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Werner Winkler
Lieber Abraham,
E-Mails an Adressaten in aller Zeit.
Alle Rechte beim Autor, April 2008
"Der Gelehrte setzt sich zum Schreiben nieder und all die Jahre seiner Meditation verhelfen ihm weder zu einem guten Gedanken noch zu einer glücklichen Formulierung; aber dann muss er einem Freund einen Brief schreiben - und sogleich bietet sich von allen Seiten eine Fülle anmutiger Gedanken in auserlesenen Worten an." Ralph Waldo Emerson, Freundschaft
von: Werner Winkler an: Leserin@Leser.de Betreff: Vorwort
Liebe Leserin, lieber Leser, während ich diese Zeilen schreibe, versuche ich mir vorzustellen, welche Menschen wohl im Laufe der Zeit meine E-Mails "in Kopie" lesen werden.
Die meisten der Adressaten werden sie ja vermutlich nicht zu Gesicht bekommen, es sei denn, Verstorbene schauen uns doch ab und zu "über die Schultern" oder haben Zugang zu Bibliotheken und noch Lust am Lesen - wie im Film "City of Angels" zu sehen. Falls dem so ist, ein Hinweis an die bereits verstorbenen unter den Adressaten: Über Antworten in einer Art und Weise, die mich nicht zu sehr erschreckt, würde ich mich durchaus freuen. Werner Winkler, im April 2008
Lieber Abraham, Sie fragen sich vielleicht, wie jemand auf die Idee kommt, Ihnen einen Brief zu schreiben, obwohl er Sie nicht kennt und kaum eine Antwort erwarten kann. Ich hoffe, nach dem Lesen dieser Zeilen verstehen Sie, warum. Sie sind mir zum ersten Mal begegnet, als ich noch nicht einmal wusste, was Buchstaben sind. Meine Eltern lasen mir Geschichten über Sie vor, die in einer "Bibel für Kinder" standen. Natürlich hatte ich damals keine Ahnung, dass diese Geschichten schon seit sehr langer Zeit von unglaublich vielen Menschen erzählt, gelesen und bedacht wurden oder dass in anderen Teilen der Welt von Ihnen als "Ibrahim" gesprochen wird. Ich habe Sie mir immer als freundlichen älteren Mann mit Bart und einem langen Gewand vorgestellt. Und sie hatten ein großes Zelt, viel größer als das Indianerzelt meiner Brüder. Und Kamele, wie sie im Zirkus zu sehen waren, auch in einem Zelt. Ihren Sohn Isaak stellte ich mir als einen Jungen vor, wie ich es damals war, mit blonden Locken und bleicher Haut. Ismael dagegen hatte in meiner Vorstellung immer eine dunkle Haut und schon einen Bart, was ihn ein bisschen düster wirken ließ. Mit älteren Brüdern hatte ich meine eigenen Erfahrungen und daher viel Verständnis für Isaak. Zum Glück war er dein Liebling und sicher hast du auf ihn aufgepasst, wenn Sara nicht da war. Dass du ihn dann eines Tages mit einem Messer töten wolltest, weil du eine Stimme vom Himmel gehört haben willst, brachte mich ziemlich durcheinander und ließ mich schlecht schlafen. Zwar war in der Kinderbibel das Tier bereits zu sehen, dass an Isaaks Stelle sterben sollte, aber du hast es nicht gleich gesehen und fast wäre Isaak gestorben. Das Tier tat mir auch leid. In anderen Ländern, erfuhr ich später, wolltest du Ismael opfern, was nicht weniger grausam gewesen wäre, selbst wenn ich ihn nicht so mochte. Mein Vater glaubte wie du an Gott und da fragte ich mich schon manchmal, ob er mich wohl ebenso eines Tages auf einen Steinhaufen legen und mit einem Messer töten würde? Bei uns gab es weder Schafe noch Ziegen als Ersatz, aber Messer gab es. Steinhaufen zum Glück eher nicht - aber wer weiß, was mein Vater tagsüber so machte, wenn er "zur Arbeit" ging? Ich hatte vor, mich unter dem Küchentisch zu verstecken, wenn es je soweit käme. Meine Mutter glaubte nach meiner Beobachtung nicht so fest an Gott wie mein Vater, zumindest sah ich sie nicht beten oder mit einer Bibel für Erwachsene im Wohnzimmer sitzen und lesen. Und sonntags kochte sie eher etwas für uns alle und ging nicht in die Kirche. Dafür brachte sie Kuchen zu kranken Leuten in der Nachbarschaft. Sie hatte nie ein Messer dabei, da bin ich mir sicher und ich kann mir auch nicht denken, dass sie Stimmen vom Himmel hörte. Bei meinem Vater war ich mir da nicht so sicher. Du siehst also, Abraham, was du indirekt schon in meinem jungen Leben angerichtet hast. Heute weiß ich, dass ich ungerecht mit dir war. Bis zu dir hatte lange niemand mehr Stimmen vom Himmel gehört oder war von Engeln besucht worden, die ihm sagten, seine alte Frau würde noch einmal ein Kind bekommen. Sara lachte und du hast dich sicher mehr gewundert als du einfach geglaubt hast. Du hattest auch keine Bibel und keinen Koran oder andere heilige Bücher, in denen du hättest nachlesen können, was Menschen vor dir mit Gott so erlebt hatten. Du warst ein richtiger Prototyp, ein Pionier. Da dürfen schon mal Fehler passieren. Sympatisch finde ich auch, dass du es mit der Wahrheit nicht ganz so genau genommen und deine Frau schon mal als deine Schwester ausgegeben hast. Oder dass du anderen geholfen hast, eine Räuberbande zu verfolgen, die sie ausgeraubt hatte. Das stand nicht in der Bibel für Kinder, kein Wunder. Du hast auch keine eigene Religion oder Kirche gegründet. Einfach zu glauben hast du versucht, was ja gar nicht so leicht ist, weder zu deiner Zeit noch heute. Vor allem wenn man nicht sieht, was man glauben soll oder niemand außer einem selbst die Stimme hört, die sagt: Geh dort und dort hin oder mach dies und das oder dass man mehr Nachkommen haben wird als man Sterne am Himmel sieht. Du hast dich im Übrigen offenbar nicht darum gekümmert, dass man dir glaubt, sondern einfach dein ganz gewöhnlich-ungewöhnliches Leben gelebt. Das ist wirklich etwas Besonderes, finde ich. Ein echtes Vorbild, bis auf die Geschichte mit dem Messer. Ich freue mich, so früh etwas von dir gehört zu haben, noch vor vielen anderen, die von den Erwachsenen meiner Kindheit für "wichtig" gehalten wurden. Heute kennt dich immer noch fast die halbe Welt und das ist schon was, nach so langer Zeit. Viele Grüße also, dein Werner P.S. Mir fiel beim zweiten Durchlesen auf, dass ich dich irgendwann nicht mehr gesiezt sondern geduzt habe und hoffe, das geht in Ordnung. Ich fühle mich dir gegenüber immer noch als kleiner Junge und kleine Jungs dürfen ältere Herren, die sie mögen, duzen, oder?
Liebe Beatles, als ich ein noch recht kleiner Junge war und für eine Operation ins Krankenhaus musste, habe ich im Cassettenrecorder meines Bettnachbarn zum ersten Mal eure Musik gehört. Sie hat mir so gut gefallen dass ich entgegen aller Erfahrung hoffte, wenn ich meinen eigenen Cassettenrecorder in einigen Metern Entfernung auf "Mikro-Aufnahme" stelle, würde ich hinterher zuhause die Lieder noch einmal hören können. Geld, mir eine Cassette von euch zu kaufen hatte ich genau so wenig wie einen eigenen Schallplattenspieler oder die Erlaubnis, Sender im Radio zu hören, auf denen ihr gespielt wurdet. Es dauerte also lange, bis ich erneut in diesen Genuss kam. Ins Krankenhaus zurück wollte ich trotzdem nicht, außerdem konnte ich nicht sicher sein, dass ein neuer Bettnachbar eine Cassette von euch haben würde. Fast dreißig Jahre später bin ich wenigstens einem von euch, Paul, auf einem Konzert in Stuttgart begegnet, wenn auch nur aus vielen Metern Entfernung. Aber das ganz besondere Gefühl des Jungen im Krankenhaus, der ich einmal war, ist mir auch dort begegnet: Es ist ein Gefühl danach, dass die Welt zwar bunt aber nicht undurchschaubar, die Liebe faszinierend und aufregend, aber nicht erschreckend und dass Musikmachen und - hören zwei Seiten einer wunderbaren Medaille sind, die selbst in den unangenehmsten Zeiten und in den einsamsten Krankenhausstunden einen der sichersten Häfen darstellen, in den wir uns flüchten und ausruhen können. Euch vieren danke ich, dass ihr mir diese Erfahrung geschenkt habt und bin sicher, ich bin nicht der einzige ... Euer Werner Winkler
Lieber unbekannter Erfinder der Schriftzeichen, sicher sind Sie bei den Toten, falls Sie dort in "bekannte" und "weniger bekannte" unterscheiden, sehr bekannt. Hier bei den noch Lebendigen sind Sie leider völlig unbekannt. Bitte entschuldigen Sie daher die anonyme und männliche Anrede (falls Sie eine Frau waren). Mich würde schon interessieren, wie das genau war damals, als Sie die ersten Zeichen erfunden haben. Haben Sie vielleicht beim Zählen mit dem Finger in ein Sandfläche getippt? Mussten Sie Schafe oder Ziegen zählen und ritzten Striche in ein Stück Holz? Zählten Sie die Tage bis zur Sonnenwende oder bis zur Rückkehr ihrer Freunde? Jedenfalls haben Sie uns allen einen Schatz hinterlassen, der viel zu wenig registriert und geschätzt wird, so selbstverständlich sind die Schriftzeichen heutzutage geworden. Sie ermöglichen es, dass heute Menschen von der einen Seite der Welt mit Menschen auf der anderen schreiben können. Tausende von Menschen können lesen, was einer gesagt hat. Die Nachfahren Ihrer ersten Zeichen geben sogar Toten eine Stimme, sie lassen die Lebenden hören und lesen, was frühere Menschen gedacht, geglaubt und gefühlt haben. Sie lassen uns verstehen, dass sich vieles nicht geändert hat, trotz aller Veränderungen. Und das alles, nur weil Sie vielleicht zu faul waren, Ihre Schafe im Kopf zu zählen. Danke vielmals, auch im Namen aller Schreibenden und Lesenden und falls Sie das hier lesen - viel Vergnügen damit! Ihr Werner Winkler
Lieber Herr Ritter, vielleicht erinnern Sie sich noch an mich, einen Ihrer Schüler, denen Sie vor vielen Jahren das Lesen und Schreiben beibrachten. Genauer gesagt: Das flüssige Lesen und das möglichst richtige, schöne Schreiben. Ich jedenfalls erinnere mich noch genau an Sie, auch an unsere letzte Begegnung vor fast zwanzig Jahren. Sie waren schon ziemlich alt und lange im Ruhestand. Trotzdem fuhren Sie noch auf dem Fahrrad durch unsere Stadt und stiegen ab, als Sie mich sahen. Sogar mein Name fiel Ihnen noch ein, was hoffentlich nicht auf meine Frechheit zurückzuführen war, mit der ich Ihnen hin und wieder geantwortet habe. Sie konnten aber auch Fragen stellen! Warum ich mich neben das schönste Mädchen der Klasse setzen würde etwa. Was soll da ein zehnjähriger Junge anders antworten als "Weil ich sie mag.". Immerhin haben Sie respektvoll geschwiegen und mich nur angesehen, Ihr Gesicht sehe ich heute noch vor mir. Es hat mich gelehrt, dass "jemanden mögen" nichts ist, für das man sich zu schämen hat. Auch nicht als zehnjähriger Junge. Vielleicht war es das Wertvollste, was Sie mir beigebracht haben, ganz nebenbei und ohne mir eine Note dafür zu geben. Ich habe auch vergessen, was Sie alles für Geschichten mit uns gelesen haben oder welche wir schreiben mussten. Aber ich habe nicht vergessen, dass Sie jedem, der ein fehlerfreies Diktat schrieb, ein nagelneues Heft schenkten! Dass Sie das aus eigener Tasche bezahlen mussten, wurde mir erst sehr viel später klar. Nämlich als ich eine Papier- und Buchhandlung kaufte und in den Hinterlassenschaften der Vorgängerin eben solche Hefte fand, wie Sie sie uns viele Jahre zuvor mit einem anerkennenden Lächeln auf den schmalen Tisch legten. 20 Pfennig, sehr weise investiert. Wir wussten dann schon, dass unter dem Diktat in schöner roter Schrift "0 Fehler" stand. Oder auch "gut gemacht". Sie haben das Schreiben als etwas Wertvolles und Wichtiges gesehen und wir Kinder haben gespürt, dass Ihnen das Ernst war; nicht wegen dem Lehrplan, sondern wegen dem, was wir noch alles Schreiben und Lesen würden in unserem Leben. Wir haben gerne gelernt, wie man ohne Fehler schreibt, nicht nur wegen der neuen Hefte. Auch wegen Ihrer eigenen Lust am Lernen, da bin ich sicher. Nicht umsonst haben Sie noch im hohen Alter begonnen, Französisch zu lernen. Sie wollten das schon immer einmal lernen, haben Sie mir damals gesagt, als Sie neben Ihrem Fahrrad standen und sich freuten, als ob sie noch einmal zur Schule gehen durften. Eins gestehe ich Ihnen noch an dieser Stelle: Wegen Ihnen, Herr Ritter, wollte ich selbst Lehrer werden. Im Rückblick überrascht mich das nicht einmal, verständlicherweise. In der Hoffnung, dass Ihnen Ihr Französisch noch Freude bereitet grüßt Sie Ihr dankbarer Werner Winkler
Lieber Professor Einstein, darf ich Sie fragen, ob Sie inzwischen neue Erkenntnisse über die Zeit, das Licht oder das Universum insgesamt gewonnen haben? Genauer gesagt würde mich interessieren, was Sie von einer Idee halten, die mir schon vor längerer Zeit beim Lesen Ihrer Biografie kam. Leider konnte ich bisher niemanden finden, der bereit und fachlich ausreichend beschlagen war, ernsthaft mit mir darüber zu sprechen &endash; sicher verstehen Sie mich, Ihnen ging es ja ähnlich, zumindest zu Beginn Ihrer Laufbahn. Könnte es sein, frage ich mich und Sie, dass die Zeit und das Licht vielleicht noch mehr zusammenhängen, als Sie es damals beschrieben haben - dass Licht also nicht nur Wellen- und Teilchenform hat, sondern auch Zeit erzeugt, die Zeit überhaupt erst hervorbringt, um nicht zu sagen "vorgaukelt"? Es wäre doch ein komischer Zufall, wenn das Licht völlig ohne Grund ebenso schnell wäre wie der "Zeitstrahl", finden Sie nicht? Da ist es doch naheliegender, dass eins das andere bedingt oder hervorbringt. Auch die so gut wie akzeptierte Hypothese, dass Weltraumreisende, die annähernd Lichtgeschwindigkeit erreichen, nicht so schnell altern wie die Daheimgebliebenen bekäme so eine greifbare Logik. Sie reisen parallel zum Zeitstrahl, nicht in ihm. Und nicht zuletzt das Experiment mit dem einen Lichtquant und den beiden Löchern, durch die es scheinbar gleichzeitig (!) hindurchgeht: Hätte das Licht neben der Teilchen- und Wellen- noch eine Zeitform, was Wunder, dass es von seiner eigenen Zeit genug hat, nacheinander durch beide zu saußen. Da Sie trotz meiner verrückten Idee noch weiterlesen kann ich ja gleich noch eine weitergehende anfügen: Könnte es nicht sein, dass "Licht" und "Energie", also was die Welt zusammenhält, im Wesentlichen das Gleiche sind? Wenn ich Ihre Nachfolger richtig verstehe, besteht alles, was wir gemeinhin "Materie" nennen, zum aller-allergrößten Teil aus Nichts und aus Energie und aus Bewegungen oder Zuständen, was ja wohl nichts anderes heißt als "zeitlich-räumlichen Zuständen". Mein Physiklehrer sagte einmal mit einem fast unglücklichen Lächeln, alle feste Materie des Universums würde leicht in unser Schulhaus passen. Ich war völlig geschockt. Mehr noch über die schwache Reaktion meiner Klassenkameraden als über diese Feststellung an sich. Das ganze Universum in unserem Schulhaus! Um auf den Punkt zu kommen: Mir scheint, die Welt besteht wirklich nur aus etwas, das wir der Einfachkeit halber und ohne zu wissen, was es genau ist, "Energie" nennen, wobei das Wörtchen "nur" fast schon respektlos klingt, wenn man schaut, was dieses "Bisschen" vermag. Diese Energie erscheint uns aber, weil wir ja mittendrin stecken und deshalb wie ein Wassertropfen in einem Wasserfall Schwierigkeiten haben, zu verstehen, was vor sich geht, mal als "Welle", dann als "Teilchen" und gleichzeitig (!) als Zeitraum oder Raum-Zeit. Wir meinen sozusagen, 1. Wir hätten einen realen materiellen Körper 2. Wir hätten die Möglichkeit, mit anderen Körpern materiellen Kontakt aufzunehmen und 3. Wir hätten Zeit oder lebten in der Zeit. Gehe ich zu weit? Sie haben ja den Rat erteilt, man solle die Dinge vereinfachen, so weit möglich, nur nicht weiter. Ich habe mich einfach mal getraut, mich sozusagen "zu Ihnen an den Küchentisch gesetzt" und bin gespannt, was Sie zu all dem meinen. Mit allergrößter Hochachtung, vor allem für Ihren Mut, Ihr Werner Winkler
Liebe Astrid Lindgren, gleich zu Anfang sollte ich gestehen, dass ich nicht zu viel von Ihnen gelesen habe. Natürlich Pippi Langstrumpf. Wobei mir die Filme, die danach gedreht wurden, in stärkerer Erinnerung sind. Die Geschichte mit dem Stein auf dem Küchenbrett und der Bitte "Keine Gewalt" sah ich zum ersten Mal als Kalligrafie von Professor Eikel in Form eines großen Plakats in der Küche von Freunden. Dieser Text ließ mich in Ihr Herz schauen, liebe Astrid Lindgren. Und ich fühlte mich zuhause darin, vielleicht, weil solche Herzen selten sind oder sich selten so deutlich zeigen. Die Welt wird zu einem Zuhause, nicht nur für Kinder, wo rotzöpfige Mädchen ein Pferd in der Küche stehen haben und wo Steine auf dem Küchenbrett liegen, die zu sprechen beginnen, wenn Gewalt in der Luft liegt. Und noch etwas wird Ihnen vielleicht gefallen, auch wenn Sie Ähnliches sicher schon oft gehört haben: Als Buchhändler habe ich viele Ihrer Bücher an Kinder und Erwachsene verkauft. Fast immer nahmen sie diese mit einem ganz bestimmten Leuchten, einer Vorfreude oder einem Wiedererinnern in die Hand. Die Geldscheine wurden wertloser, die in die Kasse wanderten. Viel lieber hätte ich dieses Leuchten auf meinem Konto eingezahlt. Heute bin ich nicht überrascht, es nach zwanzig Jahren immer noch dort zu finden - inklusive der Zinsen. Es gehört Ihnen, selbst auf dem Konto meiner Erinnerungen. Falls Sie dort noch nicht waren: Sie sollten sich einmal die Villa Kunterbunt auf der traurigen alten Insel Gotland anschauen. Sie werden das Leuchten reichlich finden, auch bei eingeschaltetem Licht und dichtem Besucherstrom. Und es gibt Bäume dort, auf die Sie klettern können, Sie wissen schon, wozu ;-) Mit sommersprossigen Grüßen, Ihr Werner Winkler
Liebe Mutter Teresa, falls es stimmt, was manche Menschen glauben oder für denkbar halten - dass man nämlich beim Sterben auf der "anderen Seite" von denjenigen begrüßt wird, denen man im Leben hier etwas bedeutet hat - dann werden Sie sicher einen besonders herzlichen Empfang erlebt haben... Ich würde Sie, die Sie soviel Erfahrung mit Sterbenden gesammelt, sich auf sie eingelassen, sie begleitet haben, gerne fragen: Wie war es für Sie selbst, das Sterben? Gingen Sie wie durch einen Vorhang, eine halboffene Tür oder war es doch mehr ein Tunnel mit einem Licht am Ende? Wobei es auch denkbar wäre, dass jeder Mensch anders stirbt -so wie man auch verschieden lebt oder auf unterschiedliche Arten geboren wird und Ihre Erfahrung nichts über meine eigene, noch bevorstehende, aussagt. Über Fragen nach Himmel, Paradies, Hölle oder Fegefeuer brauchen Sie sich nicht zu äußern. Es ist genug, dass Sie selbst so oft von Zweifeln geplagt waren. Wer weiß, was Ihre Antwort bei Ihren Ordensschwestern auslösen würde, egal wie sie ausfiele. Es scheint mir wertvoll, dass beim Glauben auch immer der Zweifel seinen Platz und seine Berechtigung behält. Dass Sie dieses Zweifeln ebenfalls erlebt und zumindest gegenüber Ihren Vertrauten eingestanden haben, hat Sie mir ein gutes Stück sympathischer gemacht. Ich wünsche Ihnen, dass Sie mit Ihrem Glauben recht hatten, dass nach dem Tod hier der Tod an sich zu Ende ist. Und dass Sie in dieser anderen Welt, falls Sie sich dort noch aufhalten, den einen oder anderen Sonnenuntergang genießen können, ohne sich darum Gedanken machen zu müssen, wer in der nächsten Nacht wohl seinen letzten Atemzug macht. Namaste, Ihr Werner Winkler P.S. Nochmal zum "Begrüßungskommittee" beim Sterben: Ich stelle mir manchmal vor, dass dort, wohin ein Sterbender geht, die Zeit keine Rolle mehr spielt. Das hieße dann wohl, dass ich selbst, obwohl derzeit noch am Leben, womöglich "dort" bereits vorhanden bin und so selbst irgendwo in der langen Reihe stehe und ein paar Ihrer Lieblingsblumen auf den Weg werfe, den Sie so langsam und würdig wie immer, gehen, sichtlich erstaunt diesmal und nicht vom Mitleid gezeichnet. Wir werden sehen. Vielleicht mögen Sie ja auch kommen, wenn ich einmal ankomme? Ich glaube fast, Sie werden da sein - und schmunzeln.
