Vom Umgang mit "Prinzipiell unentscheidbaren Fragen" (auch "letzte Fragen" oder** "Foerster-Fragen")
von Werner Winkler


"Eine falsche Antwort ist leicht festzustellen, aber es braucht Originalität, um eine falsche Frage zu entdecken." (Antony Jay)

Mit der Einführung der "prinzipiell unentscheidbaren Fragen" (Heinz von Foerster) bilden sich automatisch zwei weitere Kategorien: die der prinzipiell entscheidbaren und die der möglicherweise entscheidbaren Fragen. Beispiele:

a) prinzipiell entscheidbare Fragen

- müssen Menschen Wasser trinken?
- fällt ein Apfel vom Baum nach unten?
- wie viele Menschen sind in diesem Raum?

b) möglicherweise entscheidbare Fragen:

- wie viele Menschen leben auf der Erde?
- gibt es ein Gen, das die Alzheimer Krankheit auslöst?
- gab es Massenvernichtungswaffen im Irak?

c) prinzipiell unentscheidbare Fragen*

- was geschieht mit uns, nachdem wir sterben?
- gibt es Gott bzw. wie soll man sich ihn vorstellen?
- wie sehen Atome in Wirklichkeit aus?
- hat das Licht Wellen- oder Teilchenform?
- ist Herr X. ein guter Psychotherapeut?
- meint es Frau Y. ehrlich, mit dem, was sie sagt?

Da gerade die "prinzipiell unentscheidbaren Fragen" einen enormen Einfluss auf zahlreiche psychologische, philosophische, physikalische und auch weltanschaulich-religiöse Fragen ausüben, will ich mich hier ausschließlich ihnen zuwenden und zunächst einige weitere von ihnen auflisten**:

1. Eher philosophische Fragen: 
- hat das Leben einen Sinn und wenn ja, welchen?
- was geschieht mit uns, nachdem wir sterben?
- gab es mich als Individuum, bevor ich gezeugt wurde?
- gibt es so etwas wie einen Gott und falls ja, was können wir über ihn wissen?
- ab wann ist es Mord, einen Embryo absichtlich an der weiteren Entwicklung zu hindern?
- ist es vertretbar, Tiere für die eigene Ernährung zu töten oder auszubeuten, auch wenn genügend pflanzliche Lebensmittel zur Verfügung stehen?
- dürfen Menschen andere Menschen töten, z.B. im Krieg?
- haben wir einen freien Willen oder werden wir von unserem Unbewussten (oder etwas anderem) regiert?
- gibt es so etwas wie "Geist" bzw. was ist das Bewusstsein?
- was ist Liebe?

2. Eher wissenschaftliche Fragen:
- woher kommt die viele Energie im Universum?
- Verändert sich alles oder gibt es auch Dinge und Zusammenhänge, die bei allem Wechsel der Erscheinungen immer gleich bleiben?
- was war vor dem Urknall bzw. gab es überhaupt ein "davor"?
- steckt eine Art Plan oder eine Absicht hinter der Entstehung des Universums?
- wie sehen Atome in Wirklichkeit aus?
- warum ist die Welt genau so, wie sie ist?
- wie genau funktioniert die Anziehungskraft, z.B. über sehr weite Entfernungen im Weltall?
- wie entstand das erste lebendige Wesen?
- wie sieht das Ende des Universums aus; was geschieht dann mit der in ihm vorhandenen Energie/Materie/Information?
- hat das Licht Wellen- oder Teilchenform?
- was bedeutet Leben?

3. Eher gesellschaftliche Fragen:
- welche Verhaltensweisen sind strafrelevant und welche Strafen sind angemessen?
- welche Regierungsform ist die beste?
- welche Wirtschaftsform ist die beste?
- welche Formen des Zusammenlebens sollten von der Allgemeinheit geduldet, welche gefördert, welche untersagt werden?
- wie viel Einfluss sollte/muss die Allgemeinheit auf die Erziehung von Kindern nehmen?
- ist es legitim und richtig, Energie aus Kernspaltung zu gewinnen, auch wenn dadurch radioaktive Abfälle entstehen, die noch in vielen Tausend Jahren tödliche Wirkung auf Lebewesen haben können?

