Modell und Wirklichkeit
Modul 052 (Die Modul-Nummern dienen nur der einfacheren Kommunikation. Sie zeigen keine Empfehlung der Reihenfolge an.)


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Modul 052: Modell und Wirklichkeit


Chancen und Grenzen von Modellen: Wieviel Wirklichkeit steckt in der Landkarte des 123-Modells?

Wie ‘wirklich’ oder ‘wahr’ ist dieses Modell eigentlich? Hier treten immer wieder Missverständnisse auf, die aus meiner Erfahrung vor allem auf einer ungenauen und unbedachten Benutzung bestimmter Begriffe entstehen. Speziell von akademisch geprägte Menschen auf das 123-Modell stoßen und dann fragen, ob es denn "bewiesen" sei, wird klar, dass hier eine unpassende Kategorie angewendet wird. Bei Modellen geht es nicht darum, ob sie "wahr" oder "falsch" sind, wie im Modul 051 (Modellbewertungskriterien) nachzulesen. 

Modelle werden in der Wissenschaft meist dann benutzt, wenn der Gegenstand der Untersuchung nicht sichtbar ist, z.B. wenn es darum geht, wie ein Atom aufgebaut sein könnte. Eine Modell ist also eher wie eine Landkarte, nicht wie eine Landschaft zu verstehen, deshalb auch meine Bezeichnung “Landkarte der grundlegenden Lebenserfahrungen”. Es geht also zunächst nicht darum, die Wirklichkeit an sich exakt wiederzugeben, sondern darum, ein treffendes Abbild, meist ein vereinfachtes, herzustellen. 

Diese Vereinfachung nun darf weder zu einfach sein, aber auch nicht zu kompliziert. Wäre eine Stadtkarte etwa so genau, dass jeder Stein auf der Straße sichtbar würde, wäre sie kaum mehr zu gebrauchen bzw. man könnte gleich die Straße anschauen und bräuchte keine Karte mehr. Ziel ist in der Regel, das Verstehen zu erleichtern und auch am Modell besser nachvollziehen zu können, was in Wirklichkeit passiert.
    

Ein Modell ist also eine (oft am Schreibtisch entstandene) Idee und als solche diskutierbar, veränderbar und ohne Anspruch auf absolute Gültigkeit. Wenn sich jedoch anhand des Modells die Wirklichkeit nachvollziehen oder gar vorhersagen lässt, kann durchaus der Eindruck entstehen, zwischen Modell und Wirklichkeit gäbe es kaum mehr einen Unter-schied. Vielen Laien ergeht es so, wenn sie ein Modell unseres Sonnensystems sehen, auch wenn darin häufig die Grös-senverhältnisse völlig falsch abgebildet sind.

Wie oft ein Modell dann in der Praxis verwendet wird oder welche Bedeutung es für wie viele Menschen gewinnt, hängt zum Beispiel davon ab, was es sonst noch für Modelle auf dem Markt der Ideen gibt und wie viele ‘Kunden’ sich überhaupt für dieses Thema interessieren. Zu zwei anderen Betrachtungsweisen steht das Modelldenken jedoch im Gegensatz: einerseits zum Dogma, das den Anspruch erhebt, Unsichtbares trotz Verwendung von Zeichen, Bildern oder Sprache richtig und verbindlich zu beschreiben. Andererseits zu den für jedermann gleich wahrnehmbaren und anhand von Experimenten beweisbaren Naturphänomenen. So ist es etwa sehr gewagt von einer neuen Religion, ihre (möglicherweise sinnvollen) Ideen gleich als absolute Wahrheit im Sinne eines Dogmas zu verkünden. Und wenn ein Professor ein Modell für etwas erfinden würde, das sich in der Natur selbst hervorragend betrachten lässt, wird er dafür nur jene interessieren, die keinen Zugang zu ihr haben.    