Liebe Jing Min, du existierst bisher nur in meiner Vorstellung und bist auch noch nicht als das kleine chinesische Mädchen irgenwo auf dem Land geboren, wenn ich dir schreibe. Damit du weißt, dass dieser Brief an dich gerichtet ist, stelle ich dich dir selbst vor, so ungewöhnlich das auch klingen mag: Das Wichtigste ist, dass du das erste Kind ist, ab dessen Geburt die Anzahl der Menschen auf der Welt nicht mehr steigt, sondern sinkt. Die UNO wird dein Bild als Beweis für die Wirksamkeit einer Kampagne um die Welt schicken, mit der eine der Hauptursachen vieler Probleme in unserer Welt gemildert werden soll: Die starke Zunahme der Bevölkerung in Ländern, in denen schon zu viele Menschen versuchen, ein menschenwürdiges Leben zu führen. Und da die Verantwortlichen in deinem Land schon vor vielen Jahren damit begonnen haben, dieses Problem ernst zu nehmen und Lösungsversuche zu starten, wurdest du auch ausgewählt, als Exempel für den möglichen Erfolg anderen Mut zu machen. Sicher wirst du einmal nachlesen können, dass es nicht so einfach war, für etwas Begeisterung zu schaffen, das entgegen eine der menschlichsten Regungen zu gehen schien, die wir kennen: Den Wunsch, uns fortzupflanzen! Lange konnte sich auch niemand vorstellen, dass genau dieser Wunsch und seine überaus erfolgreiche Umsetzung irgendwann an eine Grenze stoßen würde, ab der aus einem Segen ein Fluch würde. Und doch wurde es, für immer mehr Menschen, immer offensichtlicher - spätestens, nachdem die 7-Milliarden-Grenze an menschlichen Bewohnern der Erde überschritten war. Dies nutzte der amerikanische Präsident glücklicherweise zu einer Initiative, deren Wirksamkeit du wie kein anderes Kind verkörperst. Er sprach das Problem offen an, bat um Unterstützung, bot den Nationen, die sich für eine 1-Kind-Politik nach chinesischem Vorbild und ähnlichen Modellen entschieden an, Ihnen großzügig Schulden zu erlassen, beim Aufbau von Schulen, Straßen und Stromversorgungssystemen zu helfen, Brunnen zu graben und die eigene Armee zu ihrer Verteidigung einzusetzen, um deren Verteidigungshaushalte zu entlasten und das gesparte Geld und die frei werdenden Ressourcen an menschlicher Kraft sinnvoller einsetzen zu können. Andere Regierungen schlossen sich ihm an und entwickelten eigene Ideen, das Problem zu lösen. Länder wie Russland, Kanada und Australien, die über dünnbesiedelte Flächen verfügen, boten Auswanderern aus überbevölkerten Regionen an, sich eine neue Heimat aufzubauen. In China selbst wurden Familien ermutigt, sich freiwillig zu Großfamilien zusammen zu schließen, um so gemeinsam und zum Vorteil aller Kinder den vorhandenen Raum und die vorhandenen Mittel einzusetzen. Die Liste derer, die sich freiwillig sterilisieren ließen und dafür einen Steuervorteil erhielten, wuchs und wuchs, selbst in Regionen wie Kairo, die zuvor enorme Geburtenraten hatten. Auch der Umbau der Versorgungssysteme für ältere Menschen dauerte seine Zeit, wurde aber durch ein weltweites, neues Steuer- und Versicherungssystem vorangebracht. Niemand musste mehr um sein Wohlergehen im Alter fürchten, nur weil er keine Kinder oder nur eines davon hatte. Als die Marke schließlich auf über 7,5 Millarden Menschen geklettert war, stagnierte endlich die Kurve. Und deine Geburt, Min, wurde als der Wendepunkt gefeiert, als der sich dieser Tag im Nachhinein auch zeigte. Wenn du einmal selbst in einem Alter sein wirst, in dem du daran denkst, ein Kind zu bekommen, wird es für dich und deinen Mann selbstverständlich sein, dass dies euer einziges ist und dass ihr es mit einer Gruppe anderer Eltern und deren Kindern großziehen werdet. Du wirst das, was dir deine Eltern und Großeltern an Besitz, Zeit und Wissen schenken, mit keinen Geschwistern teilen müssen. Ebenso wird es denjenigen gehen, die mit dir als "Wahl-Geschwister" aufwachsen. Euer Wohlstand wird so wachsen und irgendwann werden die Kinder eurer Kinder wieder so viel Platz und Ressourcen um euch haben, dass man sie auffordern kann, wieder zwei oder drei Kinder zu bekommen. Das klingt fast zu einfach, um wahr zu werden, aber ebenso wie häufig die einfachsten Lösungen die größten Probleme in die Knie zwingen werden häufig Wunder wahr, wenn genügend Menschen sie erwarten. In der Hoffnung, dass ich dich, den Anfang des Wunders, eines dann wirklich guten Tages kennenlernen werde, grüßt dich in vielleicht nicht allzu ferne Zukunft, Werner Winkler
Lieber Bob Dylan, da ich Sie in mehrfacher Hinsicht schon lange bewundere, möchte ich die Gelegenheit nutzen, Ihnen dies auch zu schreiben. Zum Einen ist da natürlich Ihre unglaubliche Stimme, genauer gesagt, dass ich glaube, darin auch die Leidenschaft, Trauer, Hoffnung oder Verzweiflung mit zu hören, die Sie dazu bringt, Ihre Lieder zu schreiben und vorzutragen. Zum Anderen singen Sie, obwohl Sie nach Meinung der Experten nicht "schön" singen können. Das ermutigt mich zumindest dazu, ab und zu für mich ganz alleine zu singen und dabei an Sie zu denken. Da ich einige Jahre nach Ihnen auf die Welt kam, hörte ich zum ersten Mal bewusst von Ihnen, als Sie gerade in Ihrer "christlichen Phase" waren. Mit meinen Freunden der kirchlichen Jugendgruppe hörten wir, wie Sie vom "Slow train coming" sangen oder summten bei "God gave names to all the animals" mit. Sie machten uns das Glauben leichter - denn wenn selbst ein so prominenter Sänger wie Sie glauben konnte, müssten wir Normalsterblichen das doch auch irgendwie hinbekommen. Dann, später, haben Sie Ihre Zweifel ernst genommen und wieder fühlte ich mich verstanden, weil ich auch irgendwann an einer ganzen Menge von dem zweifelte, was rund um das, was Glauben genannt wurde, so geglaubt werden sollte. Heute frage ich mich und so auch Sie: Was ist von dem allem übrig geblieben? Vielleicht geht es Ihnen wie mir und manchen anderen aus dieser Zeit, die ich nach und nach wieder treffe: Nachdem das meiste von dem, das scheinbar untrennbar zum Glauben gehörte, sich nach und nach verflüchtigte oder als unnötig herausstellte, blieb etwas wie ein fester Kern zurück, kaum mit Worten zu fassen. Vielleicht eine Art Urglaube, wie ihn der alte Abraham noch hatte und der neugierig macht: Nicht nur auf neue Länder, in die es auszuziehen gilt sondern auch auf die Menschen, die dort leben und auf deren Art zu glauben, zu zweifeln oder nicht zu glauben. Auf Verwandtschaft im einen oder anderen Sinne eben, rollende Steine, beweglich aber doch fest, weil nichts mehr übrig ist, das beim Rollen sich noch abschleifen könnte. Diamanten vielleicht, wenn auch ungeschliffen und nicht für Jedermann als wertvoll zu erkennen, sich auch dann nicht verändernd, wenn die Zeiten sich ändern, wie so oft? In der Hoffnung dass es mehr Menschen Ihres Kalibers gibt, als man auf den ersten Blick sieht, grüßt Sie, leise summend, Ihr heimlicher Fan, Werner Winkler
Liebe Unbekannte, obwohl ich nichts von dir weiß, als dass du am 6. August 1945 in Hiroshima gestorben bist und nie lesen lerntest, möchte ich dir dennoch einige Zeilen schreiben und auf dein Grab legen, das es nicht einmal gibt. Du hast noch nicht einmal deinen ersten Geburtstag erlebt, als dein Leben in einem kurzen Augenblick auch schon wieder zu Ende ging. Dabei warst du völlig gesund, deine Eltern und Großeltern liebten dich. Du solltest einmal mit deinen Geschwistern das kleine Restaurant übernehmen, das schon von deinem Urgroßvater gegründet worden war. Deine Wiege stand in der überhitzten Küche, als das leise Brummen hochfliegender Bomber zu hören war und einige Angestellte unsicher die Köpfe hoben, es plötzlich donnerte, das Haus bebte und kurz darauf in einem einzigen, heißen Augenblick du selbst mitsamt allen Menschen im Haus und dem Haus selbst zu Staub verbrannt waren. Du bist unschuldig gestorben, soviel ist klar. Es ging nicht um dich. Keiner dachte genau an dich. Im Augenblick deines Todes warst du einfach ein Teil deines Volkes, eine Japanerin, ein japanisches Kind. Alle Rechtfertigungen derer, die diese Bombe gebaut, zu werfen befohlen und schließlich nach Hiroshima, deine Heimatstadt, geflogen hatten, wirst du nicht unterschreiben. Das erklärte Ziel, den Krieg zu beenden, den Menschen deines Landes gegen andere führten, wäre vermutlich auch erreicht worden, wenn die Bombe nicht über deiner Stadt, sondern über dem Meer in Sichtweite des Kriegsministers und Kaisers gezündet worden wäre. Auch sie dachten wohl nicht an dich. Oder man hätte eine solche Bombe weit draußen über einem Militärposten zünden können und nicht über dem Haus, das einmal dein Zuhause werden sollte. Vielleicht hat dein früher Tod und der aller anderen, die mit dir und zwei Tage später in Nagasaki ums Leben kamen, wenigstens eines bewirkt: Dass sich seitdem - bis heute jedenfalls und hoffentlich für alle Zeit, in der es noch solche Waffen gibt - niemand mehr getraut hat, erneut eine solche "Erfindung" über Kindern wie dir zu zünden, auch nicht mit der an sich lobenswerten Absicht, einen Krieg zu beenden, so schrecklich er auch sein möge. In der Hoffnung, dass diejenigen, die an die Möglichkeit einer Wiedergeburt glauben, nicht umsonst glauben und du inzwischen irgendwo in Japan Eltern mit deinem Dasein dazu bringst, sich über deine Wiege zu beugen und zu lächeln, grüßt dich dein Werner Winkler
Lieber Wolfgang Amadeus Mozart, ist es nicht erstaunlich, dass die Welt so viele Jahre gebraucht hat, einen wie dich hervorzubringen? Wobei ja, wenn Saint-Exupéry recht hat, jeden Tag ein Kind deines Potentials ermordet wird (oder verhungert, müsste man heutzutage anfügen und nicht nur an Brot sondern auch an Nahrung des Geistes denken). Du hattest das Glück, von deinen Eltern und deiner Familie nicht "ermordet" zu werden, sondern gefördert - wenn auch einseitig aus moderner Sichtweise. Vielleicht hast du das ja auch irgendwann erkannt und dich trotzdem mit allem, was du noch hättest sein und werden können deinem Genius geopfert, deiner Zeit und denen nach dir zuliebe. Du bist unübertroffen geblieben. Bis heute sagt niemand über einen anderen "wie der Mozart, nur schöner" oder "wenn Mozart noch eine Weile gelebt hätte, hätte er dieses Stück auch schreiben können". Das lässt sich nicht über viele sagen. Über dich schon, ohne Einschränkung. Beneidenswert oder vorbildlich, wie man will. Andererseits, als ich durch dein Geburtshaus in Salzburg ging, zwischen den Besuchern aus der ganzen Welt und hinter Glas deine Haare sah, fühlte ich eine sonderbare Leere. Das Haus war nicht dein Zuhause, so habe ich dieses Gefühl für mich übersetzt. Aber als ich dann im Innenhof stehend den klaren Winterhimmel sah und mir vorstellte, wie du dort in der Nacht die Sterne bestaunt haben magst - wie kam ich nur auf die Idee, irgend ein Haus, noch so groß oder schön, könne jemand wie dir jemals Heimat sein. Schon eher die Sterne. Oder ein Mensch. Hast du einen solchen getroffen, Wolfgang? Ich hoffe, wenigstens für einen Augenblick war es dir vergönnt. Vielleicht hat ja doch hin und wieder jemand nicht den Komponisten oder Musiker in dir gesehen, den Star, den Berühmten, Weitgereisten und Vielgelobten. Einfach den Menschen Wolfgang Amadeus, den freundlichen, lustigen, traurigen, gefühlsstarken, den Kindskopf und Verseschmied, den Liebhaber des Liebenswerten. Den Wolfgang, den du öfter als dir lieb war in Salzburg oder in deiner Kutsche zurücklassen musstest, wenn es zum Vorspielen ging. Ich ahne: Du hättest oft und mit der Zeit immer öfter lieber nur gespielt, nicht vorgespielt. Hättest lieber jemandes Freundlichkeiten heimgezahlt als deine Schulden. Wärst lieber 73 geworden als nur 37. Hättest lieber eine Frau ganz lange als viele ganz heftig geliebt. Was ich dir auf jeden Fall noch sagen will: Danke für dein Requiem, es ist mir von deinen ganzen Kompositionen die liebste und manchmal wünsche ich mir, es möge das letzte sein, was ich hier auf Erden höre. Freundliche Grüße also, ohne alle Schnörkel wie zu deiner Zeit üblich, dein Bewunderer Werner Winkler
Lieber Henry David Thoreau, vor über 20 Jahren hat mir eine Freundin Ihr Buch "Walden - Leben in der Wildnis" geschenkt und gemeint, das sei ihr Wertvollstes und wenn ich sie möge, werde ich auch dieses Buch mögen. Sie hatte recht. Zunächst waren es nur ein paar Zeilen, die mir unschätzbar wurden, dann ganze Passagen und schließlich, im Laufe der Zeit, Ihre gesamte Haltung, die darin zum Ausdruck kommt. Mir hat die Mischung zwischen handfester Problemlösung, romantisch-kindlichem Blick auf Ihre Welt und das trockene Berechnen Ihrer Einnahmen und Ausgaben gefallen. Das Leben als Mischung verschiedenster Gegensätze wird ein Kunstwerk. So ungefähr verstehe ich Ihr Experiment. Wo würden Sie heute wohl Ihre kleine Hütte bauen, um die Stimmen des Waldes zu hören? Und wo würde man Sie damit dulden? Die Welt von Heute ist so voll, lieber Thoreau, nicht nur von Menschen, sondern auch von Überfluss, Hunger, Zerstörung und Verzweiflung - auch ein Mischung, aber keine, die ein Kunstwerk ergibt. Ich weiß nicht, warum deine Stimme nicht gehört wurde. Sie ist so klar. Zumindest nicht von denen, die sich die Welt als Acker ausgesucht haben, auf dem sie ihre Träume ausleben. Es sind andere Träume als die deinen, das ist sicher. Es sind Träume die du ebenso leidenschaftlich hassen und anklagen würdest wie alles, was zu deiner Zeit vom wahren Leben ablenkt. Träume, die keine Rücksicht auf andere nehmen, weder Menschen, Tiere oder Pflanzen - nicht einmal vor dem Ackerboden und den Steinen zeigen sie Respekt. Die Tage dieser Träumer sind voller Anstrengungen und Gier, ihre Nächte durchdrungen von Ängsten und Zahlen. Wozu noch die Sterne schauen, wenn sie keinen Profit abwerfen? Und doch habe ich Hoffnung, wie du sie auch hattest. Denn noch werden deine Bücher gedruckt und gelesen, in mehr Sprachen als du vermutlich je gehört hast. Dein Name wird von denen, die dich kennen mit Achtung ausgesprochen. Du bist ein Maßstab geworden und für manche gar ein Ziel, wenn auch ein schwer erreichbares. Aber so wie jedes Scheit Holz einen kalten Raum ein wenig erwärmt, wenn es verbrennt, so wärmt jeder Blick, mit dem man dem deinen folgt. Nicht vorwärts in fantastische Zeiten voller Fortschritte zeigt er - du schaust dorthin, wo etwas Bleibendes wächst oder ruht, ein See, ein Baum, ein Mensch der sich Zeit nimmt. Schmal war der Weg zu deiner Hütte am See und dein Besuch war selten. Wenige sind deinem Beispiel gefolgt doch vielen hast du einen Spiegel vorgehalten, hinter dem sie sich nicht verstecken konnten, der sie vielleicht arm hat aussehen lassen im ersten Moment. Wenn eines Tages tuberosus americana, die Präriekartoffel, wieder gesucht und geschätzt wird, hast du prophezeit, dann wird wieder Hoffnung keimen für das Menschengeschlecht. Noch ist es nicht soweit aber ich ahne, hoffe, befürchte - es könnte bald, endlich, doch wieder soweit sein. Dann wird man dich vergessen, deine Bücher, deine Hütte, deinen See, deinen Namen. Aber wenn Kinder auf weiten Wiesen wieder die Präriekartoffel finden und sie nach Hause tragen, wird dein Traum doch noch in Erfüllung gehen und die heute regierenden Träume wie von selbst besiegt haben. Von Herzen grüßt dich Werner Winkler
Lieber Karl Barth, nicht all zu viele Menschen kennen Sie oder Ihr Werk. Und auch ich wusste nichts von Ihnen, geschweige denn hatte ich etwas gelesen, das Sie zu Papier gebracht haben - bis ich als 18-Jähriger, an meinem christlichen Glauben Zweifelnder, eine Kritik über eine Ihrer Thesen las. Die machte mich neugierig, denn These und Kritik gleichermaßen waren in meinen Augen damals ungeheuerlich. Heute würde ich vermutlich sagen, Sie und der Kritiker haben sich geirrt, aber das tut nichts zur Sache und schmälert nicht meine Wertschätzung für Sie. Ich weiß nur, dass Sie mit Ihrem Denken und Ihrem Werk, auch wenn ich nur wenig davon gelesen habe, zu einem ganz speziellen Zeitpunkt meines Lebens vielleicht der Einzige waren, von dem ich mich verstanden fühlte. Ich war nicht alleine. Sie waren ja da, wenn auch schon gestorben. Das war eine wertvolle Erfahrung, für die ich mich aufs Herzlichste bedanken möchte. Ihr Werner Winkler P.S. Ich habe so ziemlich alles vergessen, was ich von Ihnen gelesen habe, nicht aber, dass Sie jeden Morgen ein Stück Mozart gehört haben. Das nicht. Es wird Sie nicht kränken.
