Unterschiede Friedmann- und Winkler-Modell
Modul 042 (Die Modul-Nummern dienen nur der einfacheren Kommunikation. Sie zeigen keine Empfehlung der Reihenfolge an.)


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Modul 042: Unterschiede Friedmann- und Winkler-Modell

Unterschiede und Gemeinsamkeiten in Theorie und Anwendung

 "Wenn zwei Menschen immer die gleiche Ansicht haben, ist einer davon überflüssig ..." (Churchill)

 

1. Verwendung des Begriffs "Psychographie"

Nachdem der Begriff "Psychographie" bereits in den 1940er-Jahren von Gordon W. Allport, einem amerikanischen Persönlichkeitspsychologen (und zuvor von seinem Lehrer, William Stern) ((Quelle 1)), verwendet wurde und der DUDEN ((Quelle 2)) "Psychographie" 1982 als "auf mündliche Äußerungen, Schriften, oder Werke gegründete, möglichst vollständige seelische Beschreibung einer Person und Erfassung ihrer seelischen Einzeldaten (Triebleben u.a.; Psychol.)" übersetzt, nutzte Dietmar Friedmann ihn erneut 1990 in der ersten Veröffentlichung seiner Typenlehre im Sinne von "Landkarte der Persönlichkeit" ((Quelle 3)). Friedmanns eigener Aussage ((Quelle 4)) zufolge war ihm zu diesem Zeitpunkt jedoch weder Gordon W. Allport noch der DUDEN-Eintrag bekannt, sondern er kombinierte "Psychologie" und "Geographie" zu einem Kunstwort.


2. Entwicklung der Untertypen bei Friedmann

In diesem ersten Entwurf seiner Psychographie stellte Friedmann drei Typen vor, von denen er einen (den Beziehungstyp) in zwei Untertypen (Typ 1 und Typ 2) aufteilte; außerdem regt er an, auch beim Sachtyp diese Unterscheidung zu treffen, verzichtet jedoch darauf: "Die entsprechende Unterscheidung in Sachtyp 1 (intuitives Denken) und Sachtyp 2 (rationales Denken) wäre ähnlich wie beim Beziehungstyp möglich, ist aber nicht üblich. Deshalb soll auch hier darauf verzichtet werden." ((Quelle 5)) Trotzdem beschreibt er "Varianten des Sachtyps" ((Quelle 6)).

1996, in "Wer bin ich? Wer bist du?" ((Quelle 7)) unternimmt er weitere Versuche, die drei Typen zu differenzieren. Er spricht z.B. von "weiblichen Handlungstypen" ((Quelle 8)) oder vom "leptosomen Sachtyp" ((Quelle 9)) und wagt ganz am Ende des Buchs noch einen Ausflug in die Typologie der Homöopathen indem er seine vier Typen (drei Grundtypen, zwei Beziehungstypen) in die drei Körperformen "leptosom, athletisch, pyknisch" teilt und mit homöopathischen Konstitutionstypen in Einklang zu bringen versucht - dies führt ihn zu 12 Typen ((Quelle 10)).

Im 2000 erschienenen Buch "Die drei Persönlichkeitstypen und ihre Lebensstrategien" schließlich führt er diese Idee aus, nimmt weitere Konstitutionstypen hinzu und kommt auf 18 Typen: "Ich habe mich auf 18 Konstitutionsmittel beschränkt, eine Kombination aus den drei psychologischen Grundtypen, den drei Körpertypen und Typ I und Typ II. Letztere sind immer verwandt, denn jeder Typ II war in seinen ersten Lebensjahren der entsprechende Typ I." ((Quelle 11)) Gleichzeitig stellt er die neun Typen des "Enneagramms" vor und zieht auch hier Parallelen zu seinen eigenen Typen ((Quelle 12)). Erstmals erwähnt er hierin ((Quelle 13)) die von mir Ende 1998 eingeführte Unterscheidung in "Ich, Wir, Du" für den Beziehungsbereich und dankt für den Hinweis - verknüpft diese Unterscheidung jedoch nicht mit seinen eigenen Grundtypen sondern mit denen des Enneagramms. Interessanterweise vermeidet Friedmann hier einen Hinweis auf die ihm vorliegende schriftliche Quelle der "Ich, Wir, Du-Unterscheidung" ((Quelle 14)), ebenso auf den Begriff "Psychographie"; stattdessen verwendet er "prozessorientierte Persönlichkeitspsychologie".