Die Verwechslung von Gelegenheiten, bei denen ein Modell sinnvoll ist und wo nicht, findet sich immer wieder - und häufig hemmt das dann den Fortschritt einer geistigen Entwicklung, etwa weil zunächst gegen die Verteidiger eines Dogmas angegangen werden muss, bevor jemand überhaupt die Chance bekommt, seine neue Idee vorzustellen. Ich denke hier an Beispiele wie Kopernikus oder Darwin. Aber auch die als ‘modern’ geltende Psychologie wird oft dogmatisch angesehen, wodurch sie sich für Innovationen verschließt. 

So gibt es nicht wenige Persönlichkeitspsychologen, die es für völlig ausgeschlossen halten, dass es so etwas wie die hier beschriebenen Gruppen überhaupt ‘gibt’ - weil sie nach ihnen in der Weise suchen, wie man eine neue Tierart sucht (also in der materielle Wirklichkeit). Dass ihre eigenen Bilder vom Menschen in aller Regel ebenfalls nur Modellvorstellungen sind und keine endgültigen Wahrheiten, wird offenbar sehr leicht vergessen, besonders, wenn man sich nur noch unter Fachleuten bewegt, die alle dieselbe Sprache sprechen oder wenn man sich als Lehrender in einer Machtposition befindet und von den Studenten nicht mehr grundsätzlich kritisieren oder hinterfragen lässt.     

Angenommen, jemand käme auf die Idee zu behaupten, der Mensch hätte nicht eine Seele oder Psyche, sondern drei davon - kaum jemand von akademischer Seite würde ihn ernst nehmen, es sei denn, er könnte wie Sigmund Freud eine wirtschaftlich erfolgreiche Therapieform daraus entwickeln oder es anhand irgendwelcher handfester Belege beweisen. Sähe man jedoch die Lehre von einer Seele schlicht als ein Modell, wäre es kein Problem, einmal probeweise das Modell zu ändern und das Gefühl vieler Menschen, sie hätten ab und zu ‘zwei Seelen in der Brust’ als denkbare Wirklichkeit zu akzeptieren. 

Im Gegensatz zu dogmatischem Denken ist also das Modelldenken weit entwicklungs- und auch fehlerfreundlicher, denn ein Modell lässt sich jederzeit verändern, kritisieren, erweitern, ersetzen oder ganz verwerfen.     

Aber in gewisser Weise gilt auch, was Paul Watzlawick, der große Kommunikationsforscher, schrieb: “Wirklich ist, was eine genügend große Anzahl von Menschen wirklich zu nennen übereingekommen ist.” So gesehen wird ein Relationiker oder Aktioniker ‘wirklich’, indem ich als Autor dieses Wort in die Welt setze und Sie als Leser denken: Stimmt, das trifft die Sache gut, ich erkenne mich als den einen und meinen Nachbarn als den anderen. Man könnte in diesen Fällen von einer Übereinkunft sprechen, also einer Wirklichkeit, die (ich folge hier dem Philosophen Karl Popper) zwischen Menschen entsteht und die durchaus einen sehr realen Charakter annehmen kann. Ich denke hier auch an den schönen Satz von Janosch, dem zeichnenden Weisen, den er in seinem Buch Von dem Glück, Hrdlak gekannt zu haben formulierte: “Wenn zwei untereinander Brüder sind, sind Gedanken so wirklich wie Steine.”

Verblüffende Ähnlichkeiten der drei Grundmuster mit den Verhaltensweisen der Primaten