Lieber Dietrich Bonhoeffer, du bist mir von dem Augenblick an wichtig geworden, als ich als kleiner Junge mit vielen anderen einen Spaten feuchter Erde für das Fundament eines Gebäudes aushob, das einmal "Dietrich-Bonhoeffer-Haus" heißen sollte. Du müsstest ein Heiliger sein, dachte ich mir, denn nur nach Heiligen werden heilige Stätten wie eine Kirche benannt. Erst viele Jahre später sah ich mehr von dir als dein Gesicht und das eine, immer wieder zitierte Gedicht "Von guten Mächten wunderbar geborgen". Ich wusste nicht, dass du es im Gefängnis der Nationalsozialisten unter Todesahnung geschrieben hattest. Ja, ich wusste nicht einmal, was Nationalsozialisten sind oder waren. Nur dass dein Gesicht auf dem Foto, das von dir in der Kirche hing, eine ganz besondere Freundlichkeit und Ruhe ausstrahlte, das wusste ich. So schauten nicht viele. Als ich 17 und 18 war, las ich alles, was mir von dir an Büchern greifbar war, manches mehrmals und immer wieder. Auch deine Briefe aus dem Gefängnis, die mich nicht nur einmal zum Weinen brachten. Ich wusste ja im Gegensatz zu dir, wie dein Leben enden würde, dass viele deiner Hoffnungen sich nicht erfüllten, du keinen derer wiedersehen würdest, an die du deine Briefe gerichtet hast. Nie war ich auch nur eine Spur in Gefahr, die Gedanken Hitlers und seiner Leute mit zu denken - auch dazu hat deine Geschichte mir verholfen. Und dazu, nicht alles als selbstverständlich zu nehmen, was Erwachsene glauben, auch wenn sie viele Jahre älter und reifer sind als man selbst. Deine Fragen und Ideen waren frech und heiter und klar. Dein Glaube gleichzeitig mit Diesseits und Jenseits im Reinen, trotz aller Widrigkeiten und dem großen Rest an Unwissen um das, was du "die letzten Dinge" genannt hast. Mit dir hätte gerne Briefe getauscht, möglichst nicht aus dem Gefängnis. Du warst mir wie ein Bruder, was ich selten wieder empfunden habe. Wenn dein Glaube etwas Wahres beschrieb, werden wir uns irgendwann einmal treffen &endash; das würde mich freuen. Bis dahin, dein Werner
Lieber Steve de Shazer, du warst ein Meister des Minimalen, daher nur ein kurzer Brief. Du hast für mich und wie ich weiß auch für viele andere, einen Unterschied hervorgebracht - auch wenn es einfach, fast lächerlich klingt, habe ich durch dich den Unterschied zwischen "Problem" und "Lösung" gelernt. Und ich weiß seit der Begegnung mit dir, warum es wichtig ist, nach Ausnahmen von der Regel zu suchen. Dass du so früh gestorben bist, hat mich ungemein erschüttert und betroffen gemacht. Gerne hätte ich noch einmal mit dir in Heidelberg bei einem Glas deutschen Bier und italienischer Nudeln über deine neuesten Entdeckungen gesprochen. Auch wenn es noch einmal nur die "Pausen" gewesen wären, die du für deine Gespräche als besonders wertvoll erkannt hast. Vielleicht hätte ich es dann auch doch noch geschafft, dich von der Wichtigkeit eines starken Immunsystems zu überzeugen und du hättest deine Lungenentzündung überlebt. Aber so hast du mich noch durch deinen Tod etwas gelehrt: Dass auch die schlauesten und weisesten Menschen eine Schwachstelle haben, etwas Wichtiges übersehen können - und sie deshalb nicht weniger sympathisch sein müssen. Deine Forschung wird fortgesetzt, deine Bücher gelesen, deine Erkenntnisse beeinflussen die Arbeitsweise und das Leben vieler Menschen überall auf der Welt. Das kann man kaum "tot" nennen, oder? Froh, dir endlich einmal in meiner Muttersprache schreiben zu können, grüßt dich dein Werner Winkler
Lieber Richard von Weizsäcker, seit Sie nicht mehr als Bundespräsident im Mittelpunkt der deutschen und internationalen Öffentlichkeit stehen, denken sicher wenige an Sie. Mir sind Sie jedoch aus zweierlei Gründen ständig präsent: zum einen steht hier in der Nähe ein Brunnen, an dem ich regelmäßig vorbeigehe. Die Knabenfigur auf dem Brunnen, so enthüllt ein kleines Schild, stelle Sie dar, weil Sie vor sehr vielen Jahren dem Bildhauer Modell gestanden hätten. Die Öffentlichkeit war also wohl von Anfang Ihres Lebens an "Ihre Sache", so scheint es. Zum anderen sind Sie mir jedoch in bleibender Erinnerung mit einer Rede, die Sie 1985 vor dem deutschen Bundestag gehalten haben. Ich war damals gerade 21 Jahre alt und begann damit, meine Haltungen und Meinungen zu verschiedenen historischen Ereignissen zu überdenken, um eine fundierte Meinung fassen zu können. Was Sie damals über das sogenannte 3. Reich und den Nationalsozialismus sagten, hob sich durch eine damals seltene Klarheit und Deutlichkeit von vielem ab, was andere politisch Aktive oder Zeitgenossen von Ihnen im Allgemeinen äußerten. Ihr deutliches "Nie wieder" und Ihre Absage an stärker werdende Tendenzen, einfach zur Tagesordnung überzugehen und die Vergangenheit "ruhen" zu lassen, wirkten auf mich wie ein hoher Turm, der von weither für Orientierung sorgt. Und ich merkte, dass ich mit meinen Einschätzungen, so undifferenziert sie auch damals noch sein mochten, nicht alleine war und fühlte mich so von Ihnen als Bundespräsident gut vertreten - im Gegensatz zu anderen führenden Politikern Ihrer Partei zu jener Zeit. Vielleicht haben Sie mit dieser Rede, die Ihnen nicht nur Lob einbrachte, mehr für die Demokratie in Deutschland getan als Sie vorhatten. Noch Jahre später konnte und kann niemand hinter diese Rede zurück ohne sich den Vorwurf gefallen lassen zu müssen, er sei geschichtsblind. Ihr klarer Blick auf die Vergangenheit machte es möglich, die Zukunft ins Auge zu fassen und in der Gegenwart die dafür notwendigen Schritte zu unternehmen. Ich weiß, dass viele meiner Altersgenossen ohne solche Reden und die dadurch ausgelösten Debatten keinen Anlass gesehen hätten, sich mit diesem Teil unseres nationalen Erbes ernsthaft auseinanderzusetzen. Ihr Aufruf "Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Hass gegen andere Menschen, gegen Russen oder Amerikaner, gegen Juden oder Türken, gegen Alternative und Konservative, gegen Schwarz und Weiß. Lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander." ist mir hängengeblieben. Als ich ein paar Jahre später in einer Lichterkette gegen Fremdenfeindlichkeit in Stuttgart stand und sah, wie viele diese Haltung teilten, spätestens da war mir klar, dass es eine Chance gibt, aus der Vergangenheit zu lernen und sich von ihr betreffen zu lassen, selbst wenn man selbst nicht für sie verantwortlich ist. Herzlichen Gruß, Ihr Werner Winkler
Lieber Said Baba, meine Freunde werden gerne bestätigen, dass ich kein Mensch bin, der zu indischen Gurus ein besonders enges Verhältnis hat. Auch war ich noch nie in Ihrem Heimatland. Dass gerade Sie mir unter den vielen Gurus und Heiligen Ihres Landes aufgefallen sind, hat auch mit einem Traum zu tun. Darin sah ich mich selbst auf einer großen Veranstaltung in einer langen Reihe sitzen, neben mir drei freie Plätze. Da kamen Sie selbst, Jesus und Baghwan, der sich später Osho nannte, diese Reihe entlang, um sich neben mich zu setzen. Ich war schon sehr erstaunt, drei so hochverehrte Persönlichkeiten in meiner direkten Nähe zu wissen, doch nicht genug. Kaum hatten Sie drei sich gesetzt, standen Sie alle wieder auf, nahmen sich bei den Händen und wurden mit einem Lächeln auf dem Gesicht zu einer einzigen Person. Hin und wieder ist man noch in einem Traum von demselben erstaunt - dies war einer davon. Was immer genau dieser Traum bedeuten sollte, geblieben ist mir Ihr spezielles Lächeln, das ich später auf Fotos wieder erkannte. Als ob Sie etwas wüssten, dass Sie mit keinen Worten jemals würden ausdrücken können. Kein Wunder, dass Sie lieber Blumen regnen lassen. Blumen lassen sich nicht so leicht als Waffen nutzen wie Worte und kaum im Munde herumdrehen. Und sie sind international verständlich, ohne Übersetzung. Sie sind mir sympathisch, das wollte ich Ihnen mit diesem kurzen Brief mitteilen. Leben Sie wohl! Ihr Werner Winkler
Lieber Hölderlin, wenn man wie ich in Stuttgart geboren wird und hier aufwächst, wird man früher oder später deinem Namen begegnen. Vielleicht dann, wenn man auf einem Schulausflug durch Tübingen wandert und der Lehrer vor dem Turm am Neckar anhalten lässt, in dem du deine letzten Jahre verbracht hast. Und der Name "Hölderlin" wird sich für immer mit dem stillen Neckar verbinden, mit den alten Häusern, dem Schloss und den Studenten, von denen so mancher ohne es zu wissen womöglich deine Träume träumt. Ich hatte das Glück, nie ein Gedicht von dir lesen zu müssen. Es war freiwillig. Ich habe es mir damals von Hand abgeschrieben: "Göttliches Feuer auch treibet, bei Tag und bei Nacht. Aufzubrechen. So komm! Daß wir das Offene schauen, daß ein Eigenes wir suchen so weit es auch ist." Es fasste so vieles gleichzeitig in Worte, was ich empfand, und in so wenigen dazu. Wie lange hast du dafür gebraucht? Hast du "ein Eigenes" gefunden? Das würde ich dich gerne fragen - nicht im Turm, als du schon den Faden verloren hast, der dich bei deinen Aufbrüchen leiten sollte. Wobei es nicht schwer ist, bei deiner Kühnheit, deinem Idealismus, deiner Verweigerung fauler Kompromisse, dieses Schicksal zu erleiden. Zu dünn wird dann der Faden, dünner als der einer kleinen Spinne, gerade fest genug, sie zu halten über dem Neckar und unter der Brücke vor deinem Fenster. Zu dünn für den Dichter, auf den alle schauen. Weil sie hoffen, wer träumen kann, könne auch das Neue erschaffen, von dem die Träume erzählen. Deine Träume waren keine Steine für Häuser und Paläste. Es waren flache Kieselsteine für lange Sprünge über den Fluss. Zum Keimen erweicht am Zahn der Zeit. Gefallen in freundliche Erde hier und da. Noch nicht alle. Nur bei wenigen. Doch fruchtbar und grün wie damals, als du auf die feuchte Tinte geblasen hast, damit deine Freunde sie gleich lesen mögen. Es grüßt dich aus deiner Heimat, ein mit dir träumender Leser, Werner Winkler
Liebe Großmutter, wenn ich diese Zeilen schreibe bist du bereits 97 Jahre alt und immer noch gibt es Momente - wenn auch weniger werdend - in denen du mein Gesicht und meine Stimme erkennst. Ich habe dich zuerst in deinem Garten getroffen, noch ein kleiner Junge von zwei Jahren. Du hast dort Erdbeeren kultiviert, die es in den leipziger Läden zu dieser Zeit nicht zu kaufen gab und mir eine kleine Schaufel in die Hand gedrückt. Es hat mich womöglich gelehrt, dass man sich selbst etwas heranziehen kann, das nicht käuflich ist, wer weiß. Nicht jedes Kind hat das Glück wie ich, eine Großmutter zuhause und eine in der Ferne zu haben. Ich habe es damals genossen, ohne es schätzen zu können - was ich heute nachhole und mir bewusst mache. Du hast weite Wege auf dich genommen, deinen Sohn und deine Enkel zu sehen, hast eine unfreundliche Grenze wieder und wieder ertragen, dich nicht vom Grau der Zäune, Wachtürme und rostigen Eisenbahnwaggons einfärben lassen. Stets hast du gelacht, wenn du vor unserer Tür standst, vollgepackt bis zum Erlaubten. Du hast unseren Kinderlärm gemocht, unsere Inanspruchnahme der seltenen Oma, die Bürsten in deinem Bett und die Scherze, mit denen wir nur eines wollten: Dich wieder und wieder lachen hören. Du lachtest so frei, fällt mir im Nachhinein auf. Zuhause hast du vermutlich zu oft die Zähne zusammen gebissen und dir dein Lachen über die Zustände aufgehoben. Hast mit liebevoll verschnürten Paketen, mit schweren Weihnachtsstollen, mit fein gehäkelten Taschentüchern und wärmenden Wollsocken gegen die Grenze in unserem Land angeliebt, wie so so viele in dieser Zeit. Hast der Freiheit die Treue gehalten, auch wenn du nie in deinem Leben die Reise bis zu den Schweizer Alpen geschafft hast, nur geträumt hast du sie, was vielleicht die bessere Reise war, ohne Stau und Lärm und Plakate gegen Fremde. Ich wünsche dir, dass wenn du einmal diese Welt verlässt, du noch einen langen Bogen über diese Berge ziehen darfst, auf dem Rücken eines freundlichen Vogels, hoch genug, die Menschen nur als kleine Punkte zu sehen. Aus der Höhe wirst du sie wiedererkennen, die grauen Berge aus deinen Träumen, auch das Weiß des Schnees zwischen den Grüntönen und dem Blau der Seen. Und keine Grenzen. Versprochen. Dein Enkel Werner