Zusammengefasst zeigen sich bei Friedmann im Laufe der Zeit mindestens vier Modellvarianten:

Friedmann A (1990, "Der Andere"):

Unterscheidung von vier Typen
- Sachtyp
- Handlungstyp
- Beziehungstyp 1 (ich-bezogen)
- Beziehungstyp 2 (ich-vergessend)

 

Friedmann B (1996, "Wer bin ich? Wer bist du?"):

Unterscheidung von sechs Typen
- Sachtyp 1 (ich-bezogen)
- Sachtyp 2 (ich-vergessend)
- Handlungstyp 1 (ich-bezogen)
- Handlungstyp 2 (ich-vergessend)
- Beziehungstyp 1 (ich-bezogen)
- Beziehungstyp 2 (ich-vergessend)

 

Friedmann C (2000, "Die drei Persönlichkeitstypen und ihre Lebensstrategien"):

Unterscheidung von neun Typen in Vermischung von Enneagramm, Psychographie und Winkler-Modell
- Sachtyp 5 (fühlen+gegenwartsorientiert+du-bezogen)
- Sachtyp 6 (denken+vergangenheitsorientiert+ich-bezogen)
- Sachtyp 7 (wollen+zukunftsorientiert+wir-bezogen)
- Handlungstyp 8 (denken+vergangenheitsorientiert+ich-bezogen)
- Handlungstyp 9 (wollen+zukunftsorientiert+wir-bezogen)
- Handlungstyp 1 (fühlen+gegenwartsorientiert+du-bezogen)
- Beziehungstyp 2 (wollen+zukunftsorientiert+wir-bezogen)
- Beziehungstyp 3 (fühlen+gegenwartsorientiert+du-bezogen)
- Beziehungstyp 4 (denken+vergangenheitsorientiert+ich-bezogen)

 

Friedmann D (auf älteren und neueren Seiten von Friedmann-Schülern so kommuniziert)

Unterscheidung von drei Grundtypen ohne Untertypen
- Sachtyp
(der dann auch als "Denker" gesehen wird)
- Handlungstyp
(der dann auch als "Macher" oder auf "Wollen" spezialisiert gesehen wird)
- Beziehungstyp
(der dann auch als "Fühler" gesehen wird)



3. Die Ergänzungen durch Werner Winkler 1999

Durch die Teilnahme an ca. 100 Stunden Unterricht bei Friedmann im Rahmen meiner Ausbildung an der Paracelsus Schule Stuttgart (Qualifikationsstufe und Therapiepraxis-Workshop) wurde ich sowohl mit der damals "Integrierte Kurztherapie" genannten Therapiemethode Friedmanns als auch mit seiner damals gelehrten Form der Psychographie vertraut. Dies wurde mir auch 1998 schriftlich bestätigt, sowohl von Seiten der Paracelsus Schulen als auch von Friedmann selbst ("... er konnte zur Ausgestaltung der Psychographie einen wertvollen Beitrag leisten (Ich-Du-Wir-Konzept). Er hat sich in der kollegialen Weiterbildung (...) intensiv engagiert , dabei eine führende und motivierende Rolle übernommen ...")

Während dieser Zeit entstanden die ersten klaren Abläufe der "Integrierten Kurztherapie", ich entwarf dazu einen strukturierten Bogen, der in abgewandelter Form bis heute in Verwendung ist und fand dafür Friedmanns und meiner Studienkollegen Zustimmung. Dadurch ermutigt, wagte ich mich kurz darauf auch an Versuche, das offensichtlich offene Untertypen-Problem zu lösen bzw. Vorschläge dafür mit Friedmann und meinen Kollegen zu diskutieren. Ohne die Vermutung Friedmanns, die drei Grundtypen seien Reaktionen auf drei "eigengesetzliche Lebensbereiche" zu übernehmen, entwarf ich 1999 eine "Landkarte der Psychographie" ((Quelle 15)), in der die drei Grundtypen jeweils logisch und sprachlich nachvollziehbar in Untertypen unterschieden werden können.

Hintergrund dieses Versuchs war die Annahme, dass es sich bei jeglicher Typologie, welche unsichtbare Persönlichkeitsunterschiede beschreibt, um Konstrukte, also Modelle, handelt - und nicht um physikalische oder biologische Wirklichkeiten, sie also prinzipiell unvollständig, veränder- und diskutierbar und niemals "wahr" im Sinne einer physikalischen Wahrheit sein können. Zudem waren (außer dem Bereich der "Wir-Beziehung" und den Begriffen "Zeit" und "Tätigkeit") sämtliche Module dieser Landkarte bereits bei Friedmann beschrieben ((Quelle 16)) - nur eben nicht in dieser Zusammenstellung.

