Werner Winkler

 

Ich habe einen 2048-Traum.

 

 

Alle Rechte beim Autor, April 2008

 

 

Martin Luther King hatte 1968 einen Traum für seine Generation. Ich habe einen für meine in 2008.

 

In meinem Traum vom Jahr 2048 gibt es keine Schulnoten mehr und keine nationalen Armeen. Dafür gibt es Schüler, die gerne in die Schule gehen, weil sie dort Dinge ohne Leistungsdruck lernen können, die ihnen Spaß machen - von hoch angesehenen und beliebten Lehrern, viele davon Lehrer auf Zeit, Freunde der Schüler, nicht deren Angriffsziele oder Alpträume. Statt nationaler Armeen gibt eine gemeinsame Armee der UN, die alle Länder und jede Minderheit schützt. Das bei den Militärausgaben gesparte Geld wird seitdem konsequent in die Kindergärten, Schulen und Universitäten investiert. Für manche Länder beträgt der Beitrag an der UN-Armee nur noch 10% der früheren Ausgaben für die nationale.

In meinem Traum von 2048 gibt es keine grauen Städte und kein Bevölkerungswachstum mehr, sondern eine weltweite Übereinkunft, dass ein Kind pro Frau für die nächsten Jahrzehnte und vielleicht Jahrhunderte das oberste Gebot ist. Und ein weltweit gültiges Gesetz, dass an oder auf jedem Gebäude eine ebenso große Fläche begrünt sein muss, wie es auf dem Boden belegt. Die Folge davon sind die grünen Städte meiner Träume. In diesen Städten gibt es auch keine Arbeitslose und Arme mehr - genauso wenig wie auf dem Land. Denn einerseits gibt es für jeden Bürger, der auf dem Arbeitsmarkt keine Anstellung findet einen staatlichen Job und somit eine sinnvolle Tätigkeit statt demotivierender Almosen. Und es gibt ein Grundgehalt für jeden, der sich dafür einträgt und die Bedingung akzeptiert, dass er im Gegenzug eine bestimmte Anzahl Arbeit für die Allgemeinheit leistet.

Es gibt keine Steuern, keine Finanzämter und keine Steuerberater mehr in meinem Traum von 2048, auch keine Währungsschwankungen oder Wechselkurse. Möglich machte die eine Weltwährung, benannt nach der ersten frei gewählten chinesischen Ministerpräsidentin Lin, die ihre Einführung forderte. Anstatt Steuern erheben und eintreiben zu müssen erhalten alle im Lin-Verbund zusammengeschlossenen Staaten (alle in 2048 existierenden außer der Schweiz, Lichtenstein, Florida und Vatikanstadt) ihren Etat direkt von der Weltbank überwiesen. Diese erhöht die Geldmenge in einem genau festgelegten Maß, das geringere Wertverluste und höhere Sicherheit für alle am Wirtschaftsleben beteiligten bietet. Dafür wurde gegen den Widerstand der Nutznießer am alten System eine Idee des europäischen Mittelalters reaktiviert. Im Schnitt erhöht sich die Geldmenge monatlich um zwei Prozent - da aber niemand mehr Steuern bezahlen und der Staat keine Ausgaben für den Steuereinzug hat, ist es für alle preiswerter und praktischer. Es gibt auch keine Schwarzarbeit mehr, keine Steuerhinterziehung und keine Steuerprüfer. Und von diesen zwei Prozent bezahlen die Staaten außerdem jedem ihrer Bürger die Krankenversicherung und eine nach Renteneintrittsalter gestaffelte Altersrente, die beliebig durch eigene Arbeit aufgestockt werden kann.

Das Gesundheitssystem in meinem Traum von 2048 ist mit dem des Jahres 2008 kaum noch zu vergleichen. Ärzte unterliegen keinen Wettbewerb mehr und sie müssen keine Abrechnungen mehr an eine Krankenkasse schicken, weil es keine mehr gibt. Sämtliche Angestellten des Gesundheitssystems werden direkt vom Gesundheitsministerium bezahlt. Dabei hängt ihr Einkommen nicht davon ab, wie viel sie behandeln, sondern wie gesund die Patienten sind, die in ihrem Bezirk leben. Gute Ärzte erkennt man 2048 daran, dass sie nachmittags frei haben und von ihren Patienten für eine weitere Amtszeit gewählt werden wie Abgeordnete. Vorbeugung, Wissensvermittlung und die Suche nach möglichst effektiven Therapiemethoden gehören 2048 zur Normalität. Pharmaunternehmen müssen als gemeinnützige Betriebe firmieren und Gewinne ins Unternehmen selbst investieren. Aktiengesellschaften sind im Pharmabereich verboten.

Verboten sind 2048 auch öffentliche Bekanntmachungen, Fernsehsendungen oder Straßenschilder, die nur die Landessprache verwenden. Überall muss die weltweite Zweitsprache EasyEnglisch parallel verwendet werden, selbst in Schulbüchern oder auf Lebensmittelpackungen. Dies bewirkt, dass man sich überall auf der Welt schon mit Basiskenntnissen in EasyEnglisch verständigen und bewegen kann. Kinder lernen es als Zweitsprache bereits im Kindergarten, da im selben Gesetz gefordert wird, die Hälfte aller Erzieher und Lehrerinnen müsse als Normalsprache EasyEnglisch sprechen.