In Anbetracht dessen, was ich gerade über Modelle und Wirklichkeitsbilder geschrieben habe, scheint es vielleicht überraschend, wenn ich versuche, einer Beobachtung nachzugehen, die eher darauf hinweist, dass die hier be-schriebenen Verschiedenheiten tatsächlich ‘so wirklich wie Steine’ sind - selbst wenn deren Beschreibung mittels eines Modells erfolgt. Konkreter: es gibt etwas, das darauf schließen lässt, dass es in unserem genetischen Programm nachweisbare Unterschiede geben könnte, je nachdem, ob jemand nach dem 123-Modell ein Relationiker, Temporiker oder Aktioniker ist. Anders gesagt: obwohl diese Unterschiede und das Modell der Landkarte vor allem in einem Buch oder den Köpfen von Menschen existieren, scheint es wahrscheinlich, dass mit geeigneten Forschungen ein Test wie eine Art Blutgruppentest entwickelt werden könnte, der zweifelsfrei belegt, ob ein Mensch zu dieser oder jener Gruppe gehört. 

Auch wenn also die Unterschiede zunächst durch die Beobachtung und Benennung ‘entstehen’, könnten sie doch einen biologischen, messbaren Hintergrund haben. Ursache für diesen Verdacht liefern mindestens zwei Phänomene: Einmal das ‘Doppelgängerphänomen’, auf das ich in "Warum sind wir so verschieden?" (ab S. 160 in der Auflage von 2010) eingehe. Aber stärker noch verblüffte 2004 mich und viele andere seitdem die Entdeckung, dass die drei Gruppen erstaunliche Ähnlichkeiten mit unseren nächsten Verwandten im Tierreich, den Primaten Schimpanse, Orang-Utan und Gorilla zeigen - und zwar sowohl im Verhalten, als auch im Gesichtsausdruck. 

Dies könnte darauf zurückzuführen sein, dass durch epigenetische Veränderungen (ich vermute, bei der Einnistung des Embryos in die Gebärmutter, wie ich dort näher beschrieben) Gengruppen aktiviert werden, die bei diesen Primatengruppen ebenfalls aktiv sind und ihnen in ihrer Umwelt die bestmöglichen Überlebenschancen bieten. Drei Beispiele hierzu: Schimpansen zeigen, ebenso wie Relationiker, das variantenreichste Mimikspiel und legen großen Wert auf Verbundenheit innerhalb ihrer Gruppe, die sich z.B. in intensiver sozialer Fellpflege oder im Teilen von Nahrung ausdrückt. Auch können diese Affen besser als die anderen beiden Primaten Koalitionen bilden, etwa um eine Leittier abzulösen oder auf die Jagd zu gehen. Eine Forscherin, die jahrelang mit Orang-Utans zu tun hatte und dann mit einer Kollegin Schimpansen beobachtete, meinte danach, sie habe an einem Tag mit den Schimpansen mehr soziale Interaktion beobachtet als in einem Jahr bei den Orang-Utans. Orang-Utans jedoch haben - ähnlich den Temporikern - die einzigartige Fähigkeit, Räume und Zeiträume wahrzunehmen und etwa in einem sehr großen Areal ihres Waldgebietes jeden Baum mit essbaren Früchten inklusive dem Zeitpunkt zu kennen, wann diese reif sind. Sie wissen auch, wann sie sich auf den Weg machen müssen, um rechtzeitig vor anderen Tieren dort zu sein. Und sie gelten als Meister im Energiesparen und als sehr vorsichtig. Sie prüfen genau, ob ein Ast ihr Gewicht aushält oder im Wettbewerb mit einem Kontrahenten anhand der Stimm-gewalt, ob sich eine Auseinandersetzung lohnt oder es besser ist, sich zurückzuziehen und so Risiken zu vermeiden. Und was die Gorillas betrifft, die von ihrem gesamten Auftreten (in der Natur!) das Modell für die Aktioniker abgeben, lässt sich hier als Parallele ausmachen, dass beide den größten Teil ihres Lebens mit ‘Arbeit’ verbringen; im Fall der Gorillas mit dem Pflücken und Kauen von Blättern, von denen sie als weitgehende Vegetarier eine große Menge täglich benötigen. Beide mögen zudem es nicht, wenn man ihnen intensiv in die Augen blickt und sie schätzen klare Hierarchien und Harmonie in ihrer Gruppe.  