Lieber Seneca, vielleicht freut es Sie, nach so langer Zeit immer noch bekannt zu sein und sogar Post zu erhalten. Als Autor kann man ja nicht umhin, aus den Kontaktaufnahmen der Leser auf das eigene Werk zu schließen, selbst wenn man sich Mühe gibt, über solchen Anfechtungen zu stehen. Dabei hatten Sie natürlich das Glück, in einer Sprache zu veröffentlichen, die schon zu ihrer Zeit weit verbreitet war und sich bis heute in einer Weise in Benutzung gehalten hat wie es nur wenigen Sprachen vergönnt ist. Aber noch etwas, scheint mir, hat Ihr Werk bis in die heutige Zeit lesenswert frisch gehalten: Sie haben sich über viele Themen Gedanken gemacht, die zeitlos sind: Das Glück, die Zufriedenheit oder die Haltung gegenüber den Ansprüchen der eigenen Zeit zum Beispiel. Dabei fallen Ihre Antworten ebenfalls weitgehend zeitlos aus, was den Schluss zulässt, dass Sie sich bis zu einer Tiefe vorgearbeitet haben, ab der die Moden der Zeit und die wechselnden Erkenntnisse weiser Menschen keine Rolle mehr spielen. Dieser Fels als Grundlage für ein Fundament hat zumindest die letzten 2000 Jahre so gut wie unbeschadet überstanden und das hoch aufragende Gebäude Ihrer Gedanken steht im Gegensatz zu vielem anderen aus Ihrem Jahrhundert einladend und wohnlich da wie eh und je. Mich persönlich hat vor allem Ihr Begriff der "Natur" immer wieder angeregt und als Vergleichsmaßstab gedient. Kurz gefasst habe ich mir diesen Grundgedanken so gemerkt: Unendlich viel verlangt die jeweilige Zeit, unendlich wenig die Natur selbst. Um wieviel leichter lässt es sich leben, hat man diese Unterscheidung erst einmal für beachtenswert angenommen. Zwar kann auch eine Kultur uns Menschen zum Nutzen und Gewinn sein - Sinn und Halt jedoch können nur am Bleibenden, Grundlegenden und also in dem gefunden werden, was vor uns war und nach uns sein wird. Ohne diesen größeren Zusammenhang und ohne die Ruhe dieser weiten Landschaft für unseren Geist werden wir wie zwangsläufig zu kurzatmigen Geschöpfen die von jeder etwas stärkeren Luftbewegung dahin oder dorthin gedrängt werden. So habe ich Sie zumindest verstanden und als die Essenz dessen verinnerlich, was Sie in immer neuen Anläufen und auf immer neue Anlässe bezogen zu Papyrus gebracht haben. Wenn Sie sehen könnten, wie einfach für Autoren meiner Zeit das Verfassen, Korrigieren und Publizieren von Texten ist ... und wie wenige noch ordentlich von Hand schreiben können - Sie würden staunen. In dankbarer Hochachtung vor Ihrem Werk grüßt Sie Werner Winkler
Lieber Moses, ich muss Ihnen gerade heute schreiben und Sie bitten, falls Sie dazu irgend eine Gelegenheit sehen, noch einmal in Ihr geliebtes Israel, Ihr gelobtes Land, zu kommen und Ihren Einfluss geltend zu machen. Ihr Volk ist zwar nach vielen Hundert Jahren vor knapp 60 Jahren dorthin zurückgekehrt, wohin Sie es unter großen Entbehrungen und gegen viele Widerstände einst gebracht haben. Doch dafür mussten andere Menschen ihre Heimat aufgeben. Heimat gegen Heimat. Leben gegen Tod. Wie kann darauf ein Staat gebaut werden? Dabei ist auch mein eigenes Volk in die Angelegenheit verwickelt, denn bevor sich Ihre Schwestern und Brüder entschlossen, in dieses staubige Land zu fliehen waren viele von ihnen gerade mit knapper Not einer Vernichtungsmaschine entkommen, die seinesgleichen sucht. Mehr Tote blieben zurück als Lebende ankamen. Die Zahl ist zu schrecklich, als dass ich Ihnen damit den Schlaf rauben will. Aber ich will Sie bitten, auf irgend einem Weg soviel Weisheit oder Mut oder beides unter Ihr Volk zu bringen, dass es den Weg findet, in Frieden unter vielen Feinden zu leben. Und nicht in jedem Nicht-Juden einen Feind zu sehen und ihn gerade dadurch zu einem zu machen. Wir und viele andere Nationen haben aus den Juden Menschen gemacht, die sich vor Feinden fürchten gelernt haben. Und die jetzt nie mehr die Opfer sein wollen, hilflos zu Tausenden aus den Häusern und Städten transportiert, ermordet und verbrannt. Durch Sie und Ihr Volk ist so viel Gutes in die Welt gekommen, ganze Zivilisationen haben durch die Gesetze, die Sie auf dem Sinai Ihrem Volk brachten, menschlichere Züge angenommen. Und nun das: Das Volk aus dessen Mitte so viel Kultur und Fortschritt, soviel Glaube und Poesie in die Welt kam verschüchtert, verängstigt und blind vor Misstrauen; vom erwählten zum gequälten Volk, zum sich selbst quälenden Volk. Moses, wenn Sie diese Zeilen lesen, geben Sie sich einen Ruck und sprechen Sie noch einmal ein Machtwort. Werfen Sie noch einmal das Goldene Kalb der Vorurteile um, das alle um den Verstand bringt. Wenn sie auf Sie nicht hören, auf wen sonst? Sie hätten den Frieden verdient, endlich. Wie alle, die auf dem "gelobten" Land leben, in dem Sie einst Milch und Honig aus der Ferne fließen sahen. Etwas verzweifelt grüßt Sie Werner Winkler
Lieber Sigmund Freud, Sie wurden wie ich an einem 6. Mai geboren, was mir irgendwann zufällig auffiel und freute. Als ich mich dann viel mit der Zahl Drei, der Psychographie, meinen 81 Typen und dem allem beschäftigte, sah ich, dass unsere Geburtstage genau 108 Jahre auseinanderliegen - rein mathematisch sind das 81+3x3x3 Jahre. Ein netter Spaß des Zufalls. Was mich an Ihnen mehr begeisterte war und ist Ihr Mut, sich einem Thema so zu widmen, dass wirkliches Neuland betreten wurde. Sie haben viele andere Forscher und Neugierige inspiriert, auch das macht Sie zu etwas Besonderem. Dass Sie einer gewissen dogmatischen Einengung erlagen fällt bei diesen Leistungen nicht mehr ins Gewicht - mir scheint, Ihnen fehlten einfach zwei oder drei ebenbürtige Freunde ohne eigene fachliche Ambitionen. Ich wäre gerne ein solcher Freund gewesen und sicher hätten wir manchen fruchtbaren Streit miteinander gehabt. Zum Beispiel hätte ich Sie sehr dringend gemahnt, Ihre Idee der Laienanalyse zu verfolgen. Die Vereinnahmung Ihrer Methode durch Professionelle hat nämlich inzwischen dazu geführt, dass es sich kaum noch jemand leisten kann, so etwas zu machen. Hätten stattdessen Ihre Patienten selbst gelernt, Analysen durchzuführen, nachdem Sie analysiert wurden, hätte sich ein Geben-und-Nehmen-System etablieren können. So ist es zu einer honorarpflichtigen Dienstleistung geworden, die Ausbildungsinstitute haben ein festes Einkommen, die Ausbildungsteilnehmer zittern, ob sie die Prüfung schaffen und dann in langen Jahren das Ausbildungsgeld wieder erwirtschaften. Wirklich schade - eine gute Sache in falschen Händen. Wenn wir Freunde gewesen wären, hätten Sie sich bei mir auf die Couch legen können und ich mich bei Ihnen, abwechselnd. Das wäre sicher spannend und heilsam gewesen. Aber noch ist ja nicht aller Tage Abend und ich werde Ihnen wieder schreiben, falls sich etwas zum Besseren gewendet hat in dieser Angelegenheit. Ihr Werner Winkler
Lieber Ernst Reimann, als Sie in der Berufsfachschule mein Lehrer für Schrift und Kalligrafie waren, standen Sie einmal hinter mir, schauten mir zu, wie ich versuchte, Ihre ordentlichen Buchstaben nachzuzeichnen. Nach einer Weile sagten Sie "Winkler, Sie müssen schreiben!", was ich als Kompliment auffasste. Mit diesen vier Worten haben Sie mich mehr motiviert als andere mit ihrem gesamten Unterricht. Das vergesse ich Ihnen auch nicht. Trotzdem frage ich mich immer wieder, ob nicht die Kunst der schönen Schrift in eine Sackgasse geraten ist. Während es in unserer Kultur völlig normal ist, sein Kind ein Instrument lernen zu lassen, käme kaum jemand auf die Idee, einen Kalligrafielehrer zu engagieren. Und obwohl ich über die Jahre durchaus ein wenig Geld mit meinen Fertigkeiten verdienen konnte, hat es doch nie gereicht, davon zu leben. Anderen Kalligrafen geht es hier ähnlich und auch Sie selbst mussten ja als Lehrer Ihren Unterhalt verdienen. Meinen Sie, es gibt einen Ausweg aus dieser Sackgasse? Oder ist vielleicht die Kunst gar nicht dazu da, Geld zu verdienen? Das scheint mir noch am wahrscheinlichsten, dass die Kunst sich hier selbst davor bewahrt, zum bloßen "Kunsthandwerk" oder gar zum "Handwerk" zu werden. Beides können inzwischen Maschinen und Computer besser und preiswerter. Nur finde ich es schade, dass kaum mehr jemand noch den Wert unserer Kunst erkennt. Außer den Kindern - sie stehen ganz vorne am Tisch, wenn ich einmal auf einer Ausstellung schreibe, und staunen. Das macht mir durchaus Hoffnung - auch dass das, was Sie uns gelehrt haben, nicht umsonst war, dass der Faden nicht reißt und das "schön schreiben können" irgendwann so geachtet wird wie das "schön singen können". Das würde ich Ihnen, mir und allen Kalligrafen sehr wünschen. Ihr dankbarer Werner Winkler
Lieber Linus Pauling, bestimmt bekommen Sie viel Post. Als weltbekannter Forscher, Entdecker und zweifacher Nobelpreisträger dürfte da sicher einiges zusammenkommen. Was ich Sie gerne fragen wollte: Haben Sie den Eindruck, Ihre Entdeckungen wurden verstanden und umgesetzt? Mir scheint: Sie wurden es viel zu wenig. Besser gesagt. Von wenigen zu extrem und von den allermeisten Ihrer und meiner Zeitgenossen überhaupt nicht. Zumindest haben Sie selbst davon profitiert, wenn ich richtig informiert bin; wobei Ihre Kritiker sagen, Sie seien eben zufällig so alt geworden und nicht, weil Sie auf Ihre Ernährung geachtet haben. Warum nur, frage ich mich, reagieren so viele gebildete Menschen fast allergisch, wenn man Ihnen sagt oder gar beweist, dass sie von bestimmten natürlichen Stoffen auf Gedeih und Verderb abhängig sind? Stößt das deren Ego vom Thron reiner Geistigkeit? Fast könnte man das glauben, denn gegen eine Nährstoffzugabe bei Schweinen, Kühen oder eine Düngung Ihres Rasens scheinen die gleichen "Fachleute" nichts einzuwenden haben. Selbst Ihren Autos und deren "Nährstoffversorgung" widmen sie sicher reichlich Zeit und Aufmerksamkeit. Und lächeln über Fußballspieler, die sich von Ärzten beraten lassen, welche Nährstoffe für sie in welcher Situation notwendig sind. Ich würde mich nicht wundern, würde eines Tages publik, dass sie selbst heimlich Nahrungsergänzungen verwenden. Dabei verstehen selbst kleine Kinder und wissenschaftlich Halbgebildetete wie ich, was Sie herausgefunden und Ihr Leben lang gepredigt haben: Ohne genügend Nährstoffe wird der Mensch krank, genau wie jedes andere Tier, das schlecht ernährt wird. Deshalb die verpflichtenden Zusätze in Babynahrung, Tierfutter oder Vogelsand (Jodzugabe für Kanarienvögel). Und dass ein Boden, in dem Nährstoffe für 100 gesunde Pflanzen stecken durch Schmalspurdünger für 1000 gesund aussehende Pflanzen aufgepäppelt wird, nicht dieselbe Qualität an Nahrung hervorbringt wie das Original, versteht auch jedes Kind. Ich habe lange über diese Blindheit nachgedacht und mich leidenschaftlich gewundert, woher diese Erkenntnisblockade stammen könnte. Es würde mich nicht wundern, wenn Sie von denselben Fragen geplagt wurden, Linus. Wissen Sie, was meine vorläufig beste Antwort ist: Es ist ein Selbstschutz der Natur gegen eine noch stärker zunehmende Vermehrung der Menschen. Denn noch mehr Nährstoffe in der Nahrung hieße doch: noch gesündere, langlebigere und fruchtbarere Menschen. Anders ausgedrückt: Die Ignoranz schützt unsere Welt. Denn eigentlich, ohne Kunstdünger, gäbe es gar nicht genügend Nahrung für alle Menschen, wenn ich mich nicht täusche. Für zehn Prozent von ihnen gäbe es natürlich hochwertige, naturbelassene oder mit natürlichen Exkrementen gedüngte Böden, auf denen dann auch nährstoffreiche Pflanzen wachsen würden. Als ich anfing, die Sache so zu sehen habe ich aufgehört, jedem, der es vielleicht gar nicht hören wollte, die Wichtigkeit von Nährstoffen zu erklären. Ich beschränke mich auf die zehn Prozent und fühle mich besser dabei. Auch wenn es für Idealisten wie Sie und mich vielleicht sarkastisch klingen mag. Aber es macht ja keinen Sinn, sich selbst krank zu reden und zu denken, um andere gesünder zu machen. Ich könnte mir denken, Sie haben das irgendwann auch so gesehen. Mit Hochachtung und Dankbarkeit für einen großen Teil meiner Gesundheit grüßt Sie Werner Winkler
Liebe Lucy, vermutlich geht dieser Brief unter allen hier am Weitesten in die Zeit zurück. Du bist ja auch die Älteste, geschichtlich gesehen, an die ich mich getraue, ein paar Zeilen zu richten. Ich nenne dich Lucy, wie dich diejenigen nannten, die deine Knochen fanden, während sie das berühmte Lied der Beatles hörten, in dem der Name auftauchte, den du fortan tragen solltest. Obwohl die Wissenschaftler sich nicht einig sind, ob du unsere "Urmutter" bist, spreche ich dich trotzdem einmal als solche an. Du hast natürlich zu deinen Lebzeiten nichts davon gewusst, dass du einmal von sechs Milliarden Wesen der Gattung "Homo" als eine der ihren angesehen würdest, oder genauer: als diejenige, bei der klar ist, dass du auf dem besten Weg warst, eine "von uns" zu werden. Wir wissen nicht einmal, ob du Kinder hast oder ob diese ihre Kindheit überstanden und selbst Kinder bekommen haben. Auch wissen wir nicht, woran du gestorben bist - verhungert, von wilden Tieren aufgefressen oder einfach, weil deine Zeit um war und deine Kräfte vom Leben in der Wildnis erschöpft? Wir sind heute so weit von dir und deinem Leben entfernt, dass es uns nur schwer möglich ist, es nachzuspüren. Wie ist das, kein Zuhause zu haben? Wie, keine Sprache zu kennen, um die eigenen Eindrücke und Gedanken verständlich zu machen? Ganz zu schweigen davon, nichts von der Vergangenheit zu erfahren und der Zukunft wie hilflos ausgeliefert zu sein. Von jeder Wettererscheinung erschreckt zu werden, die wilden Tiere in der Nacht brüllen zu hören oder schleichen zu sehen, ihren hungrigen Duft in die eigenen Träume (die hattest du ja sicher schon) aufzunehmen? Was dachtest du, wenn du Nachts die Sterne anschautest, den Mond, Sternschnuppen oder gar Kometen und Meteoriten? Waren es für dich die Seelen deiner Ahnen oder gar Götter? Haben dich deine Emotionen überwältigt, wenn die Sonne aufging, wenn du die Ebenen nach der Trockenzeit und dem ersten Regen voller Blumen sahst? Sprachst du mit dem Mangobaum als deinem Freund? Oder sprach der Fluss mit dir, wenn du seinem Wasser nachschautest? Ich würde dich gerne einen Tag mit in unsere Zeit nehmen und im Tausch dafür einen mit dir in die deine gehen. Wir hätten sicher viel von einander zu lernen und würden uns beide, jeder für sich, bestimmt besser verstehen. Aus weiter Entfernung grüßt dich in aller gebotenen Form deiner Zeit, Werner Winkler