Dass sich in meinem Traum von 2048 auch die Demokratien verändert haben, ist selbstverständlich. Sie sind nicht mehr das Geschäft einer elitären und vom Alltag enthobenen Klasse stimmenhungriger Politiker. 2048 gibt es in jeder Straße, in jedem Ort, in jeder Region Kleinparlamente, oft nur mit fünf oder zehn Bürgern besetzt, die alle Fragen diskutieren, die für sie von Belang sind. Durch ein gestaffeltes Abgeordnetensystem sind alle Entscheidungsebenen bis hin zu den nationalen Parlamenten und dem UN-Parlament mit Bürgern besetzt, die selbst in einem Kleinparlament aktiv sind. Es gibt in 2048 auch nicht mehr eine Stimme für jeden Bürger sondern zehn - er kann seine Stimmen also auf alle verteilen, die er für geeignet hält, was auch kleineren Parteien oder Vereinigungen eine Chance lässt, sich Gehör zu verschaffen und Ideen in die Parlamente zu bringen. Mit die größte Veränderung brachte jedoch vor vielen Jahren die Einführung der "Zufallsabgeordneten" in den damaligen Parlamenten. Statt nämlich die Stimmen der "Nichtwähler" verfallen zu lassen wurden durch ein Losverfahren Bewerber aus einer Liste zu Parlamentariern gewählt, die zuvor eine Mindestanzahl an Unterstützern gewonnen hatten und die keiner der Parteien angehören dürfen, die sich zur Wahl stellen. So entstand der Zwang zu wirklicher Politik und Diskussion in den Parlamenten, da sich keine Partei mehr alleine auf ihre Abgeordneten verlassen konnte. Viele früher undenkbare neue Gesetze prägen das Leben in 2048. So werden viele Gerichtsverfahren von ehrenamtlich tätigen Bürgern in "Mini-Gerichten" allein zwischen Anklägern und Beschuldigten, ohne Anwälte und ohne hohe Kosten verhandelt. Oft enden solche Prozesse mit einer gütlichen Einigung oder einem Angebot des Täters an das Opfer für Wiedergutmachung. Viel weniger Menschen leben 2048 in Gefängnissen sondern leisten ihre Strafe direkt zu Gunsten der Täter mit allgemeiner Zustimmung ab. Ein ebenso markantes Beispiel für die Veränderungen sind die flexiblen Ehegesetze: Eheinteressenten haben die Auswahl zwischen einem breiten Angebot an Eheformen, einschließlich Ehen auf Zeit oder Ehen zu Dritt. Viel unnötiger Stress wurde so von Ehepartnern genommen und die zusätzliche Freiheit scheint auch der Liebe unter den Eheleuten gut zu tun, wie die geringe Zahl von gerichtlich zu klärenden Scheidungen zeigt. Viele Frauen und Mütter schließen sich inzwischen zu Gruppenehen zusammen um ihre soziale Sicherheit und die ihrer Kinder unabhängig von der Zuneigung der Männer zu organisieren. Im Gegenzug haben sich viele Männer in Männerbünden organisiert und unterstützen sich gegenseitig. Oft sind diese Bünde aus den freiwilligen Großfamilien entstanden, die als Folge der weltweiten Ein-Kind-Politik gegründet wurden, um den Kindern die Chance zu geben, von klein auf mit anderen Kindern aufzuwachsen. Vielerorts haben diese Großfamilien oder die Frauen-Gruppenehen die öffentlichen Kindergärten überflüssig gemacht.

Und noch ein Traum, der in 2048 endlich wahr wurde: Die Zeit der religiösen Intoleranz ist vorbei. Möglich wurde diese Entwicklung einerseits durch die gemeinsame UN-Armee, die gegen jegliche religiös motivierten Agressionen effektiv einschritt - andererseits durch eine vom Weltrat der Religionen entworfene Toleranzformel, die inzwischen von fast allen organisierten Religionen unterzeichnet ist und in die jeweiligen Lehren integriert wurde. Diese Formel, die kurz gefasst in etwa "Wir haben alle einen Blick auf die Große Wahrheit erhalten. Keiner jedoch den ganzen." bedeutet, überwand den vielerorts üblichen Dogmatismus mit seinem "wir haben Recht". Stattdessen befördert die Toleranzformel und die dadurch entstandene Neugier auf "den Blick des anderen" den Austausch von Gläubigen und Ideen. Auch Nicht-Gläubige wurden in diesen Prozess mit einbezogen indem die Atheistische Weltvereinigung eingeladen wurde, gleichberechtigt an den Beratungen des Weltrats der Religionen teilzunehmen. Als äußeres Zeichen der neuen Haltung nahmen alle Unterzeichner der Toleranzformel in ihre Symbole einen offenen Kreis auf - dieser symbolisiert einerseits die Stärke und Berechtigung der Traditionen jeder Religionen, andererseits die Grenze jeglichen Wissens und jeglicher Tradition die eine Öffnung für andere Menschen und Traditionen einfordert. Fast alle Staaten haben inzwischen als Voraussetzung für öffentliche Förderung und Anerkennung von Religionsgemeinschaften deren Zustimmung zur Toleranzformel eingeführt. Es scheint, also habe die Zurückdrängung des Dogmatischen aus den Religionen gerade bei jungen Menschen eine enorme Neugier am Reichtum der Religionen entstehen lassen - als ob die schädliche Strahlung der Atomkraft verschwunden wäre und statt Urankernen Meerwasser in den Reaktoren die Energieproduktion ermöglichten. Doch dieser Traum scheint noch einmal 40 Jahre auf sich warten zu lassen, wie manch anderer, an dessen Verwirklichung noch gearbeitet wird.

 

 

 

 

 

Copyright: Werner Winkler, 4/2008, Alle Rechte vorbehalten

 

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