Falls Sie dieses Thema tiefer interessiert, kann ich Ihnen einen Besuch in einem guten Zoo empfehlen, wo Sie vielleicht ebenso erstaunt wie ich selbst sein werden, in welch bekannte Gesichter Sie unter Umständen blicken können. Auch die Bücher der drei Forscherinnen Jane Goodall (Schimpansen), Biruté Galdikas (Orang-Utans) und Diane Fossey (Gorillas) sind lesenswert. Interessanterweise scheinen diese drei Frau-en sich jeweils ‘ihrer’ Primatengruppe angenommen zu haben, denn ich halte sie für Relationiker (Goodall), Temporiker (Galdikas) und Aktioniker (Fossey).    

Ob diese Ähnlichkeiten nun rein zufällig sind, die vermuteten epigenetischen Grundlagen haben oder andere, wird sich hoffentlich in den nächsten Jahren herausstellen, sobald sich Naturwissenschaftler bzw. Genetiker finden, die nicht nur nach Sponsorengeldern zur Finanzierung ihrer Einrichtungen und entsprechenden Projekten Ausschau halten, sondern wirklich noch aus eigenem Antrieb spannenden Entdeckungen nachgehen, wie es Charles Darwin vorgemacht hat. Ich selbst habe nach vielen vergeblichen Versuchen, wenigstens einen Termin zu bekommen, um diese Dinge vorzustellen, fast die Hoffnung aufgegeben, hier in Deutschland jemand zu finden, der diesen Parallelen mit labortechnischen Methoden auf den Grund gehen möchte. Aber vielleicht ist der Erkenntnissprung einfach zu groß, als dass er mit einem Schritt genommen werden könnte. Stellen wir uns einmal vor, es wäre durch einen Test zu belegen, dass große Teile unserer jeweils aktiven Gene tatsächlich mit denen ‘unserer’ Primatengruppe übereinstimmen - welche Empörung von Seiten jener, die nicht wahrhaben wollen, wie nahe wir Menschen den Tieren verwandt sind, wäre zu erwarten. Wobei solche Aufregung eher unangemessen ist: denn wer glauben will, dass der Mensch nach dem Ebenbild (eines die Welt erschaffenden) Gottes gestaltet wurde, könnte sicher leicht alle Lebewesen als ‘göttliche Geschöpfe’ sehen.

Über die Entstehung von Wirklichkeitsbildern

Der Unterscheidung des Philosophen Karl Popper folgend, können drei Kategorien von Wirklichkeit unterschieden werden:

1. Die materielle, objektiv vorhandene Welt, wie sie von allen Menschen identisch wahrgenommen wird. Das heißt z.B., dass in mindestens 99% aller Fälle Menschen und Schweine sicher voneinander unterschieden werden können. Also ist das Vorhandensein dieses Unterschieds eine Tatsache, auch wenn ein Biologe argumentieren könnte, aus genetischer Sicht bestünde er nur aus wenigen DNA-Sequenzen. In der alltäglichen Lebenswelt macht die genetische Sichtweise keinen Sinn und kann daher vernachlässigt werden. Auch ein Baum oder ein Haus ist ‘tatsächlich vorhanden’, auch wenn beide quantenphysikalisch betrachtet nur aus einer Anhäufung strukturierter Energie bestehen.

2. Die subjektive Welt des Individuums. Hierbei handelt es sich um (innere) Konstrukte, jedoch nicht um gemeinsame einer Gruppe, sondern auf den Einzelnen begrenzte. Wenn ich mich etwa für einen “Stuttgarter” halte, lässt sich das in keiner Weise an biologischen Merkmalen beweisen. Ein Vermerk in meinem Pass gehört eindeutig zur 3. Kategorie. Auch hier verwechseln viele (z.B. psychisch extrem leidende Menschen) ihre Vorstellungen und Sichtweisen (“ich bin Napoleon”) mit der realen Welt aus der 1. Kategorie. Findet sich dann niemand, der ihre Selbstwahrnehmung teilt, kann das zu schweren Folgen und zum zeitweisen Ausschluss aus einer Gemeinschaft führen. Mancher Religionsgründer etwa könnte auch daran gescheitert sein, dass sich nicht rasch genug ausreichend Menschen fanden, die sich auf seine Sichtweise einließen.