Heinz von Foerster sagt dazu (in "Teil der Welt", S. 178): "Das ist das Amüsante an den prinzipiell unentscheidbaren Fragen; dass es eben keinen Formalismus, keinen Zwang, gibt, der mich zwingt, diese Frage in dieser oder jener Form zu beantworten. Mit dieser prinzipiellen Unentscheidbarkeit ist ein Raum der Freiheit geöffnet, in dem du jetzt entscheiden kannst. Das heißt, prinzipiell unentscheidbare Fragen können nur wir entscheiden, indem wir sagen: Ich möchte diese Entscheidung wählen, denn ich habe die Freiheit, hier zu wählen, was ich will." Die Konsequenzen dieser so harmlos daherkommenden Unterscheidung von Fragen möchte ich versuchen am Beispiel der Gottesfrage aufzuzeigen, weil gerade diese Frage uns zu Beginn des 21. Jahrhunderts erneut und hautnah politisch beschäftigt. Die Schlussfolgerungen dürften jedoch auch für andere als den religiösen Kontext gelten.

Bis zur sogenannten "Mosaischen Unterscheidung" (so Jan Assmann, vgl. sein Buch "Die Mosaische Unterscheidung", Hanser 2003) waren sich unsere Vorfahren anscheinend über den unentscheidbaren Charakter gewisser religiöser Fragestellungen bewusst. Sie vermieden sorgfältig, von 'richtig' und 'falsch' zu sprechen, wenn von ihren Göttern bzw. deren Verehrung die Rede war.

Der andere hatte einfach nur 'andere' Götter. Offenbar war der ägyptische Pharao Echnaton der erste, der seinen Lieblingsgott Aton (in Gestalt der Sonnenscheibe) zum einzig wahren Gott erklärte und die bis dahin zahlreichen Gottheiten und deren Tempel auszulöschen suchte. Nach seinem Tod wurde dies nicht nur rückgängig gemacht, sondern sein Name so entschlossen ausradiert, dass er erst im 19. Jahrhundert, also über 2000 Jahre später, wieder entdeckt wurde. Der biblische Moses wird zeitlich in die Nähe zu Echnaton gerückt, so dass schon Sigmund Freud vermutete (wahrscheinlich zu unrecht, wie man heute weiß), Moses sei ein Aton-Priester gewesen, der die Lehre des einen wahren Gottes den Hebräern 'geschenkt' habe.

Die Ähnlichkeiten zwischen Echnaton und Moses hinsichtlich ihres Versuches, eine bis dato als "unentscheidbar" geltende Frage zu beantworten (und mit Gewalt durchzusetzen), lässt - nicht nur für Jan Assmann - die These einer "Gedächtnisspur" als wahrscheinlich gelten. Die "Mosaische Unterscheidung" bedeutet also historisch gesehen einen enormen Einschnitt, denn von da an gab und gibt es 'richtige' und 'falsche' Götter mit allen Konsequenzen (Konzilien, Dogmen, Ketzer, Religionskriege etc.). Wenn die Frage entschieden ist, wer 'der Richtige' ist, kann und darf es weder Wettbewerb noch Abweichung geben; dann das Ziel nur noch die Durchsetzung dessen, was für richtig erkannt wurde. Dabei resultiert die Sprengkraft weniger aus der neuen Kategorisierung einer Frage (von 'unentscheidbar' zu 'entschieden'), sondern vom Gegenstand, mit dem sie sich beschäftigt, eben der Gottesfrage.

Die Welt wird geheimnislos und langweilig, wenn alle Geheimnisse bereits geklärt sind. Wer uns die Freude an eigenen Antwortversuchen der "prinzipiell unentscheidbaren Fragen" durch vorgegaukelte Sicherheit nimmt, lässt uns verarmen, auch wenn seine Antworten noch so hilfreich, langerprobt oder von einer großen Menschenmasse geteilt werden. Schließlich führen keine Physiker Krieg um die Frage, wie Atome aussehen oder das Universum entstanden ist. Oder sie tun es bis genau zum Ende ihrer Arbeitszeit und gehen danach zusammen Bier trinken.

Die Behauptung jedoch, die Gottesfrage sei endgültig (durch Selbstoffenbarung des bis dahin unsichtbaren oder in allem sichtbaren höchsten Gottes nur gegenüber einem Menschen) geklärt, ist so ungeheuerlich, dass eine Spaltung der Welt unvermeidlich wurde (vgl. hierzu meinen 2012 veröffentlichten Text "Religion entgiften", erschienen als E-Book bei Amazon-Kindle).

Gläubige standen von da an Ungläubigen, Israeliten den Götzendienern, Christen den Heiden und Moslems den "noch nicht unterworfenen Völkern" gegenüber. Zugleich wird jedem einzelnen Menschen die von Heinz von Foerster beschriebene Freiheit genommen, sich selbst eine Antwort (oder verschiedene Antworten) zu suchen. Die rechtgläubigen Religionen neigen sogar dazu, möglichst viele "prinzipiell unentscheidbare Fragen" im Rahmen ihrer Dogmen für entschieden zu erklären und den Glauben daran zu fordern. Eine bequeme Alternative für jemand, der weder Interesse oder Neugier hat, sich selbst mit existenziellen Dingen auseinander zu setzen, keine Frage.