Nachdem Friedmann meinen Entwurf zunächst nicht kommentierte oder auf die ihm übersandten Skizzen mir gegenüber nicht reagierte, fand er für Teile davon in den oben beschriebenen Enneagramm-Vergleichen Verwendung.


4. Keine Akzeptanz der 81 Untertyp-Kombinationen


Meine im Laufe des Jahres 1999 entstandene und auf dem ersten Psychographie-Tag 1999 in Anwesenheit Friedmanns geäußerte Vermutung (die ich in den darauf folgenden Jahren bestätigt sah), jeder der drei Grundtypen könne beliebig kombinierte Untertypen aus den drei Unterbereichen zeigen (also rein mathematisch 81 verschiedene Kombinationen), fand zwar bei vielen psychographisch tätigen Kollegen Anerkennung, nicht jedoch bei Friedmann selbst.

Viel später (ca. 2002) ließ er jedoch eine angenäherte Unterteilung zu, bei der jeweils die Untertypen-Trios "Du-Gegenwart-Fühlen", "Ich-Vergangenheit-Denken" und "Wir-Zukunft-Machen" möglich waren; später (Anfang 2006) nahm er dieses 'Entgegenkommen' jedoch wieder zurück und kombinierte erneut (wie am Anfang seiner Modellentwürfe) Beziehungstypen alleine mit Fühlen und Sachtypen mit Denken.

 

5. Zwei psychographische Modelle am Markt

Nach sieben Jahren und zahlreichen fehlgeschlagenene Versuchen, die beiden Modelle zu harmonisieren, ließ sich im Juli 2006 feststellen, dass sich zwei psychographische Modelle mit weitgehend (jedoch nicht komplett) gleich beschriebenen Grundtypen, aber unterschiedlichen (bzw. fehlenden?) Untertypen etabliert haben ((Quelle 17)).

Übereinstimmend lehren beide einen auf "Triaden" aufbauenden Prozessfortschritt ("Schlüsselfähigkeiten" bei DF, "Ressourcen" bei WW), die Beobachtung von drei Grundtypen, wobei deren 'Entstehung' unterschiedlichen Hypothesen folgt ("drei eigengesetzliche Lebensbereiche" bei DF, "Gewichtung der Lebensbereiche" bei WW). Ebenfalls unterschiedlich gesehen wird offenbar ein möglicher biologischer Einfluss, den Friedmann zumindest nicht erwähnt (stattdessen folgt er tiefenpsychologischen Deutungsmustern und den sogenannten Entwicklungsphasen in der frühen Kindheit, die typprägend sein sollen), während im Winkler-Modell Hinweisen auf Unterschieden in der embryonalen Entwicklung und möglicherweise dadurch aktivierten/nicht-aktivierten Gensequenzen (Epigenetik) nachgeht.

Ebenfalls unterschiedlich ist die Verwendung oder Nicht-Verwendung von Metaphern zur prägnanteren Kurzbeschreibung der Typen (bei Winkler: Schimpansen, Delfinen = Beziehungstypen, Orang-Utans, Blauwale = Sachtypen, Gorillas, Haifische = Handlungstypen).


6. Praktische Konsequenzen der Typunterscheidung

In der praktischen Konsequenz aus den Typverschiedenheiten haben sich ebenfalls deutliche Unterschiede herausgebildet: Während Friedmann von einer generell notwendigen "Entwicklung" der Persönlichkeit (vor allem mit Hilfe der von ihm entworfenen Therapieform ILP oder seines "Autonomietrainings") ausgeht und in mehr oder weniger entwickelte Persönlichkeiten unterscheidet, sind für Winkler alle (Unter-)Typen prinzipiell "in Ordnung" und können sich mittels lösungsorientierter Verstärkung von Ausnahmen (in denen die eigenen Ressourcen bereits genutzt werden) eine größere Auswahl an Reaktions- und Verhaltensmustern aneignen, ohne dafür "therapeutisch" behandelt werden zu müssen.