3. Die Welt der gemeinsamen Konstrukte - dazu gehören die in jeder Gesellschaft, Gruppe oder Familie vorhandenen Übereinkünfte: Sprache, Wort- und Zeichenbedeutung, Religion, Werte, Rechenregeln, Krankheitsbenennungen, Namen von Pflanzen, Tieren, Steinen usw., Gesetze, Regeln, Gebräuche etc. In dieser ‘Welt’ geht es um veränderbare und sich ständig verändernde Konstrukte.

Tatsächlich kommt es häufig vor, dass jemand zwischen der ersten und der dritten Kategorie nicht unterscheidet und z.B. die religiösen oder weltanschaulichen Vorstellungen seiner Gruppe (wie im Beispiel oben) für ein ‘Naturgesetz’ oder ‘die Wahrheit’ hält. Infolgedessen wird er natürlich auch gegenüber anderen diese Sichtweise offensiv vertreten und Zweifel daran als ‘Missachtung der Wahrheit’ auffassen. Erhalten einzelne Gruppen sogar Macht über andere (z.B. in religiös geprägten Regierungen), droht allen ‘Ungläubigen’ potentiell Gefahr.

Toleranz dagegen beruht auch auf der Erkenntnis, dass viele Fragen des menschlichen Daseins in der 1. Kategorie nicht zu klären sind - sie stattdessen (möglicherweise durchaus sinnvolle) Konstrukte der 3. Kategorie darstellen. Hier geht es aber nicht um ‘richtig’ oder ‘falsch’, sondern um Nützlichkeit, Akzeptanz oder die Folgen der jeweiligen Sichtweise. Heinz von Foerster spricht so von den “prinzipiell unentscheidbaren Fragen”; diese lassen vielerlei mögliche Antworten zu, nicht aber eine einzig Richtige. Die Frage nach dem Unterschied zwischen Menschen gehört vermutlich zu dieser Kategorie.
 

Die “prinzipiell unentscheidbaren Fragen”

    Eine falsche Antwort ist leicht festzustellen, aber es braucht Originalität, um eine falsche Frage zu entdecken.
    (Antony Jay)

    Was ist das Ziel in der Philosophie? - Der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas zeigen.
    (Ludwig Wittgenstein)

Im Buch “Teil der Welt” (Carl Auer, Heidelberg: 2002) von Heinz von Foerster versucht er - im Gespräch mit Monika Bröcker - das Phänomen der “prinzipiell unentscheidbaren Fragen” zu erklären.

    “Zu meiner Haltung gehört, dass der Metaphysik wieder ein guter und klar sichtbarer Boden gegeben wird; 
    und Metaphysik nicht ununterbrochen zum Fenster hinausgeschmissen wird, weil viele Leute sie missbraucht
    haben, um gewisse Ideen zu verkaufen, die anders nicht verkäuflich sind.” (S. 6)

    “Das ist diese Sache mit ‘prinzipiell unentscheidbar’. Ständig entscheiden wir, ohne es zu merken, prinzipiell
    unentscheidbare Fragen. Deswegen kriegen sich die Leute immer in die Haare; denn jeder behauptet: ‘Ich habe
    Recht.’ Dass da eine Freiheit existiert, wenn man unbeantwortbare, unentscheidbare Fragen beantwortet,
    sehen nur sehr wenige Leute; (...) Vielen Leuten fällt gar nicht auf, dass sie eine Entscheidung getroffen haben.
    Daher glauben sie, sie sind im Besitz der wirklichen Wahrheit. Sie haben nicht gemerkt, dass da eine Freiheit
    bestand, in der sie das Spiel entschieden haben, welches sie von jetzt an spielen wollen.”