Lieber Osho, da Sie vermutlich reichlich Post von Ihren Schülern erhalten, dies vorneweg: Ich gehöre nicht dazu. Dennoch würde ich gerne ein paar kleine Gedanken mit Ihnen teilen. Eine Ihrer Schülerinnen hat mir einmal ein Büchlein mit von Ihnen gesammelten Geschichten geschenkt, woraus mir eine in Erinnerung blieb: Sie erzählt von einem ganz gewöhnlichen Mann, der einfach tut, was das Leben so abwechselnd von ihm verlangt. Weil er das tut und sonst nichts, erkennen seine Mitmenschen in ihm einen Heiligen, was ihn eher erstaunt als freut. Diese Geschichte hätte mir sicher auch gefallen, wenn sie jemand anderes als Sie sie erzählt hätte. So aber wurde ich skeptisch: Waren Sie selbst nicht für sehr viele Menschen so ein Heiliger? Das hieße dann, es wäre normal, sich inmitten eines armen Landes ein teures Auto nach dem anderen zu kaufen, wie Sie es taten? Oder war das ganze Drumherum, das Sie um Ihre eigene Person inszenierten, nur eine moderne Form der "Versuchung", der Sie selbst gar nicht erlegen sind sondern die jene moderne Menschen gleichzeitig anlocken und testen sollte (ob sie dabei stehenbleiben), die sonst mit keinerlei ernsthafteren Gedanken in Berührung gekommen wären? Was natürlich auch möglich wäre: Sie sind selbst der Versuchung erlegen, Weisheit, die Sie geschenkt bekamen, gegen Bares zu veräußern. Dann wären Sie ja in gewissem Sinne, wie der zufällige Heilige in besagter Geschichte, ein in heutiger Zeit ganz gewöhnlicher Mensch, nur eben ein besonders konsequent gewöhnlicher. Ich vermute einmal, eine passende Antwort kann erst in einigen hundert Jahren gegeben werden, wenn klar ist, ob von Ihrem Wirken mehr übrigbleibt als ein paar verrostete Luxusautos. Bis dahin grüßt, vorsorglich mit dem für heilige Menschen gebotenen Respekt, Ihr Werner Winkler
Lieber Adolf Hitler, ich schreibe dir diesen Brief in deine Kindheit, von der ich zugegebenermaßen wenig bis gar nichts weiß. Wie viele Jungs hast du sicher eine Vorstellung davon, was du einmal werden möchtest. Lass mich raten: Du träumst davon, auf einem der großen Dampfer als Kapitän zu fahren, die den Atlantik in beide Richtung voller Reisender überqueren. Um dich herum sauber riechende Offiziere in weißen Uniformen, an deinem Tisch nur ausgesuchte Gäste, denen die Ehre, mit dir speisen zu dürfen, schon von weitem anzusehen ist. Und tief unter dir im Bauch des Schiffes dir unbekannte, nach Schweiß riechende Arbeiter, deren Maschinen dein Schiff durchs rauhe Meer peitschen. Irgendwann im Laufe der nächsten Jahre wirst du vermutlich begreifen, dass es mit dieser Karriere nichts werden kann. Keiner der Kapitäne, von denen du liest oder hörst stammt aus Verhältnissen wie du. Junge Männer deiner Schicht werden Arbeiter, Knechte und wenn sie etwas Glück oder Talent, selten beides zugleich, haben auch Musiker oder Künstler. Kapitänsuniformen und -tische sehen sie höchsten von Weitem, wenn sie ihr Glück in Amerika versuchen und mit dem billigsten Ticket das Schiff besteigen, das zuvor ihre Tage und Nächte in Beschlag nahm. Und viel zu oft Soldaten, was für deinen Jahrgang - auch viel zu oft - heißt: an der Westfront Gefallene. Es ist also nicht leicht für Jungs wie dich, überhaupt am Leben zu bleiben in deiner Zeit. Und noch schwerer ist es, wenn man am Leben bleibt, ein Mensch zu bleiben, nicht zum Unmensch zu werden oder sich von jenen verführen zu lassen, die einem den "Übermenschen" verkaufen wollen. Auch jenen Gedanken und Menschen zu widerstehen, die aus Menschenbrüdern Klassen, Rassen, gar Feinde zu machen bereit sind, die den Reichtum an vielfältigen Kulturen innerhalb ihrer Heimat als bedrohlich erleben und andere mit dieser Angst infizieren möchten. Die ihre eigene Kultur als die höchstentwickelte sehen möchten, ohne auch nur einen Tag mit dem "Fremden", den sie ablehnen, gelebt zu haben. Die Bücher, die ihnen verdächtig scheinen lieber verbrennen als zu lesen und auch jenen, die Menschen, vor denen sie sich fürchten, vorsorglich umgehen, vertreiben oder gar totschlagen möchten und es auch tun, wenn sie dazu die Möglichkeit haben. Vor allen jenen wirst du dich hüten müssen. Es kann dir gelingen - vielleicht, wenn du dir deine Freunde nicht nur danach aussuchst, ob sie singen. Sondern danach, was sie singen. Und wenn du keine Arbeit findest in deiner Heimat oder keine Heimat in deiner Arbeit, dann vergiss nicht, dass die Welt weit ist und freundlich und dass mit Hoffnung in fremde Länder auszuwandern allemal vielversprechender ist, als aus Verzweiflung daheim dunkle Gedanken zu denken. Dies dir ins Poesiealbum schreibend grüßt dich dein Menschenbruder Werner Winkler
Lieber Hermann Hesse, ich erlaube mir, dich wie einen alten Bekannten zu duzen, so wie du in vielen deiner Schriften deine Leser als Menschen angesprochen hast, die dir nahe sind. Da ich weiß, wie viele Briefe du bekommst und wieviel Zeit du für die Korrespondenz benötigst, will ich mich kurz fassen: Du hast mir mit vielem, was ich von dir las, aus dem Herzen gesprochen und mir so das Gefühl der Heimat geschenkt, des Verstandenwerdens über eine so große Entfernung hinweg, wie sie nur dadurch entsteht, wenn man das Buch eines Menschen liest, den man nie getroffen hat, der bereits gestorben ist und von dem man doch glauben kann, er sei einem näher verwandt als die allermeisten anderen, mit denen man seine Zeit teilt. Ich wünsche dir, dass du in deinem Leben auf dieser Erde oder in deinem Leben jetzt, wo immer das stattfindet, dieses Gefühl auch hattest oder jetzt - endlich - gefunden hast. Das wäre das Mindeste an Gerechtigkeit und Ausgleich, was dir zusteht. Mir scheint, ich bin nicht der Einzige, dem es beim Lesen deiner Bücher und Gedichte so oder ähnlich erging. In Vertretung all jener grüßt dich Ein dankbarer Leser
Lieber Immanuel Kant, erst kürzlich musste ich wieder, wie so oft, an Sie denken. Ich hörte jemand einen Brief von Ihnen vorlesen (irgend einen Trauerbrief) und danach noch Ihren Artikel über die Aufklärung, den heutzutage sehr viele Menschen kennen, zumindest den Teil daraus, wo Sie es so prägnant formulieren: "Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit ...". Vielleicht gefällt es Ihnen zu hören, dass ich ihn sehr lange nicht verstanden habe und im Rückblick vermute, dass ich damals noch nicht "aufgeklärt" war, trotz aller "Aufklärung" in Schule, Zeitungen, Bücher. Kann es sein, dass man nicht automatisch aufgeklärt wird, selbst wenn man das Glück hat in einer aufgeklärten Gesellschaft aufzuwachsen? Dass man sich selbst aufklären muss oder irgendwann jemand kennenlernt, der stark genug ist, einem diesen Dienst zu erweisen? Für mich war und ist dieser "Ausgang" nicht nur positiv verlaufen. Es macht auch Angst, seinem eigenen Verstand ebensoviel zutrauen zu müssen als dem anderer - auch ebensoviele Dummheiten und Irrtümer. Seinen Verstand einzusetzen heißt ja leider nicht - und ich glaube, Sie können mir zustimmen - dass dabei am Ende auch etwas herauskommt, das Bestand hat oder auch nur verstanden wird. Die Wörter kommen uns immer wieder dazwischen und verwirren das, was im Stadium ohne Wörter noch ganz klar zu sein schien. Wie lange haben Sie eigentlich an Ihren Texten gesessen, wie oft sie korrigiert? Das würde mich einmal interessieren. Und mich würde interessieren, wie Sie Ihre Erklärung zur Aufklärung in heutiger Sprache ausdrücken würden. Vielleicht so: Aufklärung ist, wenn ich mir klar darüber bin, ob eine Sache überhaupt sicher gewusst werden kann oder nicht. Wenn sie sicher gewusst werden kann, dem Verstand auch trauen und sich nicht irremachen lassen. Und dort wo nichts sicher gewusst werden kann, auch nichts sicher wissen wollen. Die Unsicherheit aushalten und die möglichen Antworten als solche stehenlassen, auch neben- und gegeneinander. Und zuletzt: Wo man sich nicht sicher ist, ob etwas sicher gewusst werden kann oder nicht, neugierig bleiben. In der Hoffnung, noch lange neugierig zu bleiben und Sie nicht gelangweilt zu haben grüßt Sie ergebenst, Ihr ferner Leser Werner Winkler
Liebe Eva Braun, diesen Brief schicke ich dir in eine Zeit bevor du einen gewissen Adolf Hitler kennenlernen wirst - persönlich meine ich. Nicht dass ich dir zuviel verraten und dich damit in deiner Entscheidungsfreiheit einengen möchte. Aber vielleicht helfen dir die folgenden Gedanken, an einem bestimmten Punkt etwas anders zu machen als du es ohne dieselben tun würdest. Stell dir bitte einmal vor, ein Mensch würde an einem bestimmten Punkt einen Weg einschlagen, an dessen Ende er für den Tod von 20 oder 30 Millionen Menschen verantwortlich wäre. Und du hättest die Möglichkeit, ihn von diesem Weg abzubringen - auch wenn dies bedeuten würde, dass du ihn töten müsstest um ihn vor sich selbst zu retten. Würdest du das tun? Würdest du dich notfalls selbst opfern um so viele Menschen zu retten? Wenn du besagten Adolf Hitler triffst, bitte ihn, dir das Buch oder Manuskript zu geben, das er im Gefängnis geschrieben hat. Und dann entscheide, ob du das, was daran beschrieben ist, Wirklichkeit werden lassen willst oder nicht. Es liegt in weniger Menschen Händen, die Weiche in die eine oder die andere Richtung zu stellen. Du gehörst dazu. Ich nicht. Eine weise Entscheidung wünscht dir Werner Winkler
Liebe unbekannte Großmutter in Ravensbrück, was hast du getan um hinter diesen Stacheldraht zu geraten? Warst du in der falschen Partei aktiv, hast dem falschen Glauben angehört oder nur der falschen Rasse? Und wer hat dich und die anderen Gefangenen fotografiert, und so wenigstens dein Gesicht der Nachwelt erhalten? Dein späterer Mörder? Diese und andere Fragen gehen mir heute, fast 70 Jahre später durch den Kopf - auch die Frage, was ich tun würde, wären die Zeiten wieder so wie damals und wäre euer Lager hier in der Nähe und würden die Schreie vom Wind herübergetragen, vom Geruch der Öfen einmal abgesehen. Die Toten schreien nicht mehr und bitten nicht mehr um Hilfe. Wer schreit hofft noch. Unsere heutigen Ohnmachten überwinden größere Distanzen und sind doch ebenso zementiert wie die deiner Zeitgenossen. Wenn ich an dich und deine Mitgefangenen oder die Toten der Lager denke frage ich mich auch, warum ihr nicht früher reagiert habt, geflohen seid, ausgewandert oder euch wenigstens heimlich über die Grenze in Sicherheit gebracht? Wieso habt ihr, wie die Schafe auf die Schlächter wartend, euren Alltag, eure Geschäfte, einfach fortgesetzt? Hattet ihr nicht das Buch des obersten Schlächters mit allen seinen Plänen darin - hattet ihr nicht die Sterne zur Warnung an euren Mänteln? Bin ich ungerecht, blauäugig, im Rückblick, wie meist, weiser und doch nur neunmalklug? Würdest du heute anders handeln, wenn vergleichbares Unheil drohte? Würde ich? So viele Fragen auf dein fragendes Gesicht gerichtet kommen zurück. Ich hoffe, dein Tod war sanft, das wenigstens. Grüße von einem, der dein Urenkel sein könnte.
Liebe Petra Kelly, ab einem bestimmten Punkt lief dein Leben unter den Augen einer Öffentlichkeit ab, die dir nicht durchweg freundlich gesonnen war. Dein Lächeln im Deutschen Bundestag, als du mit deinen Freunden der noch recht jungen Grünen Partei als bunte Flecken inmitten des Graus deinen Abgeordnetenplatz einnahmst, war für viele eine Herausforderung, kein Grund zur Freude. Ich war damals ein Jugendlicher und auch meine Generation, die doch nichts von "euch" zu befürchten hatte, registrierte dieses Lächeln und ebenso die steinernen Gesichter um euch herum. Als ob eine Blume mit starken Wurzeln einen Riss in einer Betonmauer gefunden hätte und sich nun, ihres kleinen Vorrats an Feuchtigkeit bewusst werdend, mutig der Helligkeit entgegenstreckt. Dieses Bild von dir würde ich gerne groß in Erinnerung behalten. Nicht die anderen, als du gegen Freunde und Feinde reden musstest. Und auch nicht das, als dein vom Freund durchschossener Körper, abgedeckt, aus eurem Haus getragen wird. Aber ganz vergessen will ich auch diese Bilder nicht, klein vielleicht, als Warnung: Blumen in Betonwänden tun sich schwer, wenn ihre Wurzeln nicht bis zur Erde dringen. So schön sie auch sein mögen und so viele Vorübergehende, Gefangene vielleicht, sie zum Lächeln bringen. Grün braucht Sonne und Wasser gleichermaßen, will es grün bleiben. Ruhe in Frieden!