Gefährlich an dieser Entwicklung ist nicht, dass ein sizilianisches Mütterchen vollstes Vertrauen in die Antworten ihres Priesters setzt, sondern es sind die (kriegerisch-) missionarischen Aktivitäten der Rechtgläubigen in Richtung der in religiösen Fragen noch frei denkenden Menschheit. Andererseits - und jetzt sind wir im therapeutisch-beratenden Rahmen angekommen - bei demjenigen Ratsuchenden, der sich unwissentlich in vorgefertigten Antworten auf Lebensfragen wie ein Singvogel im Leim verfangen hat.

Ich denke etwa an einen Klienten, der sein Gehetztsein mit den Worten "man hat ja schließlich nur ein Leben" zu entschuldigen sucht - oder die Frau, die am frühen Tod ihres Freundes fast verzweifelt, weil sie weder Sinn noch Hoffnung auf Wiedersehen angesichts des Sterbens in sich finden kann. Ihr fehlen mögliche Antworten, weil ihr nur die zwei, drei Standardant-worten bekannt sind, welche ihr Eltern und Religionslehrer vermittelt haben. Eben jener "Raum der Freiheit" bleibt ihr verschlossen, und zwar sehr gründlich. Wurden doch in der frühen religiösen Erziehung Dinge versäumt, die später nur sehr schwer nachzuholen sind. Man könnte nun vom Regen in die Traufe geraten und 'das Kind mit dem Bade ausschütten', wollte man die bisherigen Antwortversuche (nehmen wir noch einmal die Gottesfrage als Exempel) der Generationen vor uns - einschließlich der dogmatisch eingerahmten - nun ad acta legen und (z.B. bei den eigenen Kindern) bei Null anfangen.

Dies wäre schon deshalb unmöglich, weil sehr rasch der Sog vermeintlich reicher Erfahrungsschätze dieser oder jener Religion das Vakuum füllen würde. Genau dieser Effekt scheint mir in den 1960er-Jahren bei einer schon weitgehend religionsentfremdeten jungen Generation aufgetreten zu sein: Indien und Baghwan waren als "Raum der Freiheit" einfach zu verlockend. Auch eine Rückkehr zum Zustand vor Moses oder Echnaton in die ungeordnete Vielfalt der Götterwelt ist undenkbar oder wünschenswert. Schließlich gab es so etwas wie eine Aufklärung und die Entdeckung des konstruktivistischen Charakters unserer persönlichen Wahrnehmung, welche absolute, allgemein gültige Wahrheiten in Sprachform sachlich ausschließt.

Mische ich nun die Kenntnisse um "prinzipiell unentscheidbare Fragen", die Einsichten der Aufklärung und des Konstruktivismus sowie die Wertschätzung gegenüber den vorhandenen verschiedenartigsten Antworten (in der Gottesfrage) in einen großen Topf und lasse ihn gut durchkochen, kommt bei mir folgendes Ergebnis heraus: Ich darf mir (und denen, die mich hierzu fragen) aus allen mir zugänglichen und vorstellbaren Antworten diejenige/n aussuchen, welche mir für den gesuchten Zweck als passend erscheinen. Ich darf den Raum der Freiheit genauso in Anspruch nehmen wie die (evtl. verstaubten) Schatzkammern der bisherigen Antwortversuche, selbst wenn diese von denjengen, welche sie gaben als 'richtig' oder 'allein richtig' tituliert wurden. Ich darf die nützlich bzw. sinnvoll erscheinenden Antworten aus der Umklammerung des Dogmas lösen und in meine Sammlung möglicher Antworten aufnehmen. Ich darf neugierig sein auf die Antworten anderer Menschen, auch wenn diese nicht neugierig sind auf die meinen. Ich darf die Gebete meiner Kindheit genauso beten wie die Gebete Moses oder die Gebete, die ein Popstar, ein Dichter oder ein Mystiker formuliert - wenn sie meine Wellenlänge treffen und mir Worte schenken, das Unentscheidbare für einen kurzen zerbrechlichen Augenblick als Entschieden zu glauben. Aber ich werde mich und andere nicht in einer Sicherheit wiegen, die es nicht geben kann, weil ich mir im Klaren darüber bin, dass diese vermeintliche Sicherheit den unentscheidbaren Fragen gegenüber prinzipiell unangemessen ist, den Raum der Freiheit einengt und damit den anderen und mich selbst seiner tiefsten menschlichen Würde beraubt.