Die Unterscheidung zwischen den “entscheidbaren”, den “womöglich entscheidbaren”  und den “prinzipiell unentscheidbaren” Fragen ist für die Theoriebildung des 123-Modells von großer Bedeutung - denn das Phänomen der Naturellunterschiede bewegt sich zwischen allen drei Kategorien hin- und her.


Entstehung von Wirklichkeitsbildern - Wir wirklich sind die drei (oder 81) Gruppen denn nun?

In den letzten Jahren haben sich Hinweise verdichtet, dass es womöglich doch ein objektives, (z.B. biologisches oder per messbarer Daten vergleichbares) Kriterium für die Unterscheidung zumindest der drei Hauptgruppen geben könnte.

Auch die häufig zu beobachtende, doppelgänger-artige Ähnlichkeit sogenannter “epigenetischer Zwillinge” (identische Bevorzugungen auf allen vier Beobachtungsebenen) wirft Fragen auf, die in Richtung messbaerer Unterschiede zielen.

Aber selbst wenn sich eines Tages solch ein Kriterium findet, anhand dessen drei (oder mehr) Gruppen unterschieden werden können, lassen sich daraus nicht zwangsläufig philosophische oder psychologische Folgerungen ableiten (wie die, dass Relationiker den Lebensbereich ‘Zeitorientierung’ vernachlässigen).

Es darf nicht vergessen werden, dass das 123-Modell philosophisch gesehen zu den Geisteswissenschaften gehört, die das Ziel haben, menschliche Lebensäußerungen zu verstehen. Außerdem arbeiten wir mit einem ‘induktiven’ Ansatz; d.h., wir schließen aus wenigen Einzelbeobachtungen auf alle Menschen und beobachtet dann, ob die Schlüsse gerechtfertigt waren. Selbst wenn die Annahmen bei einzelnen Individuen also nicht zutreffen (oder sich einzelne Personen keiner Gruppe zuordnen lassen), wird dadurch nicht die gesamte Theorie unbrauchbar.

Im Gegensatz zu einem Naturwissenschaftler (der Naturerscheinungen erforscht, beschreibt und vorhersagt) könnte eine nützliche Persönlichkeitstypologie (die sich mit gedanklichen Unterschieden der Beobachtungen beschäftigt) auch ohne ausführliche Untersuchungen nur ‘vom Schreibtisch aus’ entworfen werden. Für die Unterscheidung von Persönlichkeitsstrukturen oder Unterschieden im "Naturell" scheint diese Methode sogar die einzig erfolgversprechende zu sein. Denn wer kennt schon eine aussagekräftige Zahl von Menschen so gut, dass er die Unterschiede zwischen ihnen erfassen und dazu noch in allgemein verständlichen Worten ausdrücken kann?

Durch die nachvollziehbare Forderung nach absoluter Genauigkeit wird selbstverständlich jede Einteilung in Gruppen unmöglich - oder jeder einzelne Mensch würde eine "Gruppe für sich" bilden. Wer einen bestimmten Menschen genau kennen lernen möchte, wird dies am leichtesten dadurch erreichen, dass er sich mit ihm persönlich auseinander setzt - und nicht, indem er in einem Buch über dessen Naturell nachliest, selbst wenn es sich um ein sehr gutes Buch handelt.
   
Der Versuch, Menschen anhand deren Naturell in Gruppen einzuteilen ist und bleibt (unabhängig von möglichen weiteren Erkenntnissen) eine ‘ungenaue’, ‘unscharfe’, vielleicht sogar poetische Wissenschaft. Damit befindet man sich jedoch in guter Gesellschaft, zum Beispiel von Dichtern, Komponisten, Philosophen oder Künstlern.


Autor:
Werner Winkler


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