Lieber Vincent van Gogh, über meinem Schreibtisch hängt dein Bild "Kornfeld mit Zypressen", natürlich als Druck, denn das Original kann ich mir derzeit nicht leisten. Falls du die weitere Entwicklung der Verkaufspreise deiner Werke verfolgt hast, wirst du womöglich noch mehr bereut haben, dich so früh zu verabschieden. Wenn man seiner Zeit voraus ist, lohnt es sich unter Umständen, recht alt zu werden und der Verzweiflung zu trotzen. Nur so erfährt man noch zu Lebzeiten, ob das, was man geschaffen hat nur nicht auf den Geschmack anderer Leute traf oder so gut war, dass diejenigen erst noch geboren werden mussten, die es schätzen würden. Jedenfalls scheinen mir die Chancen höher, etwas Originelles und Langlebiges in die Welt gebracht zu haben, wenn die Käufer nicht schon Schlange stehen bevor die Farbe getrocknet ist. Schnelle Bekanntheit heißt doch all zu oft: Schnell vergessen zu werden. Dich kennt heute fast jeder, Vincent. Und viele haben ein Lieblingsbild, an dem sie sich täglich satt sehen. Es gibt sogar eine Menge Leute, die deine Bilder nachmalen oder es zumindest versuchen. Du hättest deine Freude daran, da bin ich mir sicher. Farbenfrohe Grüße schickt dir Werner Winkler
Lieber Giordano Bruno, als ich einmal jemanden deine Lebensgeschichte erzählen hörte (in einem Gerät unserer Zeit, das man Radio nennt und mittels dessen man jemanden sprechen hören kann, der weit weg ist), war ich gerade mit meinem Wagen unterwegs (die Wagen heutzutage werden nicht mehr von Pferden gezogen, sondern mit einer Vorrichtung, die eine Art Petroleum verbrennt und aus der Kraft der Flammen den Wagen bewegt). Als der Erzähler fertig war und du auf dem Scheiterhaufen verbrannt, kamen mir die Tränen. Da ich alleine in meinem Wagen war, machte es mir nichts aus und ich vergoss die Tränen in Gedanken an dich, bis ich plötzlich einen sonderbaren Gedanken hatte. Es würde mich auch nicht wundern, wenn du es irgendwie geschafft hättest, ihn mir einzuflüstern (wenn wir es heutzutage schaffen, Menschen zuzuhören, die Hunderte von Kilometern entfernt sind und große Wagen mit der Verbrennung von Petroleum in einer kleinen Brennkammer anzutreiben, bist du vielleicht auch fähig, einen dir wichtigen Gedanken in meine Hirnwindungen zu transportieren). Der Gedanke war folgender, womöglich erzähle ich dir nur, was du sowieso schon weißt: Da der Zeitraum, in dem wir leben, nicht zwangsläufig in eine bestimmte Richtung verläuft (wie wir Lebenden aufgrund scheinbar offensichtlicher Hinweise glauben), sondern ebenso als ein offener Zeit-Raum ohne Richtung und Bewegung angesehen werden kann, ist es auch denkbar, sich den Zeitstrahl rückwärts laufend vorzustellen. Daran anschließend lässt sich also denken, dass möglicherweise ein Mensch mit seinem Tod auf die Welt kommt und mit seiner Geburt wieder aus ihr verschwindet. Warum auch nicht? Nehmen wir nun noch die uralte Vorstellung dazu, dass ein Mensch nicht einfach zufällig auf die Welt kommt sondern eine zuvor bereits existierende Seele die Form eines Körpers annimmt oder ihn ausfüllt, dann wäre es denkbar, dass du, Giordano, dir einen besonders effektiven und in Erinnerung bleibenden Eintritt in die Welt ausgesucht hast: Den Tod auf einem venezianischen Scheiterhaufen. Rückwärts gesehen hieße das, dass sich aus den immer kleiner werdenden Flammen allmählich ein von der Folter ziemlich geschundener und von langer Kerkerhaft gezeichneter Körper aus der Asche erhebt, von den Henkersknechten losgebunden und ins Gefängnis gefahren wird, wo ihm seine Folterspuren genommen und in den nächsten Jahren auch seine Gesundheit und seine Zuversicht wieder gegeben werden. Er verlässt Gefängnis und Gericht als freier Mann, reist als Gelehrter quer durch Europa, kehrt heim zu seiner Mutter, wird ein kleines Kind, das seine Zeit mit Spiel und Zärtlichkeiten verbringt bevor es schließlich im Schoß der Mutter verschwindet und sich in seine Bestandteile auflöst. In der (uns wohlbekannten) Vorwärts-Zeitschiene jedoch bleiben die Gedanken des Giordano Bruno mindestens für die nächsten 600 Jahre in der Gelehrtenwelt ein Begriff und seine Ideen inspirieren viele andere Denker. Abgesehen vom sicher anstrengenden und etwas schmerzhaften Anfang also ein eindrucksvoller Lebenslauf ... In der Hoffnung, dass dich mein Brief nicht durch einen mir unbekannten Zeiteffekt noch während deines Lebens erreicht grüßt dich, inzwischen lächelnd, Werner Winkler
Lieber Erhard Eppler, wenn man so lange Politiker oder politisch tätig ist wie Sie, bekommt man sicher viele Briefe und E-Mails und die meisten wird man vermutlich nicht lesen können. Deshalb mache ich es auch ganz kurz: Als Kind sah ich ein Wahlplakat von Ihnen, darauf hieß es "Mehr Menschlichkeit". Und immer wenn ich zu der Zeit im Fernsehen sah, wie Menschen mit anderen Menschen umgingen, musste ich an diesen Satz denken. Noch mehr davon? Hätte es nicht heißen müssen "Mitmenschlichkeit"? Das ist aber ein Gedanke, der mir erst jetzt einfällt und die alten Plakate sind ja längst vergessen. Mehr Menschen wie Sie, das wäre sicher okay und auch ein Wahlkreuz wert. Ihr Werner Winkler
Lieber Asterix, im Rückblick frage ich mich, was mich an dir in meiner Kindheit und lange darüber hinaus fasziniert hat - du hast so viel, worum dich deine Leser und Freunde, vielleicht ohne es zu merken, beneiden: Nicht nur den Zaubertrank und einen Druiden als Freund, sondern auch einen fröhlichen Hund, einen gutmütigen, starken Freund, eine weitgehend oder meistens intakte Dorfgemeinschaft, dazu viele Gründe auf Reisen zu gehen, klar erkennbare Feinde und stets ein Happy End mit Bankett nach überstandenen Abenteuern. Und nicht zuletzt: In deiner Welt wird nicht gestorben und getötet, zumindest erinnere ich mich nicht daran, etwas Derartiges in den Geschichten über dich gelesen zu haben. Ich werde wohl früher oder später einmal nach Gallien fahren müssen um dich zu besuchen ... Bis dahin, neidvolle Grüße von Werner
Lieber Michail Gorbatschow, vor ungefähr zwanzig Jahren hörte ich zum ersten Mal Ihren Namen. Es war ein russisch klingender wie es viele damals in den Nachrichten gab. Und doch war ich erstaunt, als ich dann das dazugehörende Gesicht im Fernsehen sah: Sie sahen mehr wie ein Großväterchen aus dem Märchen aus denn wie ein Nachfolger Stalins, der Paraden voller schrecklicher Raketen und Panzer abnimmt. Dass dieser Eindruck nicht täuschte, sollte sich bald bestätigen: Sie waren tatsächlich anders als Ihre Genossen. Sie benutzten neue Wörter, die wir bald auch ohne Übersetzung verstanden. Und wir verstanden vor allem eines: Die Welt würde sich mit diesem Michail Gorbatschow ändern. Daran änderten auch die gewohnten Küsse nichts, vor denen mich schon beim Zusehen schauderte und von denen ich mir denken konnte, dass Sie sie nicht freiwillig verteilten. Wie riecht ein Erich Honecker, nervös und vor laufender Kamera, ahnend, dass der folgende Kuss einem Judaskuss gleichkommen könnte? Sie sagten damals, ich sehe Sie noch vor mir, umringt von Reportern, dass das Leben den bestrafen würde, der zu spät kommt. Haben Sie sich auch überlegt, was das Leben mit denen macht, die zu früh dran sind? In Ihrem Fall scheint mir, das Leben hat Sie, den letzten Ihrer Funktion, gnädig aus der Schusslinie genommen, als Dankeschön sozusagen für Ihren mutigen Instinkt, ein Ende einzuläuten bevor es sich von selbst und schrecklich herbeiführt. Neulich sah ich ein Foto von Ihnen in einer Werbeanzeige. Sicher haben Sie dafür einen freundlichen Scheck bekommen, den ich Ihnen sehr gönne. Und ich stelle mir statt Ihnen auf diesem Foto in wenigen Jahren die Noch-Führer von Nordkorea oder Kuba vor, in einem teuren Auto sitzend und eine teure Ledertasche neben sich während sie in einer russischen Zeitung blättern, die von Journalisten gemacht wurde, die diesen Namen verdienen. Und die darin vielleicht die Meldung lesen, dass Michail Gorbatschow mit großer Mehrheit zum neuen Präsidenten Russlands gewählt wurde. Das würde ich Ihnen noch viel mehr gönnen als besagten Scheck. Ihr Werner Winkler
Lieber Mohammed, vorneweg sollte ich vielleicht schreiben, dass ich bei diesem Brief an Sie besondere Sorgfalt habe walten lassen was meine Wortwahl und Fragen betrifft. Wir leben nämlich, müssen Sie wissen, in einer Zeit in der Menschen nur deshalb von einigen wenigen Ihrer Anhänger mit dem Tode bedroht werden, weil Sie es wagen, mit Ihnen so umzugehen, als wären Sie ein gewöhnlicher Mensch. Sie sind also zu einem Heiligen geworden, für den man bereit ist, andere Menschen zu töten. Wie geht es Ihnen (und anderen, die dasselbe Schicksal teilen) damit, würde mich interessieren? Mehr getraue ich mich für den Moment kaum zu fragen, auch wenn ich großes Interesse hätte, Sie näher kennen zu lernen und aus Ihrem Munde zu hören, wie es war, als der Engel Gabriel Sie besuchte oder als Sie für Ihre neuen Ideen von Ihren Zeitgenossen verlacht und verjagt wurden? Wie gut muss es gewesen sein, Freunde zu finden, die Ihre Gedanken und Ziele teilten! Wie gut, mit ansehen zu können, wie sich durch Ihren Einfluss Kultur und Wissenschaft zu neuer Blüte entwickelt haben. Oder mich würde interessieren, was Sie fühlen, wenn Sie - heimlich vielleicht, gut getarnt unter weitem Umhang - neben einer Säule in Mekka stehen und diese unendlichen Menschenmengen sich im Rhythmus bewegen und beten sehen. Einmal habe ich, so scheint mir, Ihnen in die Augen sehen können: Es waren die Augen einer Pilgerin auf dem Weg nach Mekka, zusammen mit ihren Freundinnen in einem modernen Schnellzug zum Frankfurter Flughafen. Es waren Augen voller Vorfreude, wie die eines Kindes meiner Kultur, das auf den Weihnachtsabend wartet. Ich werde versuchen, diese Augen nicht zu vergessen, wenn ich die anderen sehe, die hasserfüllten, bereit, Bomben zu zünden, und Menschen im Namen deines, unseren Gottes mit Steinen zu bewerfen oder Schmerzen zuzufügen. Es grüßt Sie, hochachtungsvoll, Werner Winkler
Lieber Herr Doktor P., obwohl die Geschichte, die ich Ihnen in diesem Brief erzählen will, erst in meinem Erwachsenenleben stattfand, kannte ich Sie doch schon seit ich ein Schuljunge war. Ihr Sohn war lange mein Banknachbar und häufig mein Spielkamerad. Er hatte - als Sohn eines Arztes - ein eigenes Zimmer in Ihrer großzügigen Wohnung und auch sonst manches an Spielzeug, von dem wir Kinder kleiner Beamter oder Arbeiter nur vor dem Schaufensterscheiben träumten. In Ihnen sah ich als Kind stets die Garantie dafür, jede Krankheit besiegen zu können, womöglich alleine mittels Ihres makellosen weißen Kittels, in dem allerlei Instrumente auftauchten und wieder verschwanden. Als ich im Alter von 25 Jahren zu Ihnen in die Praxis kam, litt ich schon einige Jahre an mehr oder weniger starkem Heuschnupfen. Doch in diesem Jahr wurde daraus zunächst ein lästiger Husten, dann asthmatische Anfälle und schließlich konnte ich kaum noch atmen &endash; vor allem Nachts. Ich fühlte mich wie ein uralter Mann kurz vor dem Sterben und beschloss, es wäre Zeit, einen Arzt aufzusuchen. Und da Sie schon immer der Arzt unserer Familie waren, ging ich wie selbstverständlich zu Ihnen. Und ebenso selbstverständlich erwartete ich, dass Sie mir etwas in Ihrer Arztschrift auf ein Rezept schreiben würden, das mich von dieser lästigen Sache im Handumdrehen befreien würde. Wie enttäuscht war ich, als Sie nach der Untersuchung nur einen Satz sagten: "Da kann ich nichts für dich tun, Werner." Mehr nicht. Ich stand nur da und verstand die Welt nicht mehr. Dabei waren Sie einfach nur ehrlich. Sie hatten kein Mittel und wussten nicht, wie mir helfen. Also ging ich zu Ihrem Kollegen am Ort - er hatte seine Praxis zufälligerweise im gleichen Haus in dem Sie früher im Dachgeschoss wohnten. Im Aufzug in die Praxis (ich hatte zu wenig Atem für das eine Stockwerk) erinnerte ich mich an die vielen Fahrten mit ihm in Ihre Wohnung, meinen Schulfreund zu besuchen. Ihr Kollege hatte im Gegensatz zu Ihnen gleich ein Mittel bereit: Ich solle mich im Dauerlauf üben (er selbst war ein stadtbekannter Dauerläufer). Offenbar hatte er mich nicht verstanden - gerade hatte ich ihm gesagt, dass ich nicht genügend Luft bekam, auch nur eine Treppe zu steigen und er wollte, dass ich rannte. Er musste verrückt sein. Immerhin sah er aufgrund meiner Reaktion, dass ich seinen Vorschlag nicht annehmen wollte und ließ mich in einen Schlauch blasen, um die Atemkapazität zu messen. Die Kurve verlief sehr flach und bewegte ihn, ein Spray aus dem Schrank zu holen. Das solle ich inhalieren und in zehn Minuten würde ich beim Test sehen, dass die Kurve deutlich nach oben ginge. Ich sprühte und wartete. Als er wieder ins Behandlungszimmer kam um den Erfolg des Medikaments zu demonstrieren, pustete ich erneut und sah nicht nur eine noch deutlich flachere Kurve als zuvor sondern auch ein ziemlich ratloses Medizinergesicht. Er sagte einfach nichts mehr, nicht einmal die Achseln hoben sich. Ich bedankte mich und ging. An eine Rechnung erinnere ich mich ebenso wenig wie daran, nocheinmal etwas von ihm gehört zu haben. Wenn zwei Ärzten, von denen ich zuvor glaubte, sie seien gute Vertreter ihres Fachs, nichts einfällt außer einem Atemlosen Dauerlauf zu verordnen, dachte ich mir, dann werde ich wohl selbst nach einer Lösung suchen müssen. Also besann ich mich meiner Möglichkeiten und zu denen gehörte ein damals sehr teurer Computer, der in meiner eigenen Buchhandlung nur dadurch zu bezahlen war, dass er so schnell und sicher Bücher suchte, dass zahlreiche neue Kunden bei mir einkauften und lieber auf den Bildschirm als in dicke Kataloge schauten. Ich tippte also das Wort "Allergie" ein, ohne mir sicher zu sein, dass ich genau darunter litt. Auf dem Bildschirm erschienen nun alle möglichen Bücher in deren Titel der Begriff "Allergie" vorkam, an zweiter Stelle der Liste eines mit dem hoffnungsfroh stimmenden Titel "Allergien müssen nicht sein". Autor war ebenfalls ein Arzt, doch schien dieser zumindest eine gewisse Erfahrung mit dem Thema zu haben. Am nächsten Morgen lag das Büchlein zwischen den anderen Bestellungen in der Bücherkiste und zwischen dem Bedienen meiner Kunden las ich, am Lesepult stehend, eilig das Werk des mir bis dato unbekannten Dr. Bruker. Was er schrieb, war fast zu einfach, um wahr zu sein: Allergien entstünden durch tierische Eiweiße, stand da. Genauer durch deren mangelhafte Verdauung und eine Art Fehlprogrammierung des Körpers durch diese nicht verdaubaren Eiweiße, die den Körper erst allergisch gegen alles Mögliche werden lassen. Sein Therapievorschlag: Einfach die tierischen Eiweiße vom Speiseplan streichen! Das war natürlich kein Rezept, das man in der Apotheke einlösen konnte, sondern nur bei sich selbst. Einen Versuch war es zumindest wert und so hörte ich gleich nach dem Zuklappen des Buches damit auf, tierische Eiweiße zu essen. Keine Milch mehr, kein Joghurt, kein Fleisch und keinen Käse. Ich wäre auch auf den Knien nach Rom gepilgert, wenn mich das gesund gemacht hätte. Da war dieser kleine Verzicht ziemlich leicht dagegen. Ob Sie es glauben oder nicht, innerhalb kürzester Zeit ließen meine Beschwerden nach und ich konnte wieder normal atmen! Ich war skeptisch und trank probeweise ein Glas Milch - die Sache begann wie gewohnt. Ich habe in den 18 Jahren seitdem zahlreiche Menschen getroffen, die ähnliche Erfahrungen gemacht hatten oder sie durch meinen Bericht machten. Und jedesmal haben wir uns gewundert, dass offenbar die allermeisten Ärzte davon entweder nichts wussten oder es für unmöglich hielten. Allerdings muss ich zugeben, dass ich seitdem mit dieser Sache nie wieder bei einem Arzt war, sondern mich sozusagen selbst "behandelte". Eine Ärztin, der ich privat von meinem Erfolg erzählte, meinte ziemlich entrüstet, das sei doch keine Therapie, was ich da machen würde und empfahl mir stattdessen eine homöopathische Behandlung. Ich erinnerte mich und sie an die Ärzte der Antike und deren Diäten, was wohl damals als Therapie galt. Heute nicht mehr, zumindest für die Abrechnung scheint es nicht relevant zu sein. Und das "Weglassen" lässt sich auch nicht in der Apotheke verkaufen, weshalb es dort ebenfalls nicht so hoch im Kurs zu stehen scheint wie ein homöopathisches Mittel, das immerhin ein paar Euro in die Kasse bringt. Was ich Ihnen mit meiner Geschichte sagen wollte, lieber Dr. P.: Ich bin froh, dass Sie so ehrlich zu mir waren und mir die Umwege über vielerlei sicher mögliche Behandlungsversuche und viele Honorarrechnungen erspart haben. Ich wäre aber noch froher, wenn irgendwann eine Zeit käme, in der ich auch einen simplen Rat nicht zufällig aus einem Buch, sondern selbstverständlich von meinem Hausarzt zu hören bekomme. Herzlichst, Ihr Werner Winkler