Schwerpunkt der Verwendung ihrer psychographischen Modelle sind demzufolge bei Friedmann die Integrierte Lösungsorientierte Psychologie (ILP) sowie das "Autonomietraining", die beide seit 2005 an eigens dafür gegründeten und im Franchise-Verfahren betriebenen "ILP-Fachschulen" gelehrt werden; Winklers Psychographie hingegen wird neben der pädagogischen, erzieherischen und geschäftlichen Nutzung auch in Form einer eigenen Dienstleistung, den sogenannten "Typanalysen" genutzt - hier geht es allein um die Feststellung der Typzugehörigkeit (Grund- und Untertyp) sowie daraus resultierenden Möglichkeiten der Persönlichkeitsentwicklung oder Problemlösung. Ebenfalls werden Paaranalysen und Teamanalysen angeboten und durchgeführt - hierbei rücken die typabhängigen Interaktionsmuster in den Mittelpunkt des Interesses, ähnlich wie in der Transaktionsanalyse von Eric Berne, von der Friedmann - wie er selbst erzählte - seine ersten Impulse zur Typunterscheidung erhalten hatte (im Dramadreieck von Stephen Karpman). Die von Winkler entwickelte Form der Psychographie wird von Anfang an als "freies Modell" angeboten und keinen Einschränkungen in Nutzung oder Lehre unterzogen, jedoch werden vom gemeinnützigen und von Ehrenamtlichen getragenen Verein "Psychographie-Initiative e.V." seit 1999 freiwillige Zertifizierungen gemäß einer Vereinsordnung angeboten und auch zahlreich durchgeführt.


7. Das 123-Modell von 2010
2010 nutzte ich die Neuauflage des Buches "Warum sind wir so verschieden?" dazu, die inzwischen gewonnenen Erkenntnisse in eine Optimierung des Modells umzusetzen. Vor allem die Landkarte, ihre Darstellungsformen und einzelne Begriffe wurden reformiert. Auch wurden alternative Begriffe für die drei Grundtypen eingeführt (Relationiker, Temporiker, Aktioniker) und anstatt "Winkler-Psychographie" der Begriff "123-Modell" etabliert. Aus "Typanalysen" wurden "Stärken-Profil-Analysen"; durch die Entwicklung des Haus-Modells zur Darstellung der Stärken-Profile ergaben sich völlig neue Erkenntnisse - auch für die Paar- oder Teamanalyse (die Größenverhältnisse zwischen den Unterbereichen und deren Skalierung durch die Gewichtung im Grundbereich wurden klar und mit Ziffern mathematisch vergleichbar).

Hintergründe der neuen Formulierungen waren zahlreiche Rückmeldungen, dass Begriffe wie "Psycho..." oder "Typ..." zu Missverständnissen oder Abwehrhaltungen führen, ohne dass der Inhalt des Modells selbst verstanden und damit bewertet wird. In der Neuauflage des genannten Buches wurde daher fast vollständig auf die Verwendung dieser irreführenden Wörter verzichtet.

Anmerkung: Durch die 2016 erfolgte Umbenennung der "Psychographie-Initiative e.V." in "Initiative zur Förderung der Naturellwissenschaft e.V." wurde eine noch deutlichere Unterscheidung zwischen den beiden Modellen verdeutlicht. Inhaltlich spannend hierzu der Artikel von Günter Hiller.

 
Quellen:

1 vgl. Allport, Gordon W.: Persönlichkeit - Struktur, Entwicklung und Erfassung der menschlichen Eigenart, Stuttgart: Klett 1949

2 Duden Fremdwörterbuch, 4. Auflage, Mannheim, 1982

3 Friedmann, Dietmar: Der Andere, München 1990

4 mündliche Mitteilung, ca. 1997

5 Friedmann, Dietmar: Der Andere, München 1990, S. 59

6 ebd. S, 64

7 Friedmann/Fritz: "Wer bin ich? Wer bist du?", München, 1996

8 ebd. S. 66

9 ebd. S. 95

10 ebd. S. 247

11 Friedmann: Die drei Persönlichkeitstypen und ihre Lebensstrategien, Darmstadt, 2000, S. 183

12 ebd. S. 151ff.

13 ebd. S. 166/218

14 Winkler: Kurze Einführung in die Psychographie nach Dietmar Friedmann, Fellbach, 1999

15 Winkler: Die Psychognomie des Menschen - Zur Entstehung und Charakteristik unterschiedlicher Persönlichkeitstypen, Fellbach, 1999 S. 29

16 statt "Ich-Beziehung" verwendete Friedmann "ich-bezogen" und statt "Du-Beziehung" "ich-vergessend"

17 vgl. Winkler: Warum sind wir so verschieden?, Heidelberg, 2005 und Winkler: Warum Kinder so verschieden sind, Kirchzarten, 2006

 



Autor:
Werner Winkler


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