Neulich hörte ich eine deutsche Ärztin, die nach Schweden ausgewandert war, über einen Unterschied reden, der ihr aufgefallen war: In Schweden sei es üblich, "vorläufige Diagnosen" zu stellen, wenn man sich nicht ganz sicher ist und die eigenen Beobachtungen bei nächster Gelegenheit mit den Ärztekollegen zu besprechen. Man darf sich irren, sich korrigieren, sich Rat und Anregungen suchen, lernen. Man darf unsicher sein, auch als Wissender Menschlichkeit zeigen. Was für ein Unterschied!

Nämlich einen vielleicht utopischen und frage mich, was praktisch noch geschehen könnte, den Graben, welcher durch die Mosaische Unterscheidung" aufgerissen wurde, wieder zu füllen? Die Idee eines "Weltethos" im Sinne des Tübinger Theologen Hans Küng scheint mir hier nicht weit genug zu greifen. Es kann auch nicht darum gehen, noch eine Glaubensrichtung in die Welt zu setzen oder einen 'Internationalen Religionsverband' zu gründen (wo blieben da die Nicht-Religiösen?). Ich setze einmal voraus, dass es bereits eine größere Anzahl von Menschen gibt, die in der oben geschilderten Weise mit der Gottesfrage (oder anderen unentscheidbaren Fragen) umgehen. Würden diese sich zu ihrer Haltung sichtbar bekennen (womit ja noch nicht ausgesprochen wäre, welche Antworten sie aktuell bevorzugen), entstünde womöglich eine Art Gegensog zur Teilung der Welt in 'Gläubige' und 'Ungläubige' bzw. 'Gute' und 'Böse'; etwas Drittes, 'Möglichkeitsgläubige' bzw. 'Gut-Böse-Verweigerer'.

Es müsste doch attraktiver sein, in einem Raum der Freiheit offen und respektvoll den Austausch über gefundene vorläufige Antworten zu pflegen als den gebetsmühlenartigen Wiederholungen angeblich offenbarter Wahrheit zu lauschen. Wie kann solch ein Zeichen gesetzt, wie der Einzelne sich über die alltäglichen Gespräche hinaus 'outen'? Gebietet doch der Respekt vor der Intimität solcher Antworten einen dezenten Umgang damit. Es scheint nicht angemessen, im Kaufhauslärm über mögliche Antworten auf existenzielle Fragen zu sprechen. Fürs erste habe ich mich entschlossen, einen "Raum der Freiheit" symbolisch mit einem Steinkreis darzustellen, um mich zu erinnern, dass ich ihn in mir selbst und in Gesprächen solcher Art erhalten und erweitern möchte.

Der Raum der Freiheit kann und darf nicht in allzu festen Gebäuden verbaut werden. Er kann nur von lebendigen Menschen und ihren Ideen verkörpert werden. Wenn uns Symbole daran erinnern, umso besser. Wäre es nicht denkbar, die verwendeten Religionssymbole um ein gemeinsames Element zu bereichern und damit die Bereitschaft zu signalisieren, über die rechtgläubigen Ursprünge hinwegzukommen? Meine Idee dazu wäre ein "offener Kreis" um die Symbole bzw. ein leerer offener Kreis für diejenigen, welche sich keiner einzelnen religiösen Richtung verbunden sehen.

"Wir irren allesamt, nur jeder irret anders." (Albrecht von Haller)

 

* Nachtrag (November 2006): Anstatt einer negativen Formulierung "nicht entscheidbar" wäre auch eine positive, öffnende Version denkbar, z.B. "völlig frei beantwortbare Fragen".

** Einfügung der beispielhaften Fragen und Nachtrag (März 2014): "Prinzipiell unentscheidbar" bedeutet nicht, dass es keine Antwort auf diese Fragen gäbe, sondern, dass es für Menschen (zumindest während ihres Lebens im derzeitigen evolutionären und technischen Stand) nicht möglich ist, die richtige Antwort mit Sicherheit zu identifizieren.

Es könnte also durchaus sein, dass eine der vielen denkbaren Antworten auf eine "prinzipiell unentscheidbare Frage" wahr ist, nur könnte weder der Antwortende noch irgend ein anderer Mensch die Richtigkeit der Antwort mit Sicherheit feststellen.

Deshalb wäre vielleicht eine korrektere Benennung dieser Fragenkategorie: "von heute lebenden Menschen nicht mit Sicherheit richtig zu beantwortende Fragen"; um ihrem Entdecker, Heinz von Foerster, die Ehre zu erweisen, schlage ich der Einfachkeit halber vor, sie künftig "Foerster-Fragen" zu nennen.

Copyright: Werner Winkler, 2004-2014 Alle Rechte vorbehalten