Lieber Siegfried Fietz, neulich habe ich mir nach fast 25 Jahren Pause wieder ein Musik-CD von dir gekauft und mich ein bisschen gewundert, dass sich um dich herum so wenig geändert hat in dieser Zeit - es gibt noch dein Paulus-Oratorium und die vertonten Texte von Dietrich Bonhoeffer. Auch gehst du immer noch auf Tournee wie vor 30 Jahren, als ich dich in unserer Gegend jedes Jahr einmal in einer Kirche singen hören konnte, wenn mir danach war. Und aus der Schallplatte von damals, die eine der mir liebsten war - "Nach dem Dunkel kommt ein neuer Morgen" hieß sie, hast du eine CD machen lassen. Die Schallplatte habe ich irgendwann im Laufe meiner Emanzipation vom christlich-bibeltreuen Glauben verschenkt und sie auch nie vermisst. Nun wollte ich noch einmal nachhören, woher die Faszination für sie kam und war beim Hören erstaunt, wie viele Texte ich noch auswendig wusste. Auch wunderte mich, dass ich über diese Musik an Stimmungen von damals erinnert wurde, auch an religiöse. Beim zweiten Hören jedoch entdeckte ich etwas, das mir bis dahin entgangen war - das Suchtpotential des Religiösen, nicht nur das in Liedern und Hymnen verpackte, süße und nur langsam wirkende Gift. Es ist schon ziemlich verlockend, sich die Welt aus religiöser Sicht erklären zu lassen und zu erklären - da gibt es dann für alles eine Antwort, einen Grund, eine Hoffnung, ein Versprechen. Die Welt wird, wenn man fest daran glaubt, so schön und rund und harmonisch, dass man nicht mehr auf das kleine Preisschild achtet. Dieser Preis heißt schlicht und einfach "Sucht" - man kann nicht mehr ohne und braucht eine sehr hohe oder sogar steigende Dosis der Religion, damit sie ihre Wirkung entfalten kann. Und der Preis für die Sucht wird in Lebenszeit bezahlt, manchmal auch in Geld und in vielen Fällen auch im Verlust der sozialen und gesellschaftlichen Realität. Warum noch für Gerechtigkeit streiten, wenn doch "am Ende" alles auf wunderbare Weise ins Lot kommt? Warum mit dem Mitmenschen noch Zeit verbringen, wenn er sich nicht für sein Seelenheil interessiert und letztendlich weitab vom Himmel die Ewigkeit in der Hölle zubringen wird? Warum noch andere Bücher lesen, wenn alles in den heiligen Schriften steht, das wesentlich ist? Diese und ähnliche Fragen auszublenden ist wohl der Preis dafür, religiös sein und über die Kindheit hinaus bleiben zu können. Vielleicht auch der, religiöse Musik machen zu können - auch sehr ansprechende, anspruchsvolle, schöne. Und dann ist da noch diese Liedzeile, die mir beim Wiederhören deiner Lieder hängenblieb: "Wir haben Gott klein gemacht". Dass das auch mit Religion und religiösen Liedern geht, hätte ich damals selbstverständlich bestritten - heute bin ich mir da nicht mehr so sicher. Dein ehemals treuer Hörer Werner Winkler
Lieber Wassili, ich nenne dich einfach einmal so, weil ich in einem Buch eines gewissen Wassili Grossman von dir gelesen habe - einem namenlosen russischen Soldaten, der von deutschen Truppen bei der Verteidigung von Stalingrad ums Leben kam. Ich stelle dich mir wie meinen besten Freund vor, oder wie meinen Lieblingsbruder. Sonst würde es keinen Sinn machen, mir dich überhaupt vorzustellen. Wie sollte ich um jemanden trauern, mich bei jemanden bedanken, dessen Augen ich mir nicht vorstellen kann, geschweige denn seine Tränen und sein Lachen? Trauer und Dankbarkeit gehören ebenso zu dir wie die Tränen und das Lachen. Hättest du mit deinen Kameraden den Krieg überlebt, vielleicht in Berlin, hättest du gelacht. Auch deine Frau und deine Kinder hätten gelacht. So haben sie geweint und deine letzten Tränen sind im Schlamm der Unterstände, der Bombenkrater oder Panzerfurchen versickert. Von ihnen lebte das junge Grün des nächsten Frühlings so wie wir heute auch deshalb in Freiheit und Frieden leben, weil du vor dieser Stadt und für sie gekämpft hast als wäre es die deinige. Vielleicht war es gerade dein Einsatz, der die Waage des Kriegsglücks sich gegen die deutschen Angreifer senken ließ. Der sie aufhielt mit ihrem Morden und Verfolgen, den bis dahin unaufhaltsamen Weg, gepflastert mit erschossenen Juden und Polen, Ukrainern und Russen, zum Stillstand brachte. Der ihn umkehrte und mit neuen Toten markierte, diesmal mit sowjetischen Soldaten und fliehenden Besatzern. Wenn du je, was ich dir wünsche, ein Kind zurückgelassen hast bei seiner Mutter, vielleicht noch zu klein, sich an dich als Erwachsener zu erinnern - es wird heute in einem Land und einem Europa leben, das auch wegen dir so gut ist, wie es ist. Dein Kind und deine Enkel werden ein wenig stolz auf dich sein, wenn sie Blumen vor dein Bild stellen oder auf das Grab, in dem du zusammen mit deinen Kameraden, das sei dir gegönnt, deinen Frieden gefunden hast, lange bevor er auch für die Überlebenden Einzug hielt. Auch an dich denke ich, Wassili, wenn ich Bilder von russischen Soldaten sehe... Dein Werner, Enkel zweier deutscher Soldaten
Lieber Thomas Edison, falls es im Reich der Toten noch etwas zu erfinden gibt und es keine Vorrichtung gab, mit der man von dort aus Briefe an sich selbst empfangen konnte, haben Sie sicher bald nach Ihrer Ankunft eine solche erfunden ... und Sie haben sich bestimmt immer wieder gefreut, wie viele Ihrer Ideen und Konstruktionen in aller Welt verwendet werden und uns allen das Leben erleichtern. Ich reihe mich dann einfach in die vielen Dankesschreiben ein und hoffe, dass heute nicht gerade ein ganzer Stapel davon eintrifft - wobei es ja vermutlich auf Ihrer Seite der Wirklichkeit keine Zeiteinteilung im gewohnten Sinne mehr geben dürfte. Was ich noch sagen wollte: ich bewundere an Ihnen besonders Ihren Sinn für die praktische Umsetzung genialer Ideen. Es genügt ja nicht, ein Genie zu sein, man sollte auch versuchen, den Vorsprung gegenüber den besten seiner Zeitgenossen dadurch zu überbrücken, dass man seine Genialität auf Mühlen lenkt, die möglichst viele stillstehende und bewegungsfreudige Räder antreiben. "Elite hat eine Bringschuld" hat ein Genialer meiner Zeit, Kurt Weidemann, gesagt und wunderbare Schriften und Zeichen entworfen. Du musst in diesem Sinne ziemlich elitär gewesen sein, wenn man sieht, dass du nicht nur deine schon enorme "Schuld" abgetragen, sondern auch noch ein "Vermögen" hinterlassen hast ... Ehrfurchtsvolle Grüße, Werner Winkler
Lieber Gottlieb Daimler, neulich waren wir mit einer Freundin aus Australien in Stuttgart-Bad Cannstatt unterwegs und ich wollte ihr noch etwas Besonderes zeigen, etwas, von dem sie ihren Freunden zuhause erzählen wird, auch wenn sie die Tiere der Wilhelma und die Quellen im Kurpark wieder vergessen haben würde. Es nieselte und es war kalt und ich hatte Mühe, die kleine Gruppe durch den alten Park und das nasse Laub bergan zu einem unscheinbaren weißen Bau mit Glasanbau zu lotsen - Ihre alte kleine Werkstatt, den Geburtsort des Autos. Außer einem älteren Herrn, der sich alsbald als überaus fachkundiger Führer zeigte, waren wir alleine. So wie Sie es sicher das eine oder andere Mal hier waren, über Pläne gebeugt, die heute an der Wand hinter schönem Glas hängen. Oder über Modellen brütend, die jetzt als Nachbauten zu bestaunen und anzufassen sind. Auch das alte Waschbecken ist noch da und die Werkbank. Und draußen vor dem Park steht die ganze Straße voller Automobile aus aller Welt - so preiswert, dass sich fast jeder eines leisten kann und so sicher und perfekt, dass man damit bedenkenlos überall nach Europa fahren kann. Die Geschwindigkeiten und die Masse der Fahrzeuge würde Sie ebenso in Erstaunen versetzen wie die Qualität und Anzahl der Straßen, die den ganzen Kontinent und die ganze Welt durchziehen. Selbst um die wenigen hundert Meter zu Ihrem Grab zu gehen, müssen wir heute eine vierspurige Straße überqueren, auf der täglich mehr als 20.000 Fahrzeuge in die Stadt und aus ihr heraus fahren. Kurz gesagt: Mehr Erfolg kann man einer Idee, einem Traum, nicht wünschen und er ist sicher größer als Sie ihn in dieser kleinen Werkstatt je zu hoffen wagten. Selbst für Ihre Heimat, die ganze Region und viele Menschen hier ist Ihr Erfolg zum eigenen Erfolg geworden. Und Sie liegen doch still und eher unbeachtet - wie Ihre kleine Werkstatt im Park - auf einem gewöhnlichen Friedhof zwischen gewöhnlichen Menschen. Und nebenan rauschen die Autos vorbei Tag und Nacht und nicht wenige - wenn Fahrzeuge eine Seele haben - werden Ihnen einen Gruß über die Friedhofsmauer werfen. Ich jedenfalls grüße Sie häufig an dieser Stelle und nun auch hier, bevor ich gleich in mein Fahrzeug steige und eben einmal kurz die 240km nach München fahre, was ich auch Ihrem Erfindergeist, Ihrer Ausdauer und Ihrem Mut zu verdanken habe. Ihr Werner Winkler
Liebe Künstler von Lascaux, was ihr im Schein mühsam entfachten Feuers für die Augen weniger Menschen geschaffen habt, ist nicht nur über viele Jahrtausende erhalten geblieben - es ist auch unzähligen der heutigen Menschen als Beispiel für die Schönheit einer Zeichnung im Gedächtnis verankert. Und damit habt ihr uns nicht nur ein einfaches, schönes Bild euerer Zeit und eurer Gedanken vermittelt - ihr habt uns damit, ohne ein einziges Wort, mitgeteilt, dass ihr Menschen mit einem wachen Auge, einem Gefühl für Farbe und Schönheit und für die Welt um euch wart. Die Idee, ihr wärt nur dumpfe, mordende und jagende Bestien weitab jeder Kultur, musste auf Grund eurer Bilder ebenso weichen wie der hochmütige Gedanke, wir heute Lebenden seien sehr viel weiter entwickelt als ihr damals. Dass ihr Menschen wart wie wir, malende, träumende, feiernde Menschen, das danken wir euren Werken und dem Zufall, der sie erhalten hat. Und wenn wir eines vielleicht nicht all zu fernen Tages das in der Zeit zurücklassen, das wir Heutigen als Zivilisation anzusehen gewohnt sind und nur noch uns selbst haben, die Tiere, die Erde, die Pflanzen und eine schützende Höhle - dann werden wir auch an euch denken, wenn wir ein Stück Kohle in die Hand nehmen, etwas Lehm mit Pigmenten mischen, die wir mühsam gerieben haben - und an eine Felsenwand einen Traum zeichnen, der uns hilft, wahre Menschen zu bleiben, zivilisierte in der Seele. Dann wird vielleicht auch eure Höhle wieder mit dem Lachen von Jugendlichen wiederhallen wenn sie zum ersten Mal eure Kunst bestaunen dürfen, bevor sie mit auf die Jagd gelassen werden und den Tieren ins Auge schauen, die sie töten und essen werden, um den Winter zu überstehen. Und sie werden danach ein Abbild des ersten Tieres an die Wand malen, das sie erlegt haben - neben die euren, euch als Lehrer. Aus so ferner, naher Zeit. Zwischen euch und ihnen grüßt euch Werner Winkler
Lieber Professor Anke, zwei Dinge wollte ich mit Ihnen teilen, die wir bisher in den wenigen Schreiben nicht besprechen konnten - das eine ist eine Frage: Haben Sie eine Idee, warum die Mehrheit der Wissenschaftler, die sich wie Sie mit der menschlichen Ernährung und mit dem Einfluss der Nährstoffe darin auf die Gesundheit befassen, eine gewisse Abneigung zeigen, wenn dieses Thema zur Sprache kommt? Während Ihre Studien mit Ziegen gelesen werden und Kühe sofort Jodzusätze in die Nahrung bekommen, wenn das Labor ein "zu wenig" meldet, geizen diese Leute um jedes Milligramm, wenn es um Menschen geht. Als ob der Mensch nur von Kohlenhydraten, Eiweißen und Wasser leben könnte und Spurenelemente nicht mehr als eine Zugabe wären. Ich verstehe das jedenfalls nicht. Der zweite Punkt ist ein Dankeschön. Sie haben mir, als ich anfing, mich als Laie mit diesen Themen zu befassen, wie selbstverständlich auf jede noch so einfache Frage geantwortet und mir dicke Briefe mit Kopien wertvoller Artikel geschickt. Das hat mich gefreut - und mehr noch natürlich, dass ich darin ähnliche Schlussfolgerungen fand wie ich sie mir hergeleitet hatte. Das ist nicht selbstverständlich für einen Universitätsprofessor, wenn ich meine Erfahrungen als Maßstab nehme. Deshalb nochmal: Danke! Auch wenn Ihre und meine Arbeit nur recht bescheidenen Einfluss auf die Mehrheiten ausübt denke ich, wir können froh sein für jeden Einzelnen, der bereit ist, sich wenigstens auf das kleine 1x1 der Mineralstoffe und Vitamine einzulassen und sich nicht schlechter zu ernähren als dies für Schlacht- und Zuchtvieh üblich ist. Ihr Werner Winkler
Lieber Salomo, da ich nicht mit Sicherheit weiß, welche Anrede wirklich passend ist, lasse ich diese Formalitäten hier einmal beiseite und hoffe, dass du wenigstens keine Sagengestalt bist, sondern tatsächlich gelebt hast. Da die Bücher, die dich als Autor angeben, in einer Sammlung überliefert wurden, die vielen Menschen als "heiliges Buch" gilt, habe auch ich unter diesen Voraussetzungen über dich und von dir gelesen. Du schienst mir schon in meiner kindlichen Einschätzung eine "verwandte Seele" zu sein, hast dich gleichzeitig mit Lebensweisheiten und mit der Liebe befasst. Immer fand ich in deinen Büchern etwas, das mich interessierte und mich herausforderte. Und mir gefiel die Geschichte, als du dir hättest Reichtum oder langes Leben oder ein großes Königreich hättest wünschen können und doch nur eines wolltest: Gerechtigkeit. Das hat mich länger beeindruckt als vieles andere, was ich damals gelesen habe. Im nochmaligen Nachdenken wundert es mich dann nicht mehr ganz so sehr: Reichtum hattest du schon und Liebe war für dich als König sicher nur einen Fingerzeig entfernt - auch wenn dann vielleicht mehr dein Status geliebt wurde als du selbst. Gerechtigkeit war nicht so leicht zu bekommen, auch nicht für einen König. Sie lässt sich nun einmal weder erobern noch für immer festhalten. Trotzdem hast du versucht, sie in deinem Einflussbereich heimisch und selbstverständlich werden zu lassen. Damit hast du ein Vorbild in die Welt gesetzt, das noch sehr lange - bis in meine Zeit, zum Maßstab wurde. Ich wünschte, es gäbe mehr von deiner Art ... Dein Werner Winkler
Lieber Lao-Tse, du hast uns 81 Sprüche als dein Vermächtnis geschenkt. Ich würde dir gerne einen 82. Spruch zurückschenken als Dankeschön für die vielen guten Impulse, die ich durch dich erhalten habe: Der wahre Weise ist einfach Und schlicht wie ein Kind. Denn auch die Weisheit ist So - schlicht und einfach. Er lässt sich aufhalten wenn Ein Neugieriger ihn bittet. Er gibt was er hat und es ist Sein Bestes. Nichts anderes Hat er behalten am Ende Seines Lebens und Weges. Er kann es in 81 Versen und In einer Nacht aufschreiben.
81 Grüße, Werner Winkler
Lieber Johnny Cash, als ich vielleicht 13 Jahre alt war, hörte ich zum ersten Mal bewusst deine Stimme. Es war in einem Film über das Leben von Jesus. Darin hast du gesprochen und gesungen und so verbanden sich für mich viele der alten Geschichten mit deiner Gitarre und deinem amerikanischen Akzent, als gehörten sie untrennbar zusammen. Wobei mir der starke Kontrast zwischen dem vielen Düsteren im Film und dem heiteren in deinen Liedern ebenfalls in Erinnerung blieb. Verstanden habe ich das erst richtig, als ich viele Jahre später den Film sah, in dem dein Leben nachgezeichnet wurde. Auch du warst zwischen Schicksalsschlägen, Düsterem und Heiterem hin- und hergeworfen. Und doch hast du "den Glauben bewahrt", trotz allem Schweren und trotz deines großen Erfolgs. Auch deine Melancholie blieb dir treu, wie in den Aufnahmen kurz vor deinem Tod zu sehen - als "Man in Black" bliebst du auch noch im Sitzen aufrecht und ein Ankerpunkt für jene Menschen und Momente, in denen uns das Leben als Kontrast zum Schönen seine Schattenseite zeigt. Du warst und bist mir mit all dem ein wertvoller und einzigartiger Begleiter. Dafür herzlichen Dank an dieser Stelle, dein Werner Winkler
Lieber Heinz von Foerster, nein, wir kennen uns nicht persönlich - ich bin nur einer der zahlreichen Leser oder Zuhörer, die etwas von Ihnen geschenkt bekamen und sich dafür bedanken möchten. Nicht für Ihr ganzes Werk - dafür kenne ich es zu wenig - sondern ganz speziell für einen Begriff, zudem für einen, den ich nicht völlig gelungen finde und ihn daher für mich und meine Zuhörer oder Leser gerne umwandle. Ich hoffe, Sie können diese Art der Verbundenheit trotzdem annehmen! Es geht um Ihre "prinzipiell unentscheidbaren Fragen". Auch das Archiv, das Ihren Nachlass verwaltet, konnte mir bisher nicht sagen, wann Sie diese drei Worte zum ersten Mal als eine Kategorie verwendeten, unter der Sie Fragen sammelten, die sich einer einzig richtigen Antwort entziehen wie "Warum gibt es die Welt?" oder "Was ist der Mensch?". Ich empfand diese Neuschöpfung einer Kategorie überaus befreiend und nützlich. Plötzlich fanden sich vielerlei verschiedene Fragen, die bisher lose und verloren in meinem Gehirn verstreut herumstanden in einem gemeinsamen und würdigen Raum versammelt. Und ständig kamen neue hinzu, große und unscheinbare, uralte und brandneue, menschheitsbewegende und ganz persönliche. Und fast immer denke ich dabei an Sie als den Stifter dieses Gedanken- und Fragenraums. Wobei ich, wie schon angedeutet, eine Alternative bevorzuge: Frei beantwortbare Fragen. Sie scheint mir gegenüber Ihrer sehr auf das "nicht" fokussierenden Formulierung mehr das Befreiende und Kreative zu beinhalten, das dieser Raum oder diese Kategorisierung eröffnet. Selbstverständlich geht es auch um das "nicht entscheidbare", etwa der Frage, ob es Gott gibt oder nicht. Aber mit dem "frei beantwortbaren" ist für mich auch die Kennzeichnung enthalten, dass eben gar niemand, auch nicht ein hoher Würdenträger, Professor oder meine Eltern sich das Recht herausnehmen können, eine einzig denkbare und richtige Antwort zu formulieren. Jede Antwortoption bleibt gleichzeitig möglicherweise richtig und möglicherweise falsch. Das befreit und macht kreativ, neugierig vielleicht sogar. Und wenn es nun nicht mehr um den Wahrheitsgehalt einer Antwort gehen muss, kann ich mich auf die Frage konzentrieren: Was macht eine der denkbaren Antworten mit mir oder mit der Welt? Welchen Sinn oder Unsinn gebiert sie? Sie sehen, lieber Heinz von Foerster, welche Anregung Sie in mir hinterlassen haben und dass mein Dankesschreiben schon lange darauf gewartet hatte, abgeschickt zu werden. Ihr Werner Winkler
