzunehmen oder einfach einen von anderen erfolgreich beschrittenen Weg nachzugehen.

Für die "roten" Handlungstyp-Naturelle ist auffallend, dass ihre Zielformulierungen, mit denen sie das Gespräch einleiten, häufig kein wirklich vorhandenes Ziel beschreiben, sondern nur etwas, das sie "weg haben" oder "nicht mehr erleben" möchten, z.B. "Ich möchte nicht mehr so oft an meinen Kopfschmerzen leiden". Hier bietet sich an, zunächst nach einem "Stattdessen" zu fragen und so ein tatsächlich vorhandenes, anwesendes Ziel zu formulieren. Etwa so: "Was ist denn stattdessen da, wenn Sie nicht an Ihren Kopfschmerzen leiden?". Die "Bestandsaufnahme" (obere Ecke des Leitdreiecks) besteht dann darin, nachzuforschen, wie es der Klient schafft, mehr vom "Stattdessen" herbeizuführen oder was von anderen Menschen mit ähnlichen Beschwerden und Zielen herausgefunden wurde, das hilft. Wie oben bereits erwähnt, gelangt der "rote" Klient auf diesem Weg häufig zu einem konkreten Thema und Problem, das er angehen möchte.

Das Leitdreieck hat sich somit zwischen 1998 und 2010 zu dieser Form entwickelt:     



Leitdreieck zur Gesprächsführung nach Werner Winkler, 2010


Integration der Interventionen in das Leitdreieck

An dieses Leitdreieck lassen sich hervorratend Interventionen aus verschiedenen Methoden einfügen und so das Gespräch gemäß der jeweiligen Bevorzugung führen, z.B. mit lösungsorientierten Interventionen im Sinne von Steve de Shazer:

Bei 1 die ‘Wunderfrage’: Stellen Sie sich vor, Sie wachen morgen früh auf und Ihr derzeit dringendstes Problem ist gelöst oder hat sich um 10% gebessert - woran würden Sie das bemerken?

Bei 2 die Fragen: Angenommen, die Problemlösung verläuft erfolgreich, woran werden Sie das erkennen? Welchem Ziel sind Sie dann näher gekommen? (oder einfach: Was ist Ihr Ziel zu diesem Thema?)

Bei 3 die Fragen: Gibt es Ausnahmen/Ausnahmezeiten, in denen Sie bereits in Richtung des Ziels etwas erreicht haben? Welche Kompetenzen haben Sie dabei genutzt, die Sie erneut einsetzen können?

In meinem Buch "99 Lösungswerkzeuge" (kostenlos downloadbar auf www.psychographen.de/downloads) sind zahlreiche Interventionen beschrieben, die sich gut ins Leitdreieck einbauen lassen. Aber auch aus vielen anderen Schulen und Ansätzen können nützliche Gesprächsförderer verwendet werden, jedoch nicht für jeden Klienten zu jedem Zeitpunkt des Gesprächs die gleichen!

Ganz klar ist auf diesem Hintergrund, dass es nicht "den einen richtigen Therapieablauf" für alle Klienten geben kann, sondern entsprechend dem vom Klienten gewählten Problemlösungsmuster unterstützt werden sollte. Eine Anweisung, die etwa immer darauf vertraut, dass allein das Zuhören hilft, ist ebenso abzulehnen wie das Tabu, dem Klienten konkrete Tipps zu geben oder eine eigene Meinung beizusteuern. Ich habe immer wieder Klienten erlebt, die sehr dankbar für praktische Beispiele waren, wie man ein Ziel erreicht oder nicht erreicht - oder die froh waren, von einer neutralen Person eine persönliche und klare Meinung zu einer Situation zu hören, selbst wenn sie diese dann nicht teilen wollten.


Gesprächsstart als Möglichkeit der Zuordnung von Klienten zu einer der drei Hauptgruppen

Indem man als professioneller Gesprächspartner (Berater, Coach, Supervisor, Seelsorger, Therapeut) keine Vorgabe für einen Gesprächsstart anbietet (also etwa die Floskel: "Was führt Sie zu mir?" vermeidet), hat der Klient die Möglichkeit, seinen eigenen Anfang zu machen und damit etwas über seine Gruppenzugehörigkeit zu verraten.

Als nützlich hat sich hier folgende Vorgehensweise empfohlen: Zunächst mit dem Klienten noch ein wenig "plaudern", etwa darüber, wie er den Ort des Gesprächs gefunden hat, wer ihn empfohlen hat, über das Wetter usw. oder auch darüber, was der Klient zum Rahmen des Gesprächs noch wissen möchte (Person, Arbeitsweise, Honorar etc.). Wenn diese Plauderei vorbei ist und das Gespräch beginnen soll, kann man als Berater einfach sagen: "Und?" und dem Klienten das Wort erteilen. Auch ein "Nun?", "Also gut ...", "Schießen Sie los" oder einfach "Gut ..."  funktionieren dementsprechend, wobei dann auch körpersprachlich (Hand- oder Kopfbewegung in Richtung des Klienten) signalisiert werden soll, dass der Klient am Zug ist und ihm die Gesprächsführung für den Anfang übergeben wird.

Sobald dann klar ist, in welcher Ecke des Leitdreiecks der Klient gestartet ist, gemäß den oben geschilderten Leitlinien das Gespräch dezent im Fluss halten, falls notwendig. Ich habe auch viele Gespräche erlebt, in denen der Klient wie aus dem Lehrbuch dem Leitdreieck fast von selbst gefolgt ist und sich seine Fortschritte erarbeitet hat. Die Hauptaufgabe eines Beraters könnte schlicht darin liegen, den Klienten bei seiner Problemlösung nicht zu stören.

Trotzdem gilt der Satz von Steve de Shazer gerade hier: "Es ist einfach, aber nicht leicht zu lernen." Sie werden unter Umständen viel von dem wieder verlernen müssen, was Sie bisher über Gesprächsführung oder Problemlösung zu wissen glaubten - vor allem dann, wenn Sie dachten, alle Klienten würden einem einzigen Muster (dem für Sie selbst als Berater passenden) folgen.
Autor: Werner Winkler

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