Lieber Leo Tolstoi, als ich vielleicht 12 oder 13 Jahre alt war las ich das erste Buch von dir, die "Auferstehung". Danach auch die Kreutzersonate und Krieg und Frieden, vielleicht noch mehr, aber die Titel habe ich dann vergessen. Indem ich deine Bücher lieben lernte, liebte ich dich und liebte ich Russland, ohne dich oder Russland je gesehen zu haben. Es war natürlich das Abbild in meiner Seele, das ich liebte, und es war eine schöne Ikone mit viel Blattgold und wenig Spuren nur von russischer Erde oder russischem Blut, vergossen in Kriegen, Revolutionen und Lagern. Das sammelte sich anderswo, in anderen Büchern und zu Füßen anderer Russen. Dass auch du nicht nur ein netter, sondern auch ein sonderbarer oder gar manchmal böswilliger Mensch warst, las ich erst später und wollte es gar nicht glauben. Vermutlich weil ich nicht glauben wollte, dass auch ich selbst nicht nur eine gute, sondern auch eine für Böses anfällige Seele in mir trug und dieser Teil von uns zwar hinter einem Kindergesicht oder in einem schönen Roman zu verstecken war, nicht aber angesichts wirtschaftlicher Interessen und des Wunsches, zu überleben. Und sei es nur auf einem kleinen russischen Bauernhof oder als einfacher Autor in einer globalisierten, internetverbundenen Welt. Wie böse und gemein können wir werden, wenn unsere existenziellen Interessen bedroht werden? Welche Opfer an Menschlichkeit bringen wir dann? Oder im anderen Fall: wieviel Güte bleibt von uns, wenn wir auf der sicheren Seite stehen, wohlhabend, anerkannt und gefragt sind? Sehen wir dann noch die Augen des Bettlers oder nur seinen halbleeren Hut? Verlieren wir die Fähigkeit zur Freundschaft durch Armut oder Wohlstand? Wie erhalten wir in beidem unsere Seele und ihre Würde, die weit über das Hinausgeht, was als Menschenwürde oder Menschenrechte heutzutage verbrieft wird? Mich für solche Fragen aufgeweckt und vielleicht auch wach gehalten zu haben, dafür habe ich dir zu danken, Leo Tolstoi - auch und vermutlich gerade deiner eher schattigen Seite. Es grüßt von Herzen, Werner Winkler
Lieber Johannes Gutenberg, wenn du nur sehen könntest, wie ich dir diesen Brief schreibe! Ich tippe mit allen Fingern in einer für dich unglaublichen Geschwindigkeit auf kleine Tasten und der Text erscheint augenblicklich vor mir auf einer Seite aus künstlichem Licht, festgehalten von Glas und Metall, um es einmal ganz einfach auszudrücken. Und dann kann ich diesen Text, wenn ich möchte, mit wenigen weiteren Tastenklicks an jemand am anderen Ende der Welt schicken und einen Augenblick später kann der Empfänger lesen, was ich geschrieben habe. Nur in die Vergangenheit oder Zukunft schreiben klappt noch nicht, aber auch das scheint mir nicht mehr unmöglich mittlerweile. Bücher werden heute alle im Wesentlichen nach dem Verfahren gedruckt, das du erfunden hast - unglaubliche Mengen von Büchern in einer Qualität und zeitlich engen Abfolge, dass dir schwindlig würde. Nicht nur Bibeln natürlich. Aber schon dreht sich das Rad der Geschichte und der technischen Entwicklung weiter und immer mehr Texte werden weder mit der Hand geschrieben noch mit Druckmaschinen gedruckt, sondern nur noch scheinbar - oder wie es heute heißt "virtuell" - in kleinen Metallplatten aufbewahrt die dafür mit künstlicher Energie, ähnlich dem Sonnenlicht, bestrahlt werden. Auf diese Weise passt der ganze Inhalt der Bibel auf ein Stückchen Metall das so klein ist, dass ich es dir auf deinen Fingernagel legen könnte. Um zu lesen braucht es eine sehr komplizierte Maschine, sie heißt Computer (oder Rechenknecht). Neben dem Anwachsen der Buchproduktion hat also schon seit einiger Zeit ihr Ende bzw. ihr Niedergang begonnen - in Kürze werden Texte kaum noch in Regalen stehen sondern in den schon erwähnten Speichern und künstlichen Büchern aus Metall und Glas aufbewahrt, in denen man nur hervorholt und liest, was man gerade braucht; wenn man möchte und es sich leisten kann, eine ganze Bibliothek in einem solchen Kunstbuch, nicht einmal halb so groß wie deine Bibel. Ob das den Texte gut tut oder schadet, wirst du dich sicher fragen - ich mich auch! Denn obwohl jetzt schon und bald noch mehr die Verfügbarkeit der Texte ansteigt, sinkt doch die Zahl derjenigen, die sie überhaupt beachten oder gar richtig lesen. Man sucht nur noch wenige Stichworte und fliegt über die Texte als seien sie ein Stück Gras. Die Welt hat sich seit deinen Tagen sehr verändert, lieber Gutenberg - und sie ändert sich weiter, wohin weiß niemand, vielleicht in eine Richtung, dass in weiteren 500 Jahren weder richtige noch künstliche Bücher gemacht und gebraucht werden und die Menschen das Schreiben und Lesen sogar ganz verlernen. Denn die Gesellschaft heutzutage ist so empfindlich und das Wirtschaftsgefüge so zerbrechlich, dass die ständig mehr werdenden Menschen auf der Erde trotz aller Fortschritte bald nicht mehr ernährt und mit Wasser und Rohstoffen versorgt werden können - so ist es schon heute in vielen Teilen der Welt und ich habe den Eindruck, niemand wird das stoppen können außer den Umständen selbst. Ob dann noch Platz für Bücher bleibt, wenn es vor allem darum geht, zu überleben? Noch schreiben wir, wie du selbst an diesem Brief siehst ... Es grüßt dich herzlich, Werner Winkler
Sehr geehrter Herr von Nazareth, lange Zeit habe ich Sie ungefragt und häufig geduzt und einfach "Jesus" genannt - ich hoffe, das mit diesem Brief und der "Sie-Form" wieder ein bisschen ausgleichen zu können. Natürlich dachte ich, Sie zu kennen, nur weil ich Berichte aus zweiter Hand über Sie gelesen hatte, zumal solche, die aus einer alten, fremden Sprache übersetzt und zuvor sicher viele Male zensiert wurden. Heute ist mir klar, dass ich Sie vor allem dort zu verstehen und zu kennen glaubte, wo in den Geschichten Dinge standen, die ich von mir kannte oder die ich toll fand. Gerne gebe ich aber zu - und danke Ihnen, wo Sie der Urheber sind - dass mir manche der Sätze und Metapher in diesen alten Geschichten nicht nur gefallen, sondern mich anhaltend beeinflusst haben. Erst heute dachte ich an Ihren Ausspruch über die Entscheidung, die man treffen müsse - ob man Gott oder dem Geld dienen wolle. In meiner Zeit und Gesellschaft, wo sich fast alles ums Geld und nur noch wenig um Gott dreht, selbst in religiösen Kreisen, ist so ein Satz wie ein Leuchtturm: Bei Tag und Nacht sichtbar und hilfreich. Oder die Geschichte mit dem Schafhirten, dem eins seiner Tiere verlorengeht und der daraufhin die Herde den Hunden überlässt und so lange sucht, bis er das eine wieder gefunden hat. Das imponiert mir und setzt Maßstäbe, auch wenn ich daran scheitern sollte. Wobei ich mich schon manchmal frage, was Sie sonst noch so getan und gesagt haben, das nicht überliefert wurde. Oder was da mit Maria Magdalena auf der Mann-Frau-Ebene passierte. Haben Sie sich da etwas verboten oder wurde das geschickt gelöscht aus der Erinnerung an den "Sohn Gottes". Und dann die Geschichte mit dem Kreuz: Was das wirklich notwendig? War es geplant, in Kauf genommen um "der Sache willen" oder einfach Naivität und blinder Glaube an höhere Mächte, die sich gnädig einmischen würden? Falls Sie das alles gewollt und beabsichtigt haben, das da später "in Ihrem Namen" geschah oder unterlassen wurde - wie geht es Ihnen heute damit? Plagen Sie die Gesichter der Märthyrer, die gequält wurden während Sie Ihren Namen auf den Lippen hatten, aber Sie konnten Ihnen nicht helfen oder zur Seite stehen, bis Sie endlich tot waren? Und dann, hinter der Tür des Todes, als diese armen Leute begriffen, dass Sie noch leben könnten, hätten Sie einfach das Opfer für den Kaiser gebracht oder ihren Glauben für sich behalten - konnten Sie diesen Leuten ins Gesicht schauen? Von den Toten der Inquisition möchte ich nicht anfangen, das hatte ja wirklich nur noch ganz wenig mit Ihrem Leben zu tun, wenn überhaupt. Vielleicht klingt es ein wenig ketzerisch, wenn ich hoffe, Sie nach meinem Tod endlich wirklich kennen zu lernen. Denn ich glaube ja nicht oder besser nicht mehr "an Sie". Aber es könnte durchaus sein, dass wir mehr Brüder sind als uns das diejenigen zugestehen würden, die sich als "Ihre Nachfolger" bezeichnen. Es scheint mir nicht ganz unmöglich zumindest. Oder ich hoffe es. Dass Sie ein Mensch waren wie ich und - du. Mit besten Grüßen, auf hoffentlich nicht zu bald, Werner Winkler
Lieber George Bush jr., bisher hat kein Mensch, auch kein amerikanischer Präsident, einen so großen Schaden angerichtet, dass er nicht von anderen Menschen wieder ausgeglichen werden konnte. In der Hoffnung, dass Ihre Nachfolger im Präsidentenamt dies erreichen werden grüßt Sie sehr nachdenklich Werner Winkler
Lieber Karl Marx, wenn ich Ihnen diese Zeilen schreibe versuche ich, Sie mir nicht als eines dieser übergroßen Denkmäler vorzustellen, wie sie in vielen Ländern der Welt, auch hier in Deutschland, stehen oder gestanden haben. Stattdessen versuche ich Sie mir als denjenigen vorzustellen, der mit wachen Augen durch seine Welt und Zeit geht und dann müde und doch voller Leidenschaft versucht, über das Gesehene hinaus denkend eine Utopie zu entwerfen: Wie wäre es, wenn alles anders wäre, was heute noch Probleme und Leiden für viele Menschen verursacht? Dass Ihre Gedanken und Worte einen so großen Einfluss auf die nächsten Jahrzehnte der Weltgeschichte haben würden, hätten Sie sicher nicht zu träumen gewagt, vor allem nicht, was die dunklen Seiten dieses Einflusses betrifft. Die Verfolgten, Vertriebenen, Gefolterten, Ermordeten, Verhungerten, Erfrorenen. Hätten Sie dies alles voraussehen können - hätten Sie geschwiegen? Ihre Gedanken für sich behalten? Die Welt, lieber Karl Marx, das lerne ich von Ihnen (und nicht nur von Ihnen), scheint stärker zu sein als selbst die stärksten und besten Gedanken. Die Welt wie sie an sich ist, prägt ihre ganze Bandbreite an Gutem, Neutralem und Bösem allem auf, das auf ihr gedeiht und sich auf ihr zu verwirklichen sucht. Derselbe Baum, von dessen Früchten wir satt werden erschlägt im Herbststurm mit seinen trockenen Ästen das unter seinem Schutz spielende Kind, zieht den Blitz an und gibt seine furchtbare und tödliche Kraft an den unter seinem Blätterdach ruhenden Wanderer weiter. Sie haben einen mächtig aufgewachsenen Baum gepflanzt mit Ihren Ideen - und inzwischen liegen so viele Erfahrungen damit vor, dass wir nicht mehr für alles eine Lösung daraus erwarten, nicht jeden Preis für deren Umsetzung zu zahlen bereit sind - und bei Sturm und Blitz angemessenen Abstand zu halten in der Lage sind, dank der Warnschilder unter dem Baum. In diesem Sinne: Danke für das Hinschauen, Nachdenken und Aufschreiben! Werner Winkler
Lieber Al Gore, wenn ich mich nicht sehr täusche, mögen Sie es nicht besonders, kritisiert zu werden oder Fehler vorgehalten zu bekommen. Aber da Sie inzwischen und nicht erst seit der Verleihung des Friedensnobelpreises so viel Anerkennung und Aufmerksamkeit bekommen haben, möchte ich doch wagen, einige Worte in dieser Richtung an Sie zu richten. Sie haben sich mit enormer Geduld und Mühe dem Thema "Klimaveränderung" verschrieben und nicht nur viel Zeit, sondern auch lange Strecken auf sich genommen, das Problembewusstsein zu wecken und zu vertiefen. Und doch - jetzt kommt die erste Kritik - ist es meiner Meinung nach nicht damit getan, ein Problem ausführlich zu beschreiben und sein Vorhandensein zu belegen; wir brauchen auch eine Zielsetzung und realistische Möglichkeiten, dieses Ziel zu erreichen. Beides kommt mir bei Ihnen viel zu kurz und führt letztlich, bei mir zumindest, zu einer Mischung aus Hoffnungslosigkeit, Ohnmacht und Ignoranz. Also habe ich mich gefragt: Welches Ziel könnte sich aus der von Ihnen so trefflich beschriebenen Problematik ableiten? Ist es damit getan, den Verbrauch fossiler Energieträger einzuschränken? Nach längerem Nachdenken und einigen ausführlichen Gesprächen mit Kollegen und Bekannten scheint die Kernfrage die zu sein: Wann war es zum letzten Mal so "gut" auf der Welt, dass wir diesen Zustand erneut herbeiführen möchten? Also schlicht: Was soll das Ziel eventueller Anstrengungen sein, nachdem wir erkannt haben, dass wir so wie bisher nicht weitermachen können? Und hier werden sich bestimmt mehr als zwei Meinungen finden - die einen möchten "nur" den Zustand erneuern, eine Welt ohne Atomkraft und -bomben zu sehen, die anderen finden es besser, vor die Industrialisierung und den massiven Verbrauch der Energieträger zurückzukehren und wieder andere träumen lieber gleich vom Garten Eden und wahlweise einem oder zwei Menschen als deren Bewohner. Wie sagte neulich meine Frau "Wenn sich Kain und Abel besser verstanden hätten, sähe es heute noch anders aus." So ungefähr. Doch Spaß beiseite. Aus meiner Sicht kann nur ein Zustand erstrebenswert sein, der sowohl dem Ökosystem als auch dem Menschen selbst eine anhaltende Existenzsicherung garantiert. Also kein so stark voranstrebender und sich entwickelnder Mensch, dass durch ihn das Ökosystem, dessen Teil er doch ist, so massiv geschädigt wird, bis es ihm keine Lebensgrundlage mehr bietet. Wann war dies zuletzt in weltweitem Maßstab gesehen der Fall? Wenn mich meine Geschichtskenntnisse nicht trügen, vor der Zeit des beginnenden Ackerbaus, der Sesshaftwerdung des Menschen, des Städtebaus usw. Jäger und Sammler also, evtl. Kleinpflanzer auf jahreszeitlich unterschiedlichen kleinen Feldern inmitten der unkultivierten Natur. Und der Knackpunkt darf natürlich nicht verschwiegen werden: Auf diese Weise können keine sechs oder acht Milliarden Menschen hier leben. Vielleicht einhundert Millionen oder nur zehn? Einmal angenommen, in 300 Jahren wäre eine solche Bevölkerungszahl auf verträgliche Art und Weise zu erreichen - wir hätten die Mehrzahl der heute drängenden Probleme vom Hals. Und von Klimaveränderungen würden nur noch die Kinder in den Schulen hören, falls es diese dann überhaupt noch bräuchte. Ob es erstrebenswert wäre, müsste jeder Verantwortliche für sich klären, machbar wäre es sicher. Und zwar relativ einfach, indem keine Frau mehr als ein Kind (im Durchschnitt) zur Welt bringt - solange, bis ein verträglicher Wert erreicht ist. Nach meinen Berechnungen dürfte auf diese Weise im Laufe von 300 Jahren die Weltbevölkerung auf um die 100 Millionen sinken. Das wäre ein Rückgang im Faktor 70, d.h. wo heute noch sieben Millionen Menschen leben wären es dann nur noch 100 Tausend. In Deutschland etwa statt über 80 Millionen nur noch etwas mehr als die Einwohner von Köln. Was für eine Erleichterung für das Ökosystem! Und wir hätten 300 Jahre Zeit, uns auf diesen Zustand einzustellen und vorzubereiten. Aber wir müssten bald anfangen, um nicht von den auf jeden Fall einsetzenden Selbstregulierungskräften des Gesamtsystems Erde gegen unseren Willen reduziert zu werden. Auf Ihre Meinung zu meinen Gedanken neugierig grüßt Sie freundlich Werner Winkler
Lieber Echnaton, manchmal geht einer an einer Weggabelung nach links ohne zu ahnen, dass alle die nach ihm kommen werden dieser Entscheidung folgen und den selben Weg einschlagen. Das ist vor allem dann bedauerlich, wenn der Wanderer nach einiger Zeit merkt, wie seine Entscheidung in die Irre oder gar in größte Gefahr führt, er umkehrt und dann die Masse der nach ihm kommenden vor sich sieht, vielleicht versucht, sie zur Umkehr zu bewegen, aufzuhalten wenigstens, das eigene Beispiel vor Augen führend, zur Einsicht mahnend - vergebens. So ähnlich sehe ich deine Entscheidung, das Ewige und Unergründliche statt in vielen Formen nur noch in einer einzigen - dem Sonnengott - zu verehren. Und wie lange haben wir gebraucht, diese Weggabelung zu finden. Und wie unendlich schwer wird es sein, von dort aus einen neuen Weg einzuschlagen? Dabei wäre es vielleicht nur ein kleines Wörtchen gewesen, das deinen Weg und den alten zusammengeführt und versöhnt hätte - das Wörtchen "auch". "Gott ist auch einer." Und nicht "Gott ist einer." Du warst, ohne es zu merken, der erste Dogmatiker &endash; und durch deine Entscheidung und die deiner Nachfolger geschah sehr viel Leid und Streit und Krieg - im Namen des Gottes, den du verehren wolltest, wie du ihn sahst. Du hast deine Herrschergewalt dazu benutzt, deine Untertanen auf deinen Weg, den du für den einzig richtigen hieltst, zu zwingen. Die nach dir Regierenden haben es dir insofern nachgetan, dass sie ebenso ihre eigene Sicht brutal durchgesetzt haben. Doch der Dammbruch war da und seitdem sind viele nach dir auf die Idee gekommen und ihr verfallen, ihren Glauben als den "einzig wahren" zu kennzeichnen. Wir werden es schwer haben, uns mit Hilfe der Kunst der Toleranz von dieser Schattenseite deiner Gedanken zu befreien und sie durch neue Gedanken zu ersetzen - vielleicht durch den, dass das Geheimnisvolle, Unaussprechliche, das wir mit so vielen Namen zu fassen versuchen, nicht zu fassen ist. Nicht mit Worten, nicht mit Bildern, nicht mit Namen oder Gedanken. Weil es uns fasst und umfasst, womöglich gar einschließt und durchdringt. So nah und fern zugleich, dass überhaupt kein einzelner Blick darauf möglich ist. Nur viele davon, jeder richtig und jeder falsch, wenn er als allein richtig verstanden würde. Ich lasse es dich wissen, wenn wir auf einem besseren Weg sind und grüße dich einstweilen mit der einem ägyptischen Pharao gebietenden Hochachtung! Werner Winkler
Copyright: Werner Winkler, 4/2008, Alle Rechte vorbehalten
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